Start frei: Die IndyCar-Saison 2017 startet am Sonntag um 18 Uhr
Start frei: Die IndyCar-Saison 2017 startet am Sonntag um 18 Uhr © IndyCar

Die IndyCar-Serie geht in ihre letzte Saison vor der großen Revolution: Wer kann Penske im letzten Jahr der Hersteller-Aerokits gefährlich werden?

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Abschluss mit Radau - die IndyCar-Serie wird sich nach dem Ende der am Sonntag in St. Petersburg (Florida) startenden Saison von den Hersteller-Aerokits verabschieden. Für viele mag sich dieses merkwürdige Gefühl zu Beginn einer letzten Saison vor einer Revolution einstellen: Eigentlich redet schon alles von 2018, wenn eine Champ-Car-Optik kommen, das Racing spannender und überhaupt alles besser werden soll. Doch zuvor gilt es einen Job zu erledigen: 17 Rennen stehen auf dem Programm.

Von außen mag es wie ein groteskes Bild anmuten: Die Stimmung im Fahrerlager ist gut wie lange nicht. Endlich geht es aufwärts, die Zukunft sieht blendend aus. Jay Frye, Renndirektor der IndyCar-Serie, hat sich zu einer Art amerikanischen Martin Schulz entwickelt. Zwar weiß keiner genau wie, aber mit ihm wird auf jeden Fall alles besser werden, so die allgemeine Stimmung im Fahrerlager. Das hat durchaus Substanz, denn Frye hat im ersten Jahr seiner Funktion mit seiner kooperativen Art, Entscheidungen an den Bedürfnissen der Teams auszurichten, zu Recht viele Anhänger im Paddock gewonnen.

Die Fakten hingegen sind erst einmal ernüchternder. Die IndyCar-Serie wartet 2017 mit dem kleinsten Starterfeld seit dem Zusammenschluss aus CART und IRL auf. 21 Vollzeit-Teilnehmer werden die Saison in Angriff nehmen, verteilt auf lediglich achteinhalb Teams (Bryan Herta Autosport als halbes Team gezählt). Ohne das Mammutaufgebot der großen Teams Penske, Ganassi und Andretti, die jeweils vier Autos beisteuern, wären weit weniger als 20 Boliden am Start. Damit müssen sich die Fans zumindest für den Saisonstart abfinden. Der findet auf dem brandneu asphaltierten Straßenkurs rund um den Albert Whitted Airport statt.

Penske ist der Maßstab für alle

Als Favorit geht natürlich auch 2017 das Penske-Team an den Start, mit acht Siegen die unangefochtene Nummer eins in "St. Pete". Simon Pagenauds Titelverteidigung startet unter dem Schlagwort Kontinuität. "Die große Herausforderung ist für jeden im Team, auf diesem Niveau weiterzumachen", sagt er und kündigt an, auf Ovalen dieses Jahr aggressiver vorgehen zu wollen. In St. Petersburg steht jedoch erst einmal ein Straßenkurs auf dem Programm. "Auf diesen und auf Rundkursen möchte ich einfach mein Niveau halten", gibt er die Marschroute vor.

Will Power freut sich derweil auf seine Rückkehr nach St. Petersburg, wo er im Vorjahr aussetzen musste, nachdem bei ihm fälschlicherweise eine Gehirnerschütterung festgestellt wurde. Ohne das fehlende Rennen wäre der Druck auf Pagenaud im Titelkampf wesentlich größer gewesen. So blieb ihm der vierte Vizetitel seiner Karriere. "St. Pete kommt meinem Fahrstil entgegen - ein cooler, flüssiger Straßenkurs", reibt er sich die Hände. In seiner Meistersaison 2014 konnte er das Rennen gewinnen. "Es ist schwierig zu überholen, deshalb ist das Qualifying besonders wichtig", mahnt er.

Die große Neuerung im Team des "Captains" ist Josef Newgarden. Nichts würde dem Neuling besser gefallen als die etablierten Teamrivalen gleich beim ersten Rennen einmal richtig abzuservieren. Die Rechnung geht jedoch nicht ohne den dreimaligen Sieger des Auftaktrennens. Helio Castroneves hofft auch in seiner 18. IndyCar-Saison mit Penske endlich den heiß ersehnten Titel zu holen. Bis heute ist er Rekordsieger auf dem Straßenkurs, sein letzter St.Pete-Sieg datiert allerdings auf das Jahr 2012 zurück.

Zahlt sich Ganassis Wechsel zurück auf Honda aus?

Das Ganassi-Team geht als das "Dark Horse" in die IndyCar-Saison 2017. Der Wechsel zurück auf Honda-Material war neben dem Newgarden-Wechsel zu Penske das größte Thema des Winters. In neuen blauen Farben will Scott Dixon wieder angreifen. Chip Ganassis Vorzeigefahrer hatte 2016 die schwächste Saison seit über zehn Jahren. Der viermalige Meister muss und will zurückschlagen. "Verglichen mit allen anderen Teams wird der Lernprozess bei diesem Team wesentlich schneller sein", verspricht er. Ein Sieg in St. Pete fehlt Dixon allerdings noch. Bislang kann er drei zweite Plätze vorweisen.

Die eindrucksvolle Vierfach-Bestzeit bei den Testfahrten in Sebring lässt aufhorchen. "Vier Zehntel schneller als Will Power und wir wissen nicht warum", grinst Teamchef Mike Hull und fügt hinzu: "Chevrolet hat vielleicht Spielchen gespielt..." Fakt ist jedoch: Ganassi hat beim letzten großen Test vor dem Saisonauftakt auf ähnlich buckeligem Geläuf der Konkurrenz einen ziemlichen Schrecken versetzt. Charlie Kimball war in seiner Insulin-Rakete beim Test Zweitschnellster. Bislang waren seine Leistungen aber nicht konstant genug, um in der Meisterschaft vorne mitzuspielen.

