Sven Hannawald analysiert den Misserfolg der Deutschen. Der Vorjahreszweite Severin Freund stieg schon zur Halbzeit chancenlos aus
Sven Hannawald analysiert den Misserfolg der Deutschen. Der Vorjahreszweite Severin Freund stieg schon zur Halbzeit chancenlos aus © SPORT1-Grafik: Getty Images / DPA Picture-Alliance/ Imago

München - Seit dem Rekordsieg von Sven Hannawald scheitern die DSV-Adler Jahr für Jahr beim Angriff auf den Tournee-Sieg. Der Ex-Champion nennt bei SPORT1 die Gründe für das Trauma.

von Michael Prieler ,

Die deutschen Skisprung-Adler und die prestigeträchtige Vierschanzentournee - das ist schon lange keine Liebesgeschichte mehr.

Bei der 65. Vierschanzentournee, die der Pole Kamil Stoch gewann, war Shootingstar Markus Eisenbichler mit Platz sieben der beste deutsche Teilnehmer. Mit Stephan Leyhe auf dem achten Rang und Richard Freitag als Elfter schafften es immerhin drei DSV-Athleten unter die Top 15 der Gesamtwertung.

Auch in den vergangenen Jahren waren die deutschen Ergebnisse in der Breite stets ordentlich, die absolute Spitze konnte seit Sven Hannawalds Vierfach-Triumph im Jahr 2002 aber kein heimischer Skispringer mehr erobern. Bei SPORT1 nennt der Ex-Champion, der inzwischen als Experte für Eurosport arbeitet, die Gründe für das deutsche Tournee-Trauma.

- Mentaler Druck

Nordische Ski-WM oder Skifliegen hin oder her - die Vierschanzentournee ist und bleibt die prestigeträchtigste Skisprung-Veranstaltung jeder Saison. Um hier zu triumphieren, ist unglaubliche mentale Stärke nötig, ein gewisser Killerinstinkt. Dieses Sieger-Gen scheint den deutschen Adlern in den vergangenen Jahren abhanden gekommen zu sein.

Das sagt Hannawald: "Es ist einfach mehr Trubel drumherum. Die Namen werden in den Medien öfter genannt. Da kommt man etwas weg vom Trainingsalltag. Damit umzugehen ist ein Lernprozess für jeden Springer. Da sieht man in den letzten Jahren auch Unterschiede zwischen den Nationen. Zum Beispiel gehen Österreicher damit immer entspannt um, während wir Deutsche schauen, dass man sich aktiv ein bisschen herausnimmt."

- Hohe Erwartungshaltung

Dazu kommt die hohe Erwartungshaltung in der Heimat. Die Fans bei den ersten beiden Springen auf deutschem Boden in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen können beflügeln. Die DSV-Athleten jedoch wirkten bei den Heimauftritten in den vergangenen Jahren gehemmt. Die Fußstapfen der Tournee-Sieger um Jens Weißflog und eben Hannawald sind offenbar zu groß. Nur warum?

Das sagt Hannawald: "Es liegt an Kleinigkeiten. Die Jungs bringen in Einzelspringen Top-Ergebnisse. Das hat man in Bischofshofen gesehen, als Andreas Wellinger Schanzenrekord gesprungen ist. Wir haben mit Markus Eichenbichler auch einen, der immer vorne reinschnuppert. Aber sobald eine Kleinigkeit nicht stimmt, hat man keine Chance. Und man muss auch sagen, dass es für die Jungs auch das eine oder andere Mal wetterbedingt schlecht lief."

- Zeitpunkt

Für einen Saisonhöhepunkt liegt die Vierschanzentournee traditionell recht früh im Skisprung-Kalender. Der Formaufbau der deutschen Skispringer scheint nicht auf den Jahreswechsel zugeschnitten zu sein, sondern auf die Medaillenentscheidungen am Ende jeder Saison. Für einen ersehnten Tournee-Coup reichte die Frühform in den vergangenen 15 Jahren nie aus.

Das sagt Hannawald: "Am Termin liegt es meiner Meinung nach nicht. Ich denke, die Tournee ist einfach ein Highlight, bei dem sehr viel passiert. Darauf muss man sich mental vorbereiten."

- Nachwuchsprobleme

Auch der deutsche Nachwuchs weiß seit Jahren nicht wirklich zu überzeugen. Während die Österreicher und Norweger immer wieder Shootingstars aus dem Ärmel zaubern, die sogar das Zeug haben, die Tournee zu gewinnen, bleiben die deutschen Hoffnungsträger oft blass. Hat sich der DSV nach Hannawalds Rekord-Sieg etwa auf seinen Lorbeeren ausgeruht und die neuesten Entwicklungen in der Nachwuchsarbeit verschlafen?

Das sagt Hannawald: "Ich denke nicht, dass es schlecht um den Nachwuchs steht. Vor zehn Jahren hatte man nur die Leistungsträger der ersten Mannschaft, danach war ein riesiges Loch. Markus Eisenbichler kam zum Beispiel über den Continental Cup und hat sich hoch arbeiten können. Wenn ein erfahrener Leistungsträger wie Severin wegbricht, ist immer noch Markus da, aber es ist bei ihm einfach noch nicht so abrufbar."

- Bundestrainer

Gerade in der zurückliegenden Auflage der Tournee schien selbst Bundestrainer Werner Schuster oft ratlos. Der Österreicher zeigte sich am Ende selbtkritisch: "Das war nicht die Tournee, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Wir haben einfach keinen Siegspringer zur Zeit. Nur Qualität in der Qualifikation reicht einfach nicht aus." Erreicht Schuster seine Springer überhaupt noch?

Das sagt Hannawald: "Im Wettkampf will man unbedingt alle Fehler vermeiden und schon ist der Fluss im Sprung weg. Das sind Lernphasen. Da sind Werner Schuster teilweise auch die Hände gebunden, wenn die Jungs sich selbst zu viel Druck machen und zu viel wollen. Womöglich sind sie im Wettkampf auch einen Tick zu ehrgeizig und wollen auf die Quali noch einen draufsetzen. Das geht dann erfahrungsgemäß nach hinten los."

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