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Marcel Kittel krallt sich den ersten Sieg © Getty Images

Marcel Kittel setzt sich in einer dramatischen Massenankunft durch, das Gelbe Trikot verpasst der deutsche Sprinter nur knapp. Favorit Christopher Froome stürzt.

Marcel Kittel brüllte mit Tränen in den Augen seine ganze Freude hinaus, dann schnappte sich der Triumphator seine Freundin Tess und drückte ihr einen dicken Knutscher auf den Mund.

Mit einem grandiosen Sieg auf der zweiten Etappe nach Lüttich hat der Sprintstar der großen deutschen Radsport-Party ein rauschendes Finale beschert und den ersten Tour-Auftakt in Deutschland seit drei Jahrzehnten mit dem Etappensieg gekrönt. (Tour 2017: Das müssen Sie wissen)

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es war ein unglaublicher Tag, ein unglaublicher Auftakt, vor allem mit so vielen Menschen in Deutschland an der Strecke", sagte der 29 Jahre alte Kittel nach dem zehnten Tour-Coup seiner Karriere: "Ich kann nicht sagen, dass ich heute frei von Druck oder Erwartungen war - ich wollte diesen Sieg unbedingt."

Energieleistung in spektakulärem Finish

In einem packenden Finish an der Maas hatte der Quick-Step-Profi aus Thüringen die besten Beine und verwies mit einem mächtigen Sprint von knapp 70 km/h den Franzosen Arnaud Demaré (FDJ) auf Platz zwei und sicherte sich damit auch das Grüne Trikot.

Knapp dahinter wurde der Rostocker André Greipel (Lotto-Soudal) Dritter. "Der Schnellste hat heute einfach gewonnen", meinte Greipel.

24 Stunden nach der schmerzhaften Pleite von Hoffnungsträger Tony Martin (Team Katjuscha-Alpecin) im verregneten Düsseldorfer Zeitfahren gelang Kittel das Happy End eines auch am zweiten Tag spektakulären Grand Départ in der Rhein-Metropole.

Hunderttausende Fans schickten das Feld am Mittag auf die Reise, mehr als eine Million Zuschauer bevölkerten die Strecke bis zur Grenze.

Kittel schnuppert am Gelben Trikot

Der bereits im Auftaktrennen am Samstag überzeugende Kittel zeigte eine enorme Energieleistung. Auf der langen Zielgeraden war er zunächst schlecht positioniert, kämpfte sich aber mit einem beeindruckenden Antritt noch an allen Konkurrenten vorbei.

Das Gelbe Trikot trägt nach seinem Auftaktsieg beim Einzelzeitfahren am Samstag weiterhin der Waliser Geraint Thomas. Der Edelhelfer von Titelverteidiger Chris Froome im Team Sky spürt allerdings den Atem von Sprinter-Held Kittel (6 Sekunden Rückstand) und vom besten Jungprofi Stefan Küng, der sogar nur 5 Sekunden hinter Thomas lauert. (Die Gesamtwertung im Überblick)

Mit einem guten Ergebnis bei der dritten Etappe am Montag (ab 12.25 Uhr im LIVETICKER), die vom belgischen Verviers über Luxemburg bis ins französiche Longwy führt, könnte Kittel das begehrte "Maillot jaune" erobern.

Partystimmung trotz Regen

Auf den 144 km von Düsseldorf bis zur Grenze bei Aachen standen zuvor die deutschen Radfans meist dichtgedrängt, in den größeren Städten wie Neuss und Mönchengladbach herrschte trotz des neuerlichen Regenwetters beste Partystimmung. "Das war gigantisch und hat gezeigt, dass der Radsport in Deutschland nicht tot ist", sagte Greipel.

Zeit dazu hatten sie schließlich auch, rein sportlich war die zweite Etappe lange eine recht unspektakuläre Angelegenheit.

Die obligatorische Ausreißergruppe mit US-Profi Taylor Phinney als prominentestem Fahrer hatte sich früh abgesetzt, das Feld mit Sky und den Sprinterteams fror den Rückstand aber bei gut kontrollierbaren zweieinhalb Minuten ein. Die letzten Ausreißer wurden allerdings erst an der 1000-Meter-Marke geschnappt - eine Punktlandung.

Froome im Glück bei Massensturz

Rund 30 Kilometer vor dem Ziel waren zwei Dutzend Fahrer in einen Massensturz auf rutschiger Straße verwickelt. Auch Froome und der französische Herausforderer Romain Bardet gingen zu Boden, konnten aber das Rennen mit einigen Schrammen fortsetzen. Froome musste mit einigem Aufwand die Lücke zum Feld schließen.  (Die Favoriten im Check)

Martin rollte am Tag nach dem vergeblichen Angriff auf Gelb, den er über Wochen generalstabsmäßig geplant hatte, weitestgehend im Feld mit, war aber ebenfalls in den Massensturz verwickelt. Dadurch handelte sich der Deutsche knapp zehn Minuten Rückstand ein und kam als 187. ins Ziel in Lüttich. Sein Start auf bei der dritten Etappe ist nicht gefährdet. 

Für Martin wurde die Tour de France am Sonntag endgültig zur Tour de Frust. Am Samstag war er bei strömendem Regen nur acht Sekunden hinter Thomas auf Platz vier gelandet und verpasste so das ersehnte "Heim-Gelb".

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