Der andere Siegfahrer aus dem Rennstall von Chip Ganassi ist Tony Kanaan. Dem Veteran läuft jedoch allmählich die Zeit davon, den zweiten Titel nach 2004 zu holen. Ein einziger Sieg aus drei Jahren in einem Team wie Ganassi ist zu wenig. Vieles wird davon abhängen, ob Honda trotz der Einfrierung der Aerokits auf dem 2016er-Stand die nötigen Fortschritte beim High-Downforce-Kit gelungen sind, das auf über 80 Prozent aller Strecken zum Einsatz kommt. Und beim Phoenix-Test sah es nicht so aus, als habe Honda sein Defizit auf Kurzovalen aufholen können.

Honda-Jäger: RLL und Andretti

Die Honda-Krone verteidigen möchte das RLL-Team. Einzelkämpfer Graham Rahal hat sich als HPD-Frontmann in den vergangenen beiden Jahren etabliert. Es wäre Zeit für Größeres, doch auch der Sohn von Bobby Rahal wird vom Material abhängig sein. Unvergessen sein Sieg in St. Petersburg 2008, als er mit Newman/Haas beim zweiten Rennen nach dem Zusammenschluss gleich einmal als Champ-Car-Flüchtling die versammelte IndyCar-Elite blamierte. "Ich bin der Erste, der sagen würde, dass wir im Winter sehr beschäftigt waren", verkündet er vollmundig. Mit Tom German hat das Team einen wichtigen Ingenieur von Andretti Autosport weggelotst.

Jenes ist das einzige Team, das neben Penske und Ganassi sowie dem nicht mehr existierenden Newman-Haas-Rennstall in St. Petersburg gewonnen hat. Den zwei Siegen von Dan Wheldon 2005 und James Hinchcliffe 2013 würde die Mannschaft von Michael Andretti gerne einen dritten folgen lassen. Nichts wäre besser, um die verkorkste Saison 2016 des Andretti-Kernteams vergessen zu machen. Beim Sebring-Test ging die Mannschaft den anderen Teams aus dem Weg. Kann das Team nach der schwierigen Saison 2016 zurückschlagen?

Personell hat sich Andretti neu aufgestellt - hinter den Kulissen durch die Verpflichtung von Ex-Scott-Dixon-Ingenieur Eric Bretzman, auf der großen Bühne durch die Verpflichtung von Takuma Sato. Der Honda-Protege schöpft nach einigen enttäuschenden Jahren bei A.J. Foyt Enterprises neuen Mut und hofft auf den ersten Sieg seit Long Beach 2013. Doch der Japaner klagt: "Ich hatte nur einen Roadcourse-Testtag zur Saisonvorbereitung, was mich vor eine ziemliche Herausforderung in einem neuen Team stellt." Es wäre aber nicht das erste Mal, dass der ehemalige Formel-1-Pilot aus dem Nichts auftaucht und um einen Sieg mitfährt, wenn keiner mit ihm rechnet - sofern er das Auto ganz lässt.

Ryan Hunter-Reay wird nach seiner ersten sieglosen Saison seit 2009 motiviert sein, es diesmal deutlich besser zu machen. "Wir wollen den Durchbruchssieg", kündigt der 36-Jährige an. 2017 könnte für ihn zu einer entscheidenden Saison werden: Kann der Meister von 2012 noch einmal an alte Erfolge anknüpfen, oder ist sein Karriereherbst endgültig eingeläutet? Daneben hofft Indy-500-Sieger Alexander Rossi, es in dieser Saison im Andretti-Herta-Team auf mehr Strecken gebacken zu bekommen. Sein Indianapolis-Sieg mag seine Schonfrist stark verlängert haben, doch er braucht mehr gute Resultate.

Spannung bei den kleinen Teams

Auf einem guten Weg präsentierte sich vergangenes Jahr das Schmidt-Peterson-Team. Anders als in den anderen Rennställen bleibt hier alles beim Alten. Beide Fahrer sind fahrerisch zu Siegen in der Lage. Zunächst einmal wartet jedoch 2017 das markeninterne Haifischbecken bei Honda mit Schmidt/Peterson, Andretti Autosport, RLL und jetzt auch noch Ganassi. Zu schnell könnte ein Team wie Schmidt/Peterson an dieser Front zerrieben werden.

Hinchcliffe mag IndyCar durch seine Tanzshow-Einlage einem breiteren Publikum zugänglich gemacht haben, doch nun muss er seinen prominenten Status mit Siegen rechtfertigen. Der Indianapolis-Unfall von 2015 hat als Ausrede ausgedehnt, nur Siege helfen als Argumente. Und Aljoschins erster IndyCar-Triumph ist überfällig - was der Russe braucht, ist ein wenig Glück.

Die IndyCar-Saison 2017 hält viele weitere spannende Geschichten parat. Etwa, wie sich Sebastien Bourdais bei seiner Rückkehr zu Dale Coyne schlagen wird. Oder ob J.R. Hildebrand seinen verlorenen Indy-500-Sieg von 2011 im Team von Ed Carpenter nachholen kann. Und wie wird sich A.J. Foyt Enterprises beim großen Reset mit Chevrolet-Material und zwei neuen Fahrern schlagen? Die Antworten gibt es in 17 Rennen in nur etwas mehr als sechs Monaten. Übertragen wird die IndyCar-Serie im deutschsprachigen Raum live von Sport1 US. Der Saisonauftakt startet um 17 Uhr MEZ (die Sommerzeit beginnt in Florida bereits am 12. März).

© Motorsport-Total.com

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