Rio de Janeiro - Dank Dzsenifer Marozsan holen die DFB-Frauen erstmals Gold. Die 24-Jährige spielt so gut wie nie, steht aber auch für ein Problem des deutschen Frauen-Fußballs.

von Christoph Küppers

Fast schon teilnahmslos stand sie da, auf dem Siegerpodest. Dzsenifer Marozsan hielt ihre Goldmedaille in der Hand. Der Blick schweifte gedankenverloren durchs nur noch spärlich besetzte Maracana-Stadion.

Dass Mitspielerinnen wie Annike Krahn, Anja Mittag oder Almuth Schult neben ihr Tränen in den Augen hatten oder wild ins Publikum winkten, schien an der 24-Jährigen vorbei zu gehen. Später auf der Pressekonferenz, auf die Marozsan als einzige Spielerin von der DFB-Presseabteilung beordert wurde, wirkte die Mittelfeldspielerin ähnlich zurückhaltend.

Während aus der Mannschaftskabine der DFB-Frauen laute Jubelschreie zu hören waren, saß sie da fast schon verhalten auf dem Podium und versuchte ihre Gefühlswelt zu schildern. "Ich war einfach glücklich nach dem Spiel", sagte Marozsan auf SPORT1-Nachfrage.

Die Matchwinnerin bleibt bescheiden

"Ich habe es genossen und bin der Mannschaft unheimlich dankbar, dass sie mir diesen Moment beschert hat." Bescheidene Worte. Dabei hatte Marozsan soeben das olympische Fußball-Finale der Frauen fast im Alleingang entschieden.

Obwohl sie im Halbfinale gegen Kanada mit muskulären Problemen frühzeitig vom Feld musste, spielte Marozsan gegen Schweden von Beginn an. Und das auch noch auf ungewohnter Position im zentralen defensiven Mittelfeld.

In der 48. Minute schlenzte die 24-Jährige einen Schuss aus 16 Metern perfekt in den langen Winkel. Nur 14 Minuten später hatte Marozsan dann entscheidenden Anteil am 2:0. Einer ihrer Zucker-Freistöße klatschte an den linken Pfosten. Die Schwedin Sembrant reagierte unglücklich und bugsierte den Ball ins eigene Tor. Matchwinnerin Marozsan.

Lobeshymnen sind der gebürtigen Ungarin, die 1996 mit vier Jahren mit der Familie nach Deutschland kam, allerdings fremd. "Ich bin einfach froh, dass es uns so gut gelungen ist und dass wir jetzt die Gold-Medaille um den Hals haben", sagte sie bescheiden.

Marozsan, so wirkt es zumindest, würde dem Medienrummel am liebsten ganz entgehen und das tun, was sie am liebsten kann und am besten macht: Fußball spielen!

Christoph Küppers berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro
Christoph Küppers berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro © SPORT1/Getty Images

Sie ist die Top-Spielerin der DFB-Frauen. Technisch kann ihr fast keine das Wasser reichen. Nicht in der eigenen Mannschaft, wahrscheinlich auch darüber hinaus nicht.

In diesem Jahr wird sie aller Voraussicht nach zu Europas Spielerin des Jahres gewählt. Und vor den Olympische Spielen ist sie vom 1. FFC Frankfurt zu Olympique Lyon gewechselt, dem aktuellen Champions-League-Sieger.

Erstes Bundesligaspiel mit 15

Immer noch ist Marozsan die jüngste Debütantin in der Frauen-Bundesliga - mit 15 Jahren spielte sie zum ersten Mal in Deutschlands Eliteklasse. Schon ihr Vater Janos war Profi. Der Ungar kickte beim 1. FC Saarbrücken und in der ungarischen Nationalmannschaft.

TuS Koeln v 1. FC Saarbruecken - Women DFB Cup
Bereits in jungen Jahren zeigte Dzsenifer Marozsan in der Bundesliga ihre technischen Fertigkeiten © Getty Images

Die Tochter spielte bis zur D-Jugend noch bei den Jungs des DJK Burbach. Dann folgte der Wechsel zum 1. FC Saarbrücken (2003), sechs Jahre später ging es weiter zu Branchenprimus Frankfurt. Ihre Vorbilder sind Weltfußballerin Nadine Kessler – und: Cristiano Ronaldo.

Bundestrainerin Silvia Neid, die ihren Job nach dem Olympischen Spielen nun mit der Gold-Medaille an Co-Trainerin Steffi Jones übergibt, sagte nach dem Olympia-Sieg über Marozsan: "Sie ist die beste Technikerin, die ich kenne. Schon in den U-Mannschaften war sie immer sehr auffällig und dominant."

Dann holte Neid zum Ritterschlag aus: "Die Jenny hatte immer das Problem, dass sie sehr verletzungsanfällig war. Jetzt habe ich aber das Gefühl, dass sie jedes Jahr besser wird. In vier Jahren, da bin ich mir sicher, ist sie die Granate schlechthin."

Wechsel nach Frankreich

Dass diese "Granate" nun aber Deutschland und Frankfurt in Richtung Frankreich/Lyon verlässt, zeigt auch eines der größten Probleme des deutschen Frauenfußballs. Die Bundesliga kann nämlich auf höchstem finanziellen Niveau nicht mehr mithalten.

Die fatale Folge: Vor allem Top-Spielerinnen wechseln zunehmend ins Ausland. Beispiel Marozsan. Schenkt man Insidern Glauben, verdiente sie in Frankfurt knapp 3.000 Euro brutto im Monat.

In Lyon soll sie nun im unteren fünfstelligen Bereich kassieren. Summen, die in Deutschland nicht gezahlt werden - vielleicht mit Abstrichen in Wolfsburg oder bei den Bayern. Und das, obwohl längst in den meisten Vereinen auf Profi-Niveau gearbeitet wird.

Vielleicht meinte Reinhard Grindel, der DFB-Präsident auch das, als er nach dem Gold-Medaillengewinn in den Katakomben des Maracana-Stadions von der Hoffnung auf einen "Schub für den Frauenfußball" sprach. Auch wenn Noch-Trainerin Neid auf SPORT1-Nachfrage später ketzerisch fragte: "Wie viel Schübe sollen wir denn noch brauchen?"

Dzsenifer Marozsan äußerte sich hingegen nicht zu dem Thema. Sie wolle "den Moment genießen". Typisch zurückhaltend. Typisch Marozsan.

Weiterlesen