Colin Kaepernick ist mittlerweile fast schon in eine Fehde mit US-Präsident Donald Trump verwickelt © SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images/iStock

München - Colin Kaepernick ist nach wie vor ohne Job, obwohl viel schwächere Quarterbacks neue Verträge haben. Hymnenprotest und Donald Trump spielen eine Rolle.

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Mike Glennon, Brian Hoyer, Josh McCown, Nick Foles, E.J. Manuel, Geno Smith, Matt Barkley und sogar Mark Sanchez - was haben diese Quarterbacks gemeinsam?

Sie alle haben in der Offseason einen neuen Job in der NFL gefunden, während ein ehemaliger Super-Bowl-Quarterback mit so vielen Playoff-Siegen wie die acht Kontrahenten zusammen noch immer arbeitslos ist.

Die Rede ist von Colin Kaepernick. Auf den ersten Blick ist das überraschend, schließlich ist Kaepernick immer noch erst 29 Jahre alt, immer noch sehr athletisch und bewies 2016 in einem unfassbar schwachen Team, dass er körperlich wieder voll auf der Höhe ist.

Wenn man jedoch seinen aufsehenerregenden Hymnen-Protest und das immer noch erzkonservative NFL-Establishment berücksichtigt, ergibt sich ein klares Bild: "Kaep" steht auf der schwarzen Liste.

Kaepernick eigentlich Musterprofi

Aber warum ist das so? Schließlich ist der langjährige Starter der San Francisco 49ers ein charakterlich starker und tief gläubiger Profi, der anstelle von Sperren, Prügelskandalen oder Drogenvergehen mit humanitären Missionen (zuletzt nach Somalia) und Spenden auffällt.

Genau an dieser Stelle kommen jedoch das politische Klima der USA und der vor allem deshalb gewählte neue US-Präsident Donald Trump ins Spiel.

Das Land ist zu großen Teilen tief gespalten: demokratisch/republikanisch, liberal/erzkonservativ, arm/reich, links/rechts, schwarz/weiß - die Konflikte stecken in nahezu jedem Teil und Aspekt der Gesellschaft.

Trump wettert gegen Hymnenprotest

Diese Polarisierung machte sich Trump im Wahlkampf zu Nutze - mittendrin steckte in dem extrem sportbegeisterten Land aber auch Kaepernick mit seinem Hymnenprotest gegen die Brutalität und Ungleichbehandlung von Schwarzen und anderen Minderheiten in den USA.

Das Echo war gewaltig, neben vielen Unterstützern, die für die Hymne ebenfalls knieten, formierten sich lautstarke Kritiker - an vorderster Front Trump.

Immer wieder wetterte er gegen diesen "unpatriotischen Quarterback". Selbst in der vergangenen Woche auf einer Rally in Kentucky attackierte der Präsident Kaepernick.

"Dieser San-Francisco-Quarterback - von dem niemand je gehört hat - ich habe eine Story gesehen, dass ihn keiner holt, weil die NFL-Eigentümer Angst haben, einen bösen Tweet von Donald Trump zu bekommen. Glaubt ihr das? Ich wollte das nur den Leuten in Kentucky mitteilen. Denn sie mögen es, wenn man bei der Hymne aufsteht", grölte Trump.

NFL-Megastar Sherman glaubt an Verschwörung

Bleacher Report hatte diese Geschichte unter Berufung auf einen anonymen General Manager aus der AFC veröffentlicht.

Auch Cornerback-Star Richard Sherman von den Seattle Seahawks glaubt, dass Kaepernick bei den NFL-Teams auf dem Index steht.

"Selbst Matt Schaub wurde nach einem schwachen Jahr irgendwann unter Vertrag genommen. Das hat nichts mit Football zu tun. Es gibt keine 32 Starter in der NFL, er könnte wahrscheinlich für 20 Teams sofort starten", sagte Sherman zu ESPN.

Zahlen sprechen für Kaepernick

Natürlich ist Kaepernick nicht mehr der heiße Jungstar, der 2012 die NFL im Sturm eroberte, mit seinem Jubel ("Kaepernicking") einen Trend kreierte und die 49ers unter Jim Harbaugh bis auf 5 Yards an den Super-Bowl-Triumph führte.

Rein sportlich war seine Saison 2016 - nach drei Operationen in der Offseason zuvor – durchaus nicht schlecht. In zwölf Spielen lieferte er das beste Touchdown/Interception-Verhältnis seiner Karriere (16:4) und hatte am Ende ein besseres Rating (90,7) als die etablierten und teils Pro-Bowl-dekorierten Kollegen Cam Newton, Joe Flacco, Carson Palmer, Philip Rivers, Eli Manning, Tyrod Taylor oder Jameis Winston.

Mit durchschnittlich 6,8 Yards pro Lauf und 39 Yards pro Spiel war er auch ein besserer Runner als Newton, Taylor oder Marcus Mariota - die als gefährlichste Lauf-Quarterbacks gelten.

Kritiker führen seine Passquote von unter 60 Prozent an. Selbst da lag er 2016 aber vor Newton, Jay Cutler, Blake Bortles und einem Großteil der acht vor ihm verpflichteten Quarterbacks.

Dazu muss man einrechnen, dass die Passfänger der 49ers die zweithöchste Quote von fallengelassenen Pässen aufwiesen und er hinter der laut profootballfocus.com fünftschlechtesten Offensive Line auflief.

Spende an Essen auf Rädern

Trotzdem gibt es kaum Interesse an Kaepernick, der übrigens zuletzt 50.000 Dollar an die amerikanische Variante von "Essen auf Rädern" spendete.

Eine Organisation, die im von Trump vorgelegten US-Haushalt massive Kürzungen befürchten muss.

Statt, wie versprochen, Jobs zu schaffen, hat Trump also offenbar zumindest einen abgeschafft. Die NFL baut lieber eine Mauer des Schweigens und verpasst wie schon so oft die Chance, ein Zeichen zu setzen.

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