Alexander Zverev fuhr mit dem Final-Sieg gegen Roger Federer den zweiten Titel innerhalb einer Woche ein © SPORT1-Grafik: Davina Knigge/ Getty Images/ Imago

München - Alexander Zverev holt gegen Roger Federer den zweiten Titel in einer Woche. SPORT1 analysiert, was Zverev so stark macht und wie seine Chancen bei den US Open stehen.

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"The future is now", twitterte Tennis-Legende Boris Becker nach dem Finalsieg von Alexander Zverev in Montreal gegen Roger Federer - und die Zahlen belegten, dass Becker Recht hat.

Drei Spieler haben in diesem Jahr die sechs Masters-Turniere bisher unter sich aufgeteilt: Federer, Rafael Nadal und Zverev (je 2 Triumphe). Zverev ist damit früher als erwartet in die Phalanx der Superstars eingebrochen und ein Limit ist nicht in Sicht.

SPORT1 analysiert, was Zverev so stark macht, woran er und sein neuer Supercoach Juan Carlos Ferrero noch arbeiten müssen und ob er die US Open gewinnen kann.

Was macht Zverev so stark?

Sein Aufschlag: In den letzten Wochen war kaum ein Spieler schwerer zu breaken als Zverev – das musste auch Federer erfahren, dem es nicht ein einziges Mal gelang. Als Federer im zweiten Satz doch einmal Breakchancen hatte, wehrte Zverev diese mit einem 214 km/h schnellen Aufschlag ab.

Zverev übt aber nicht nur mit dem Aufschlag gewaltig Druck auf den Gegner aus. Kaum ein Spieler kann den kleinen Filzball härter schlagen als der 20-Jährige, was auch Federer zu spüren bekam.

Seine Power: Der durchschnittliche Grundschlag von Zverev war im 1. Satz fast 20 km/h schneller als der von Federer. Zu Beginn der Partie drosch Zverev seine Vorhände sogar im Schnitt mit über 130 km/h über das Netz.

Anders als sein hochtalentierter Kollege Nick Kyrgios, der gerne einmal Partien abschenkt, ist Zverev jedoch nicht nur mit den Händen, sondern auch im Kopf stark.

Seine Einstellung: Zverev schiebt nach Niederlagen nie sein Alter vor und ruht sich nicht auf Lobeshymnen aus: "Wir reden immer davon, dass ich aus jedem Match, das ich verliere, lerne - davon habe ich genug. Ich möchte solche Matches endlich gewinnen", schimpfte Zverev nach dem Wimbledon-Aus - seit diesem Tag hat Zverev keine Partie mehr verloren.

Was bringt der neue Supercoach?

Zehn Partien, zehn Siege - die Erfolgsbilanz von Zverevs neuem Supercoach Juan Carlos Ferrero kann sich sehen lassen. Die ehemalige Nummer 1 will vor allem an Zverevs mentaler Stärke arbeiten.

Denn der hitzköpfige Zverev neigt dazu, durch seine Emotionalität unnötige Kraft zu vergeuden und sich aus der Konzentration zu bringen, was ihm gerade bei langen Grand-Slam-Partien schon öfter zum Verhängnis wurde.

"Er muss noch etwas mehr über mentale Sachen lernen. Er muss in schwierigen Situationen ruhiger sein. In Sachen Mentalität würde ich ihm - bei einer Skala von eins bis zehn – fünf Punkte geben", sagte Ferrero.

Erste Erfolge gab es bereits in Washington und Montreal zu sehen. Zverev hatte sich besser im Griff und zerhackte nicht nach einem schlechten Aufschlagspiel den Schläger. Auch bei Big Points präsentierte sich Zverev gegenüber Wimbledon effektiver.

In Sachen Athletik will Ferrero zusammen mit Zverevs Fitnesscoach Jez Green ebenfalls Verbesserungen erzielen. Auch wenn Zverev sich für eine Größe von 1,98 Meter erstaunlich gut bewegt, sieht Ferrero in Sachen Schnelligkeit und Ausdauer deutlich Luft nach oben.

Wo muss sich Zverev verbessern?

Die größte Schwachstelle in Zverevs Spiel ist sein Volley. Dabei wäre sein kraftvolles Spiel dafür prädestiniert, häufiger ans Netz zu rücken, um dort die Punkte zu beenden. Doch anders als Bruder Mischa fühlt sich "Sascha" am Netz nicht wohl.

Dank Bruder Mischa und dem Doppelspezialisten Marcelo Melo, mit dem er zuletzt häufiger trainierte, hat sich der Hamburger in diesem Bereich in den letzten Wochen aber sichtbar verbessert.

Um seine Volley-Qualitäten weiter zu steigern, nimmt Zverev in Cincinnati sogar am Doppelwettbewerb mit Leander Paes teil, der 18 Grand-Slam-Titel im Doppel- und Mixed gewonnen hat.

Zverevs zweite Baustelle ist seine Vorhand. Wenn sie kommt, ist sie eine echte Waffe. Doch während bei seiner Rückhand unerzwungene Fehler nur selten der Fall sind, mangelt es der Vorhand immer wieder an der nötigen Konstanz.

Kann Zverev die US Open gewinnen?

Zverev wird bei den am 28. August beginnenden US Open zum engsten Favoritenkreis zählen. Die Turniersiege in Washington und Montreal haben gezeigt, dass er inzwischen auch zwei Wochen am Stück erfolgreich spielen kann.

Zudem haben mit Novak Djokovic und Stan Wawrinka zwei Top-Spieler abgesagt und auch Andy Murray plagen Verletzungssorgen. Zverev wird dagegen so hoch gesetzt wie nie sein und geht damit den Topfavoriten Roger Federer und Rafael Nadal lange aus dem Weg.

Trotz der günstigen Voraussetzungen wäre ein Triumph von Zverev bei den US Open eine Sensation. Da Grand Slams im Best-of-Five–Modus stattfinden, spielen Athletik und Erfahrung eine große Rolle. Das musste Zverev bei den French Open in Runde 1 gegen den abgezockten Fernando Verdasco lernen.

Sollte Zverev glatt durch die ersten Runden kommen, ist alles möglich. Denn in einem Match kann er jeden schlagen. Wahrscheinlich kommt ein Grand-Slam-Titel in diesem Jahr aber noch zu früh.

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