Der Wechsel von Neymar (M.) für 222 Millionen Euro nach Paris sorgte für Wirbel. Wie verhalten sich BVB-Boss Hans-Joachim Watzke (l.) und Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf dem Transfermarkt?

München - Der Transfermarkt wird immer verrückter. Im SPORT1-Interview erklärt deswegen Sportökonom Henning Vöpel, was Bayern und Dortmund tun müssen, um mitzuhalten.

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Zumindest in dieser Sache ist Paris Saint-Germain europäische Spitze. Mit den 222 Millionen Euro Ablöse für Neymar hat der Scheich-Klub der Fußballwelt den teuersten Transfer ihrer Geschichte beschert – und auf dem Spielermarkt eine gewaltige Kettenreaktion ausgelöst.

Der FC Barcelona wirbt bei der Suche nach Ersatz um Dortmunds Ousmane Dembele. Im Raum steht ein Deal über 150 Millionen Euro. Das wäre eine Verzehnfachung seines Transferwerts binnen eines Jahres.

Selbst kaufen die deutschen Klubs dagegen vergleichsweise moderat ein. Für 40 Millionen hat der FC Bayern Corentin Tolisso von Olympique Lyon gekauft, Borussia Dortmund gab 20 Millionen für Freiburgs Maximilian Philipp aus.

Die deutschen Klubs müssen sich entscheiden, ob die beim Millionen-Poker am Transfermarkt mitspielen oder ob sie ihren Weg weitergehen.

Deutschlands führender Sportökonom Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, erklärt im SPORT1-Interview, was Bayern und Dortmund tun müssen, um auch künftig zu Europas Topklubs zu zählen.

Soll Dortmund Dembele verkaufen?

SPORT1: Herr Vöpel, Barcelona bietet eine Rekordablöse für Ousmane Dembele. Soll Dortmund den Spieler verkaufen oder nicht?

Henning Vöpel gehört zu den renommiertesten Wirtschaftsanalysten in Deutschland ©

Henning Vöpel: Das lässt sich schwer sagen. Es gibt einen Marktpreis für Dembele und es gibt einen spezifischen sportlichen Wert des Spielers für Dortmund. Davon hängt ab, ob man sich einigt. 

SPORT1: Ab welcher Summe würden Sie zu einem Verkauf raten?

Vöpel: Hier kommen zwei Dinge zusammen. Erstens: Will man wirklich gegen den erkennbaren Willen des Spielers weiter zusammenarbeiten? Zweitens: Welchen sinnvollen Alternativen gibt es auf dem Markt? Ich könnte mir vorstellen, dass bei 120 Millionen plus Erfolgsbeteiligung die Sache klar ist. 

SPORT1: Sind 120 Millionen plus X für einen Spieler es wert, dass der Klub seine sportliche Wettbewerbsfähigkeit riskiert? Dortmund könnte die Champions League aufs Spiel setzen ohne gleichwertigen Ersatz.

Vöpel: Das ist ein guter Punkt. Bei einem wachsenden Markt ist es für Klubs außerordentlich interessant, nicht nur die derzeitigen Erlöse zu realisieren, sondern am zukünftigen Wachstum zu partizipieren. Vor diesem Hintergrund kann es richtig sein, auch mal Geduld zu haben.

SPORT1: Kann sich ein deutscher Klub überhaupt leisten, eine solche Summe auszuschlagen?

Vöpel: Ja. Gerade für Bayern und Dortmund ist es nicht primär das Geld, das zählt, sondern es geht um die strategische Position, die man im internationalen Wettbewerb zukünftig spielen kann und will. 

Verkommt Deutschland zum Ausbildungsland?

SPORT1: Karl-Heinz Rummenigge hat die Bundesliga-Vereine davor gewarnt, ihre Spieler zu verramschen. Verkommt Deutschland auf Dauer nicht trotzdem zum Ausbildungsland, wenn ausländische Topklubs ihre Kader mit Geld aus Katar zusammenstellen?

Vöpel: Diese Gefahr besteht zweifellos. Deshalb wird es extrem schwer für die Bundesliga, sich dieser Marktlogik komplett zu widersetzen. Testspiele in Asien, das Top-Spiel am Sonntagmittag, Abschaffung von 50+1: Alles das wird kommen oder gibt es schon. Was die Bundesliga aber sehr wohl kann, ist die Entwicklungen etwas weniger blind und getrieben zu vollziehen. Ich halte die Entwicklungen nicht für gut, aber ohne eine massive Regulierung auf europäischer Ebene muss man dieses verrückte Spiel mitspielen. 

Müssen Bayern und Dortmund den Irrsinn mitmachen?

SPORT1: Laut Finanzvorstand Dreesen kann sich Bayern ohne Probleme Spieler für 100 Millionen Euro und mehr leisten. Rummenigge und Hoeneß haben solche Transfers ausgeschlossen. Wessen Kurs ist der richtige?

Vöpel: Natürlich muss auch Bayern insgesamt die Inflation im Fußball mitmachen. Das wird schon bald bedeuten, mehr als 100 Millionen auf den Tisch zu blättern. 

SPORT1: Sollte die wirtschaftliche Vernunft der größte Trumpf der deutschen Klubs bleiben?

Vöpel: Die wirtschaftliche Vernunft sollte man in der Situation, in der Bayern ist, nicht aufgeben. Schwieriger wird es für Vereine, die jetzt finanziell ins Risiko gehen müssen, damit der Zug nicht ohne sie abfährt. Es wird bei diesem Rattenrennen mit Sicherheit auch große Verlierer geben. 

Bleiben Bayern und Dortmund international konkurrenzfähig? 

SPORT1: Kann man mit einer moderaten Transfer-Strategie langfristig überhaupt noch internationale Titel gewinnen, wenn die Konkurrenz PSG, Manchester City oder Manchester United heißt?

Vöpel: Das wird extrem schwierig. Mit Glück und Geschick mag das mal gelingen. Systematisch aber wird Erfolg immer etwas mit Geld zu tun haben. 

SPORT1: Ganz konkret gefragt: Brauchen Vereine wie Bayern oder Dortmund einen Investor, um dauerhaft zur internationalen Spitze zu gehören?

Vöpel: Das haben sie ja im Grunde schon. Die Sponsoren investieren in eine Marke, die sie selbst als globale Plattform nutzen können. Insofern funktioniert das mittlerweile als strategische Partnerschaft.

SPORT1: Wie nachhaltig ist es für eine Marke, wenn Spieler wie Messi, Ronaldo oder Neymar kein Bayern-Trikot tragen, sondern eines von Barca, Real oder PSG?

Vöpel: National ist es möglich, stärker auf die gewachsene Identität abzustellen. Die internationalen Märkte aber werden zunehmend über große Namen entschieden. Das ist sicherlich ein Problem für die Bundesliga. 

SPORT1: Blicken wir zehn Jahre voraus: Zählen Bayern und Dortmund dann noch zu Europas Topklubs?

Vöpel: Ja, ich denke schon. Dafür ist der Fußballmarkt in Deutschland zu groß, auch was die Talente und den Nachwuchs betrifft. Ohne Frage aber wird die Bundesliga bis dahin Dinge getan haben, die wir vor fünf Jahren noch als Sündenfall abgetan haben. Der Fußball wird unter dem Druck des wirtschaftlichen Wettbewerbs ein anderer werden.

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