Boris Becker war von 2013 bis 2016 Trainer von Novak Djokovic © SPORT1-Grafik: Phillipp Heinemann/Getty Images

Novak Djokovic erlebt bei den Australian Open gegen Denis Istomin eine historische Pleite. Ex-Trainer Becker legt den Finger in die Wunde und fordert einen Neustart.

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Novak Djokovic trat nach dem sensationellen K.o. in seinem "Wohnzimmer" in Melbourne die Flucht nach vorne an.

Nur 17 Minuten nach der schmerzhaften Zweitrunden-Pleite bei den Australian Open gegen die Nummer 117 der Welt saß der geschlagene Titelverteidiger in der Pressekonferenz - mit dickem Sonnenbrand auf der feuerroten Nase.

Sein Ex-Coach Boris Becker war da schon längst aus allen Wolken gefallen. "Ich bin perplex über das Nicht-Dasein von Novak. Er hat viel zu defensiv und passiv gespielt, nie die Initiative ergriffen", sagte Becker in seiner Funktion als Eurosport-Experte. Das 6:7 (8:10), 7:5, 6:2, 6:7 (5:7), 4:6 von Djokovic gegen Wildcard-Inhaber Denis Istomin (Usbekistan) schockte Becker sichtlich.

Der dreimalige Wimbledonsieger sprach von einem "Erdrutsch", der das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres "komplett" verändere. "Das muss ich erstmal verdauen. Ich fühle mich ja noch im Team Djokovic", meinte Becker, dessen Zusammenarbeit mit dem Serben im Dezember nach drei erfolgreichen Jahren zu Ende gegangen war.

Dabei soll auch der Einfluss des Mental-Gurus Pepe Imaz auf Djokovic eine Rolle gespielt haben.

Frühestes Aus seit 2008

Für Djokovic zahlte sich der Trainerwechsel beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres jedenfalls überhaupt nicht aus.

Ganz im Gegenteil: Noch nie zuvor hat er bei einem Major-Event gegen einen derart schlecht platzierten Gegner verloren.

Es war Djokovic' frühestes Scheitern bei einem Grand Slam seit Wimbledon 2008 und das zeitigste Melbourne-Aus seit elf Jahren.

Probleme schon Ende 2016

Ob das nur am Fehlen Beckers lag, ist schwer zu sagen. Schon in zweiten Jahreshälfte 2016 - noch unter Becker - hatte "Nole" geschwächelt.

Nachdem er im Juni bei den French Open seinen noch fehlenden Grand-Slam-Titel geholt hatte, begann die Krise. Der 29-Jährige verlor unter anderem die Spitze der Weltrangliste an seinen Dauerrivalen Andy Murray.

Becker warf Djokovic vor, sich nicht mehr genügend auf die Trainingsarbeit zu fokussieren. Auch private Probleme sollen ihn belastet haben.

Doch mit dem Finalsieg in Doha zu Beginn des Jahres gegen Murray wähnte sich der zwölfmalige Major-Gewinner wieder auf dem richtigen Weg. Mitnichten.

Becker war der Anker

Denn die vorsichtige Spielweise, die fehlende Dominanz - das passte nicht zu Djokovic. Der Serbe wirkte ungewohnt ängstlich. "Novak sucht einen Hafen der Ruhe, einen Anker, wo er sich ausruhen kann", beschrieb Becker einst die psychologosche Wirkung seiner Anwesenheit auf der Tribüne.

Dieser Anker fehlte Djokovic offensichtlich. 72 unerzwungene Fehler unterliefen ihm. "Es war einer dieser Tage, an dem man sich auf dem Platz nicht so gut fühlt - und dein Gegner trifft alles. Ich wusste nicht, was ich machen sollte", gestand der "Djoker".

Stellt sich die Frage, wie dem früheren Weltranglisten-Ersten nun die Wende gelingen soll.

Becker zeigt sich skeptisch: "Für Novak waren die Australian Open immer der erste Baustein des Jahres. Das wirft seinen Turnierplan jetzt durcheinander, es ist eine neue Weichenstellung für Novak", meinte Becker.

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