München - Ex-Profi Jens Voigt gibt im Gespräch mit SPORT1 seine Sicht des Ausschlusses von Peter Sagan wieder. Für ihn ist das Strafmaß viel zu hart.

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Es war der Aufreger des Tages bei der Tour de France: Weltmeister Peter Sagan verursachte im chaotischen Finale der 4. Etappe nach 207,5 Kilometern in Vittel einen spektakulären Crash. Der 27-Jährige rammte Mark Cavendish in die Absperrung, der britische Sprint-Star flog dem Thüringer John Degenkolb vor das Rad, der ebenfalls übel zu Boden ging.

Die Konsequenz: Die Rennleitung schloss den Slowaken vom deutschen Team Bora-hansgrohe von der 104. Tour de France aus - die Höchststrafe für seinen Ellbogen-Rammstoß gegen Cavendish.

Für den langjährigen Radprofi Jens Voigt ist der Ausschluss Sagans zu hart. " Eine Bestrafung für Sagan geht natürlich in Ordnung. Ich hätte ihn aber nicht aus der Tour genommen", sagte der 46-Jährige im Gespräch mit SPORT1. Sein Vorschlag: "50 oder 80 Punkte Abzug in der Wertung des Grünen Trikots, ihn an das Ende der Etappe setzen und dazu eine Strafe von einer oder fünf Minuten im Gesamtklassement."

Mitschuld des Etappensiegers

Unstrittig ist für den zweifachen Etappensieger der Tour (2001 und 2006), dass Sagan einen Fehler gemacht hat – aber nicht nur er.

"Wenn man sich das Video mehrmals anschaut, und nicht nur auf Cavendish und Sagan achtet, ist auch Etappensieger Arnaud Demare involviert.  Er fährt die erste Welle. Er nimmt, wie es in den Regeln steht, eine abrupte Richtungsänderung vor", beschreibt Voigt die strittige Szene aus seiner Sicht.

Was dann folgte, kann man als Kettenreaktion beschreiben: "Dadurch stürzt Nacer Bouhanni fast über sein Hinterrad, Bouhannis Ausweichbewegung endet damit, dass er in Richtung Sagan rüberfährt. Sagan wird dadurch weiter nach rechts gedrückt. Dann kommt es zum Kontakt mit Cavendish."

Voigt: "Die haben alle rumgeeiert"

"Wenn man jemanden rausnehmen will, muss man die ganze Gruppe rausnehmen. Die haben alle rumgeeiert", hat Voigt einen überraschenden Vorschlag, wie die Rennleitung mit dem Vorfall hätte umgehen sollen.

Ähnlicher Ansicht ist auch der deutsche Topsprinter Andre Greipel. Unmittelbar nach Rennende kritisierte er Sagan hart für sein Vorgehen, ruderte dann später jedoch zurück. 

"Manchmal sollte ich Bilder anschauen bevor ich etwas sage. Entschuldigung an Peter Sagan. Die Entscheidung der Jury ist zu hart", schrieb er auf Twitter. 

Obwohl Voigt in seiner 17-jährigen Karriere als Profi alles andere als ein Sprintspezialist war, hat er dennoch viele Massensprints aus nächster Nähe mitgemacht - und kennt die Gefahren.

"Im Großen und Ganzen würde ich es als normalen Betriebsunfall bezeichnen. Es ist ein Feldsprint. Da hat jeder Sprinter bis er ins Ziel kommt wahrscheinlich bis zu zehn Körperberührungen - Links, rechts, Ellbogen, Hüften. Das ist nun einmal leider so. Es ist kein Bowling, was wir hier machen", erklärt Voigt.

Voigt sieht Kittel in Grün nach Paris fahren

Eine Folge des Eklats: Mit Sagan und Cavendish - der 30-malige Etappensieger vom Team Dimension Data brach sich bei dem Sturz das Schulterblatt - fehlen im weiteren Tourverlauf zwei Anwärter auf den Gewinn des Grünen Trikots für den punktbesten Fahrer.

Für Voigt hat ein Deutscher darauf jetzt die besten Aussichten:  "Jetzt sieht es so aus, dass Marcel Kittel noch mindestens vier weitere Etappen gewinnen wird.  Ich sehe große Chancen, dass er das Trikot nach Paris bringt." 

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