Sebastien Bourdais ist nach seinem IndyCar-Sieg in St. Petersburg äußerst emotional - warum der Franzose eine Rechnung begleicht, die 14 Jahre offen war.

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Eigentlich schien es aussichtslos: Sebastien Bourdais musste den IndyCar-Saisonauftakt 2017 in St. Petersburg vom letzten Startplatz in Angriff nehmen - einer Strecke, die nicht gerade dafür bekannt ist, Überholmanöver zu fördern. Doch mit ein bisschen Rennglück, aber auch einer überzeugenden Performance gelang dem viermaligen Champ-Car-Meister das Unglaubliche: Der Sieg vom letzten Startplatz aus. Bourdais war im Ziel äußerst emotional. Schließlich hatte er gerade eine schmerzhafte Rechnung aus dem Jahre 2003 beglichen.

Rückblende: Bei seinem Debüt in der Champ-Car-Serie stellt Bourdais beim ersten Rennen überhaupt in St. Petersburg den Newman/Haas-Lola gleich einmal auf die Pole-Position. Im Rennen führt er anschließend 31 Runden lang. Durch eine andere Boxenstrategie als das Gros des Feldes fällt der Franzose allerdings ins Mittelfeld zurück, während weiter vorn Paul Tracy (Forsythe-Lola) freie Fahrt hat.

Bourdais hatte bereits beim Boxenstopp Zeit verloren, weil er den Gang nicht richtig eingelegt hatte. In den Champ Cars gab es noch sequenzielle Getriebe mit Schaltstock. Auf kalten Reifen fiel die Horde über ihn her. Als er die Pneus auf Temperatur gebracht hatte, schlug er in die Mauer ein und musste für sechs Runden an die Box kommen. Ein schmerzhafter Fehler eines Rookies im ersten Rennen.

Dreamteam nach zehn Jahren wiedervereinigt

14 Jahre später fand sich Bourdais erneut in der Mauer in seiner Wahlheimat wieder - diesmal allerdings im Qualifying. "Ich dachte, ich hätte gestern alles weggeworfen", gibt er zu. Doch mit einem Safety-Car zum richtigen Zeitpunkt und enorm starkem Speed über das restliche Rennen hinweg zwang er sogar den amtierenden Meister Simon Pagenaud in die Knie. "Er war heute einfach unantastbar", musste Bourdais' Landsmann zugeben, der am Sonntag Zweiter wurde.

Der Sieg war aus mehreren Gründen emotional: Nicht nur hat Bourdais mit 14 Jahren Verspätung endlich in St. Pete gewonnen (die Champ-Cars fuhren dort nie wieder). Er siegte zudem auf Anhieb bei seiner Rückkehr ins Team von Dale Coyne, für das er 2011 schon mehrere IndyCar-Rennen bestritten hatte. Und, was noch entscheidender sein mag: Erstmals arbeitete er wieder mit seinem alten Renningenieur Craig Hampson zusammen.

Die Wege der beiden haben sich nach Bourdais' letztem Titel im Zuge der Champ-Car-Auflösung im Jahre 2007 getrennt. Nun gewann er gleich wieder, als wäre die Uhr zurückgedreht worden. "Er ist wie in alten Tagen gefahren", schwärmt Hampson im Gespräch mit 'Racer'. Und erinnert sich: "Der Sieg in unserem ersten gemeinsamen Rennen 2003 wäre eigentlich unser gewesen."

Mit Glück und Speed zum emotionalen Triumph

Erster Sieg gemeinsam mit Dale Coyne, erstmals wiedervereinigt mit dem alten Renningenieur aus seiner besten Zeit, ein Triumph vom letzten Startplatz aus und das alles noch in seinem Wohnzimmer: Dass Bourdais in der Victory Lane mit den Tränen kämpfte, mag angesichts dessen verständlich erscheinen. "Ich wusste ehrlich gesagt gestern nicht, was ich mit mir anfangen sollte", sagte er direkt nach dem Rennen im Hinblick auf den Unfall am Samstag. "Dieses Ergebnis von gestern in unser heutiges Resultat umzuwandeln ist einfach..." An dieser Stelle gingen ihm die Worte aus.

Der Schlüssel zum Sieg war ein Strategiekniff des Rennfuchses Dale Coyne, der Bourdais bereits nach 23 Runden zum Stopp holte. Und damit voll ins Schwarze traf, denn kurz darauf wurde eine Gelbphase ausgelöst, die sieben Fahrer in die Knie zwang, die noch nicht gestoppt hatten. "Sehen wir es realistisch, wir haben mit dieser Gelbphase wirklich Glück gehabt", gesteht der ehemalige Formel-1-Pilot. "Wir haben davon definitiv profitiert und den Schub bekommen, den wir benötigt haben."

Aber eben nicht nur: So mancher Zuschauer mag sich verwundert die Augen gerieben haben, als Bourdais sechs Runden nach dem Restart Simon Pagenaud in Kurve 1 einfach stehen ließ. "Sebastien ist wirklich gut darin, das Auto für ein Rennen abzustimmen", begründet sein alter neuer Renningenieur Hampson. "Schnell, konstant und reifenschonend. Ich bin so glücklich, dass er in seiner Heimatstadt gewonnen hat." Und Bourdais kündigt bereits an: "Ich hoffe, wir werden mehr Tage wie diese haben." Und mit der jetzigen Teamkonstellation ist das gar nicht mal unwahrscheinlich...

© Motorsport-Total.com

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