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Tony Martin verpasste seinen Traum vom Gelben Trikot beim Auftakt der Tour de France © Getty Images

Düsseldorf - Tony Martin kann seinen Traum vom Gelben Trikot beim Auftakt der Tour de France nicht erfüllen. Den Sieg feiert am Ende Froome-Kollege Geraint Thomas.

Tony Martin radelte sich auf der Rolle gerade den Frust aus den Beinen, da ließen einzelne Fan-Rufe zumindest wieder ein Lächeln über seine Lippen huschen.

Das so ersehnte und eigentlich für ihn bestimmte Gelbe Trikot gehörte beim Auftakt der 104. Tour de France in Düsseldorf aber dem Briten Geraint Thomas.

"Die Enttäuschung ist unendlich groß. Ich hatte die klare Zielstellung zu gewinnen. Es ist sehr schade für mich, es war eine einmalige Chance, in Deutschland in Gelb zu fahren", sagte Martin. 

14 Kilometer lagen zwischen dem Traum vom "Maillot jaune" beim ersten Grand Départ in Deutschland seit 30 Jahren und der Realität, die schließlich hieß: vierter Platz mit acht Sekunden Rückstand auf den Waliser aus der Sky-Mannschaft von Titelverteidiger Chris Froome.

"Ich habe auf den letzten vier Kilometern etwas liegenlassen, da ist mir der Akku ausgegangen", sagte Martin. Im ZDF ergänzte er selbstkritisch: "Ich habe vorneraus das ein oder andere Korn zu viel verschossen. Die Beine sind mir im wahrsten Sinne des Wortes am Ende eingeschlafen." (Die Gesamtwertung im Überblick)

Martin wird durch Teamfahrzeuge blockiert

Es ehrte den Sportsmann, dass er die Gründe seiner Niederlage zu allererst bei sich selbst suchte. Dabei war ihm bei Kilometer 8,1 - kurz vor der Zwischenzeitnahme - großes Unglück widerfahren. 

Die unmittelbar vor ihm gestarteten Alejandro Valverde (Movistar) und Jon Izaguirre (Bahrain Merida) waren auf regennasser Fahrbahn in derselben Schnellkurve zu Fall gekommen. Als Martin die Unfallstelle passieren wollte, standen Teamfahrzeuge und Medical Car auf der Strecke.

Martin drosselte das Tempo, verlor entscheidende Sekunden. Zeit, die ihm am Ende für den Sieg und für das Gelbe Trikot fehlen sollten. Bei der Zwischenzeit hatte der Deutsche nämlich noch vier Sekunden vor Sieger Geraint Thomas gelegen.  

"Es hat schon arg eingeschüchtert, man hat immer wieder Stürze gesehen, einige hat es auch schlimm gelegt. Da ist man nicht grad motiviert, noch mehr Risiko zu gehen, ein halbes km/h zu schnell und das Rennen ist zu Ende", sagte Martin über die Wetterverhältnisse.

Tour-Aus für Valverde 

Der gestürzte Valverde musste die Rundfahrt mit einem Bruch der Kniescheibe frühzeitig beenden. Schon nach einem Tag hat Tourfavorit Christopher Froome also einen großen Widersacher weniger. 

Der Südafrikaner machte die mit Abstand beste Figur - und distanzierte als Sechster seine Konkurrenten wie den Australier Richie Porte deutlich (Die Favoriten im Check).

Eine starke Vorstellung zeigten Sprinter Marcel Kittel als Neunter (+0:16), der mit einem Etappensieg im Massensprint noch gute Chancen auf ein Gelbes Trikot hätte, und Nikias Arndt als Elfter (+0:16).

Die deutschen Profis genossen die Atmosphäre beim ersten Tour-Start in Deutschland seit 30 Jahren trotz der äußerlichen Widrigkeiten. "Es war eine supergeile Erfahrung", sagte Rundfahrt-Talent Emanuel Buchmann stellvertretend.

Zabel mit Sturz im Pech

Pech hatte Debütant Rick Zabel, der bei seiner Tour-Premiere gleich zu Sturz kam. "Ich habe ein bisschen zu viel Risiko genommen und bin weggerutscht. Ärgerlich, aber Schwamm drüber", sagte der Sohn der Sprinter-Legende Erik Zabel.

Hunderttausende Fans aus aller Welt hatten sich in der Rheinmetropole trotz des wechselhaften Wetters entlang der Strecke versammelt. Und viele davon drückten Martin die Daumen, wünschten sich, ihn am Abend im Gelben Trikot zu sehen. Dieser Traum wurde jedoch keine Realität.

Um 18.20 Uhr hatte Martin die Startrampe an der Düsseldorfer Messe im Regenbogentrikot des Weltmeisters verlassen. Tief atmete er ein letztes Mal ein, der Blick starr fokussiert auf sein großes Ziel - dann begann die Reise zum "Mittelpunkt der Radsport-Welt", wie er das Gelbe Trikot dieser Tage bezeichnete.

Martin hatte in Düsseldorf schon im Vorfeld vor den Gefahren gewarnt, die bei Regen entstehen würden. Straßenbahn-Schienen, Zebrastreifen, rot eingefärbte Radwege - es gab zahlreiche potenzielle Fallen bei Nässe. 

Schon vor seinem Start zeichnete sich ab, dass auch das Glück eine gewisse Rolle spielen würde. Die Bedingungen wechselten häufig, der Regen ließ mal nach, wurde wieder stärker, und war zwischendurch auch ganz weg. Die Straße aber blieb durchweg rutschig, es war für die Fahrer vor allem in den Kurven ein Ritt auf der Rasierklinge (Tour 2017: Das müssen Sie wissen).

Am Ende blieb dem viermaligen Zeitfahr-Weltmeister nur die Atmosphäre vor heimischen Publikum positiv in Erinnerung. "Es war ein wunderschönes Rennen. Ich habe überhaupt keine Anweisungen verstanden, weil die Leute mich so gepusht, so angefeuert haben", sagte Martin.

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