Ivo Hrstic kommentiert das Transfer-Hickhack um Neymar
Ivo Hrstic kommentiert das Transfer-Hickhack um Neymar © SPORT1-Grafik: Getty Images

München - Der Rekordwechsel von Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain zeigt die ganze Absurdität der Fußball-Industrie. Der SPORT1-Kommentar.

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Nun ist es also fix. Neymar kauft sich für eine Rekordsumme aus seinem Vertrag beim FC Barcelona heraus und wechselt zu Paris Saint Germain.

Mit Kopfschütteln alleine kommt man bei dem ganzen Transfer-Wahnsinn schon gar nicht mehr hin. Oder können Sie sich eine Summe von 222 Millionen Euro vorstellen?

Genau die Summe, die jetzt also für einen einzigen Fußballspieler über den Tisch geht. Was vor kurzem für Experten wie Fans undenkbar schien, wird jetzt zur Realität.

Die Weigerung der spanischen Liga, den Deal durchzuwinken, hat den Transfer nur verzögert, aber nicht verhindert. Der Wahnsinn auf dem Spielermarkt erreicht mit dem Neymar-Deal seinen vorläufigen Höhepunkt. Dieser Wirbel und die im Raum stehenden Summen schaden dem Fußball.

Das brasilianische Ausnahmetalent hat sich gegen das Herz und für das viele Geld entschieden. Das ist sehr schade. Vor allem, weil ich befürchte, dass sein geldgeiles Umfeld ihn dazu getrieben hat.

Die Realität des modernen Profifußballs ist ernüchternd. Wir erleben fremdgesteuerte Fußballer, die in bizarren Scheinwelten längst zu bemitleidenswerten Opfern ihres Talents geworden sind. Spielerobjekte wie Neymar oder Modeste tun mir einfach nur noch leid - Geld hin oder her!

Ich befürchte der Transfer-Irrsinn ist längst nicht vorbei, der überhitzte Markt kennt durch explodierende TV- und Vermarktungsgelder offenbar keine Grenzen mehr. Ausstiegsklauseln mit Fantasiesummen von 200 Millionen und mehr dienten bislang dazu, potenzielle Interessenten abzuschrecken.

Spätestens jetzt haben diese Transferhürden ihren Schrecken verloren. Weitere Ablöserekorde jenseits der 300-Millionen-Marke dürften in naher Zukunft gebrochen werden.

Warum nicht 500 Millionen für Ronaldo oder Messi bezahlen? Nichts scheint mehr unmöglich – zumindest wenn wie im Fall von PSG quasi ganze Länder hinter dem Klub stehen, wie Jürgen Klopp zu Recht anmerkt.

Die Bundesliga agiert im Transfertreiben bemerkenswert cool und reflektiert. Ich bin Verantwortlichen wie Christian Streich, Jörg Schmadtke und Uli Hoeneß ("Das sind Dinge, die wir beim FC Bayern total ablehnen") dankbar für ihre jüngst geäußerte Kritik. Die Bundesliga setzt klare Grenzen, das ist gut so!

Wenn der Preis dafür ist, im internationalen Rennen um den Champions-League-Titel nur noch Außenseiter zu sein, dann ist der es vielleicht sogar wert, gezahlt zu werden.

Denn der Fußball entfernt sich zunehmend von seiner Basis. Neben Transferwahnsinn und Glaubwürdigkeitsverlust macht der Ausblick auf die nahe Zukunft wenig Hoffnung auf Besserung.

Die erste gesamteuropäische EM 2020 (13 austragende Länder) wird ein Turnier der weiten Wege ohne echtes Gastgeber-Flair. Und nach einer umstrittenen Weltmeisterschaft 2022 im Wüstenstaat Katar wird die WM 2026 sogar auf unerträgliche 48 Teilnehmer aufgebläht.

Immer größer, immer weiter, immer mehr. Der Fußball steht so unausweichlich vor dem Kollaps, weil auch korrupte Funktionärsstrukturen weltweit keine Grenzen setzen können und wollen.

Meine einzige Hoffnung auf Besserung liegt in der Macht der Fans. Ein sinkendes Interesse und die Abkehr vom "Produkt" Fußball wären die einzigen Warnsignale, die gewinnmaximierende Funktionäre und Spielerberater verstehen – wenn es dann nicht schon zu spät ist.

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