Angelique Kerber
Angelique Kerber steckt trotz Weltranglisten-Platz eins in einer Krise © Getty Images

München - Angelique Kerbers Verfassung macht wenig Hoffnung für die French Open. Insider Dieter Kindlmann erklärt bei SPORT1 die Gründe für die Krise - und macht ihr Mut.

von Michael Prieler

Die Weltranglisten-Erste in der Krise, die Favoritenrolle bei den French Open unbesetzt: Vor dem zweiten Grand-Slam-Turnier des Jahres in Paris sorgt Angelique Kerber dafür, dass das Frauen-Tennis Kopf steht.

Nicht nur die Deutsche, auch zahlreiche weitere Top-Spielerinnen laufen ihrer Form derzeit hinterher. Die "Race to Singapore" genannte Jahreswertung führt so die eher unbekannte Ukrainerin Jelena Switolina an, die die French-Open-Generalprobe in Rom für sich entschied.

In der italienischen Hauptstadt ging Kerber regelrecht unter. Gegen die estnische Qualifikantin Anett Kontaveit verlor die Weltranglistenführende in gerade einmal 56 Minuten. Im zweiten Satz setzte es mit 0:6 die Höchststrafe. Auch in Sydney, Doha und ausgerechnet beim Heim-Turnier in Stuttgart war für Kerber in diesem Jahr bereits nach dem ersten Auftritt Endstation.

Abschreiben sollte man die 29-Jährige in Roland Garros, wo ein schweres Erstrundenduell mit Jekaterina Makarowa wartet, trotzdem nicht, findet WTA-Tour-Insider Dieter Kindlmann.

Kindlmann traut Kerber Titel zu

"Von der Nummer eins der Welt kann man jederzeit erwarten, dass sie Turniere gewinnt. Sie geht vielleicht nicht gerade als Top-Favoritin ins Turnier, aber es wäre verrückt, wenn man sie nicht auf dem Zettel hätte", meint Kindlmann bei SPORT1.

Und Kindlmann, früher selbst einmal die Nummer 130 bei den Männern, muss es wissen.

Seit vier Jahren ist der 34-jährige gebürtige Allgäuer mittendrin im WTA-Zirkus. Zuerst als Trainingspartner von Superstar Maria Scharapowa, dann als Coach der Britin Laura Robson. Aktuell betreut Kindlmann die ehemalige Top-Ten-Spielerin Madison Keys - und verfolgt Kerber genau.

"Momentan muss man ganz ehrlich sagen, dass sie Probleme hat. Ich habe das Match in Rom verfolgt und man hat schon gesehen, dass sie aktuell nicht in bester Verfassung ist", analysiert Kindlmann die Situation der Weltranglistenführenden und liefert gleich noch einen möglichen Grund für Kerbers aktuelle Schwächephase mit.

"Angies Spiel ist sehr abhängig von ihrem Körper, sehr laufintensiv. Wenn sie da momentan kein hundertprozentiges Vertrauen in ihr Spiel hat, weil sie vielleicht auch kleinere Verletzungen plagen, dann ist das gefährlich, weil die Leistungsdichte im Frauentennis einfach so hoch ist."

Top-Stars fehlen

Ohne die Dominatorinnen der vergangenen Jahre ist die Situation im Frauentennis aktuell ohnehin bizarr. Serena Williams, die seit ihrem Sieg bei den Australian Open kein Turnier mehr bestritt und aktuell eine Schwangerschaftspause einlegt, führte die Weltrangliste trotzdem noch bis vor wenigen Wochen an.

Maria Scharapowa ließ ihre Klasse nach dem Ende ihrer Dopingsperre gleich wieder aufblitzen, ist bei den French Open nach wochenlangen Diskussionen, an deren Ende die Verweigerung einer Wildcard stand, aber nicht startberechtigt.

Die ehemalige Weltranglistenerste Viktoria Asarenka arbeitet nach Babypause erst am Comeback. Und die zweimalige Wimbledon-Siegerin Petra Kvitova ist zwar überraschend in Paris dabei, ist aber nach dem Messer-Angriff, bei dem sie im Dezember 2016 schwer verletzt wurde, noch lange nicht topfit.

Dieses Machtvakuum kommt nun gerade Kerber zu Gute, die von ihrer überragenden Vorsaison zehren kann und trotz aktuellen Formtiefs die Weltrangliste anführt - ganz ähnlich wie der Brite Andy Murray bei den Herren.

Ranglisten-Wirrwarr

"So ein Ranglisten-Wirrwarr gab es bis jetzt noch nie. Es gab eigentlich immer nur dominante Spieler, die dann auch vorne gestanden sind", bilanziert Kindlmann, "aber wir reden da auch von Legenden. Federer, Nadal und auch Djokovic haben alle zweistellige Grand-Slam-Siege errungen und die Szene über Jahre dominiert."

Nun zeige sich erst, "was das für Leistungen waren. Auch von Serena Williams, die so gut wie jedes Turnier, das sie mitspielte, gewonnen hat."

Pausierende Superstars, auch Federer lässt die French Open bekanntlich wie Williams oder Asarenka ausfallen, schwächelnde Weltranglistenführende - diese Situation bietet vor dem größten Sandplatzturnier der Welt aber auch ihren Reiz.

"Das ist jetzt besonders eine Chance für Außenseiter", sagt Kindlmann und prophezeit: "Es ist alles möglich, deswegen bin ich auf die French Open echt gespannt."

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