Alexander Wurz bestritt zwischen 1997 und 2007 insgesamt 69 Grands Prix in der Formel 1 und stand dabei drei Mal auf dem Podium © SPORT1-Grafik: dpa picture alliance/ Getty Images

München - Wenige Tage vor Beginn der neuen Saison spricht Experte Alexander Wurz bei SPORT1 über die neuen Regeln und über die Titelchancen von Sebastian Vettel.

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Mit vielen Änderungen startet die Formel 1 in die neue Saison (ab Fr. im LIVETICKER)

Alexander Wurz, ehemaliger Pilot in der Königsklasse des Motorsports, sieht im neuen Technik-Reglement nicht weniger als den Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Im Gespräch mit SPORT1 mahnt der 43 Jahre alte Österreicher, der zweimal in Le Mans gewonnen hat, aber auch Änderungen im Bereich der Aerodynamik an.

Außerdem zieht der Vorsitzende der Fahrergewerkschaft eine Bilanz der Tests und äußert sich zu den Chancen der deutschen Piloten. Im Zwist zwischen Ferrari und Mercedes sieht er eine PR-Masche.

SPORT1: Das technische Reglement der Formel 1 hat sich zur neuen Saison einschneidend geändert. Viele sprechen sogar von einer neuen Ära. Ist das gerechtfertigt?

Alexander Wurz: Es ist eine neue Ära! Zum ersten Mal hat ein Reglement die Autos schneller gemacht. Bisher wurden Autos via Reglement-Änderungen ja immer gebremst. Fans und Fahrer haben nach einer authentischeren und cooleren Formel 1 gefragt, und die haben sie zumindest teilweise auch bekommen. Schnellere Autos, vor allem in den Kurven, ist die eigentliche Faszination des Rennfahrens. Jetzt haben alle Piloten den ganzen Winter über trainiert, der Spaß mit den Autos ist dank des neuen Reglements zurück. 

SPORT1: Gibt es auch Kritikpunkte?

Wurz: Das Reglement ist weiterhin so ausgerichtet, dass die Aerodynamik sehr sensibel ist. Somit werden wir bei den ersten Rennen Kritik hören, dass das Überholen schwierig ist. Hier sollten wir alle nach vorne schauen und das Reglement rund um die Aerodynamik des Autos so auslegen, dass knappes Hinterherfahren möglich ist.

Hier muss ich mal klar sagen, dass die Aerodynamik an einem Formel-1-Auto ganz wichtig ist. Wenn die Formel 1 die schnellste Rennserie bleiben will, muss sie einfach Flügel haben! Ohne aerodynamische Hilfsmittel fahren wir 20 Sekunden langsamer. Das ist dann so, als würde ein 100-Meter-Sprint im Spaziergang gemacht werden. Man muss nur das Reglement so machen, dass der Abtrieb nicht so wesentlich vom vorderen Flügel kommt, sondern mehr vom Unterboden. Dann kann man auch ganz knapp hinterherfahren.

SPORT1: Die auffälligste optische Änderung an den Boliden sind die Heckflossen. Was genau sollen diese bezwecken?

Wurz: Ich finde zwar, dass die neuen, breiten und fetten Reifen am meisten auffallen. Aber die Heckflossen sind einfach da, um den Luftstrom zu verbessern.

SPORT1: Wie lautet Ihre wichtigste Erkenntnis aus den beiden Testwochen in Barcelona?

Wurz: Mercedes ist weiterhin das Team, das den Ton vorgibt. Ferrari und Red Bull sind ein paar Zehntel dahinter. Dann kommt ein Loch, wo das Mittelfeld sich aufteilt, vermutlich mit Williams als kräftigstes Team. Renault wird etwas aufgeholt haben und somit das einzige Team sein, dass seine Option des Vorjahres verbessern wird. Aber grundsätzlich ist es schwer, die Lage einzuschätzen, da es so viele unterschiedliche Reifenmischungen gibt, und man ja nie weiß, wer wie viel Sprit an Board hatte und mit wie viel Motorleistung fährt.

SPORT1: Sehen Sie durch das neue Aerodynamik-Reglement neue Chancen für die Mercedes-Konkurrenten?

Wurz: Nein. Denn wenn ein Team den Luftfluss und die Philosophie so gut versteht wie Mercedes, dann ist eine Reglement-Umstellung heutzutage nicht mehr so ein Neuland wie noch vor Jahren. Dadurch, dass bei Mercedes seit Jahren das Auto systematisch mit einem derartig guten Grundwissen aufgebaut und entwickelt wird, werden sie nicht abfallen.

SPORT1: Ein weiteres viel diskutiertes Thema ist die Aufhängung bei Mercedes und Red Bull, die laut Ferrari nicht regelkonform sein soll. Worum geht es da genau und was ist Ihr Standpunkt bei diesem Thema?

Wurz: Es geht um Politik. Es geht darum, dass Teams sich via der Medien und durch PR das Leben schwer machen, um so einen Vorteil zu bekommen. Ein übliches Spiel.

SPORT1: Trauen Sie Sebastian Vettel in der dritten Saison bei Ferrari den Titel zu?

Wurz: Ihm traue ich jedes Jahr den Titel zu. Aber ob er ein Auto hat, um das zu schaffen, wird uns die Stoppuhr zeigen. Und zwar die Stoppuhr bei den Rennen, nicht die von den Tests. Es wäre sehr cool, wenn wir einen sehr starken Ferrari hätten.

SPORT1: Welchen Eindruck haben Sie von Nico Hülkenberg und Pascal Wehrlein in ihren neuen Teams?

Wurz: Renault ist auf jeden Fall besser drauf als noch vor zwölf Monaten. Die Frage wird sein, ob sie sich mit Werksunterstützung an die Spitze oder nur ins mittlere Mittelfeld bewegen. Nico weiß ja ganz genau, was er zu tun hat. Renault hat mit ihm einen tollen Piloten verpflichtet, der dem Team auf die Sprünge helfen kann. Pascal muss hart daran arbeiten, das Team hinter sich zu stellen. Dann kann er alle anderen Top-Teams überzeugen, dass er ein Team positiv beeinflussen und weiterhelfen kann. Das ist neben dem schnell Autofahren für ihn der wichtigste Job.

SPORT1: Ist Milliardärssohn Lance Stroll angesichts seiner zahlreichen Unfälle bei den Testfahrten wirklich schon reif genug für die Formel 1?

Wurz: Er ist ja auch Formel-3-Europameister, Stroll ist reif für die Formel 1. Das Limit auszuloten, Unfälle zu haben, ist normal und Teil der Entwicklung.