Bernie Ecclestone und Renault-Entwicklungsfahrerin Carmen Jorda tauschten sich im Oktober beim Mexiko-GP aus
Bernie Ecclestone und Renault-Entwicklungsfahrerin Carmen Jorda tauschten sich im Oktober beim Mexiko-GP aus © Getty Images

Der Macher mit dem schrägen Frauenbild ist entmachtet, ein Triumvirat übernimmt: Was bedeutet das für den Kalender, die Teams und Bernie Ecclestone selbst? Die Antworten.

Mehr Show, mehr Spannung, mehr Rennen: Nach dem Sturz von Alleinherrscher Bernie Ecclestone wollen die neuen Besitzer die Formel 1 umkrempeln.

Chase Carey, der neue starke Mann in der Königsklasse, kündigte nach dem Mega-Deal umfassende Reformen an. "Die Formel 1 hat ein großes Potenzial mit zahlreichen ungenutzten Möglichkeiten", sagte der Amerikaner: "Wir sehen überall Möglichkeiten für Wachstum."

Der zurückgetretene Weltmeister Nico Rosberg legt große Hoffnungen in die neue Führung. "Eine Veränderung war überfällig", schrieb der 31-Jährige bei Twitter: "Mr. Carey, viel Erfolg dabei, unseren Sport wieder großartig zu machen."

Zuletzt hatte der Wiesbadener schon gesagt: "Ich denke, Liberty Media kann ein wenig Würze hereinbringen. Vielleicht können sie das Ganze sogar ein wenig amerikanisieren, auf Showbusiness verstehen sie sich eben. Und das brauchen wir jetzt." 

Auch mal zu Gast bei Bayerns Basketballer: Chase Carey neben Uli Hoeneß
Auch mal zu Gast bei Bayerns Basketballer: Chase Carey neben Uli Hoeneß © Getty Images

SPORT1 nennt die wichtigsten Fragen und Antworten zum Machtwechsel:

- Warum musste Ecclestone gehen?

In den vergangenen Jahren hatte die Formel1 schwer mit Zuschauerschwund zu kämpfen - an den Strecken und an den TV-Geräten. Das lag nicht nur an der Langeweile an der Spitze, wo Mercedes einsam seine Kreise zog.

Ecclestone verschlief die Digitalisierung, verweigerte sich und lange auch sein Produkt den Social Media. Seine bizarre Ablehnung von Frauen in der Formel 1 ("Ich glaube nicht, dass eine Frau die körperlichen Voraussetzungen hätte, um ein Formel-1-Auto schnell zu fahren. Und sie würde auch sicher nicht ernst genommen.") tat sein Übriges, um ihr ein nicht mehr zeitgemäßes Image zu verpassen. Folglich beklagte sich Ex-Weltmeister Jenson Button: "Unser Publikum ist zu alt." 

- Was soll anders werden?

Carey spricht bei seinen Plänen von "langfristigen Visionen", um die F1 wieder sexy zu machen. Die neuen Eigner wollen unter anderem die Show verbessern, den Rennkalender reformieren und für mehr sportliche Spannung sorgen. Zudem soll die Präsenz auf digitalen Plattformen und in den sozialen Netzwerken verstärkt werden, um neue Fans zu gewinnen. Auch das komplizierte technische Reglement soll auf den Prüfstand kommen.

- Wer hat nun das Sagen?

Als Ecclestones Erben übernimmt ein Triumvirat: Carey ist als Präsident und Geschäftsführer der neuen Formel-1-Gesellschaft der Boss, an seiner Seite fungieren ab sofort Sean Bratches (Geschäftsführer kommerzielle Angelegenheiten) und der ehemalige Schumacher-Vertraute Ross Brawn als Geschäftsführer Motorsport.

Unter Chase Carey (M.) dürfte einiges anders laufen als bei Bernie Ecclestone
Unter Chase Carey (M.) dürfte einiges anders laufen als bei Bernie Ecclestone © Getty Images

Die Aufgabe des einstigen Star-Ingenieurs: Das Rennerlebnis für die Fans verbessern. Die Formel 1 müsse wieder "einfacher" werden, sagte Brawn, der Rekordweltmeister Michael Schumacher als "Superhirn" zu dessen sieben WM-Titeln geführt hatte. Selbst Brawn habe zuletzt "nicht mehr verstanden, was da eigentlich passierte".

- Wer könnte neben Ecclestone der große Verlierer werden?

Sebastian Vettels Team Ferrari droht der Verlust großer Privilegien. Carey und Co. wollen die Verteilung der Preisgelder an die Rennställe reformieren. Die Scuderia ist zwar nicht das einzige Team, das bisher üppige Bonuszahlungen erhält, auch Mercedes, Red Bull, McLaren und Williams werden aus unterschiedlichen Gründen mit Zusatzzahlungen bedacht, kein Team streicht aber so viel ein wie Ferrari.

Ecclestone zahlte dem Traditionsrennstall zuletzt stets allein als eine Art Antrittsgage rund 100 Millionen Euro. Kleinere Rennställe müssen hingegen stets den Bankrott fürchten. "Wir denken darüber nach, die Team-Zahlungen anzugleichen, um so mehr Fairness zu schaffen", sagte Liberty-Media-Chef Greg Maffei dem Forbes-Magazin. 

- Was bedeutet der Machtwechsel für Hockenheim?

Die Zahl der Rennen soll weiter aufgestockt werden, auf bis zu 25 pro Saison. Dabei werden auch Standorte wie New York, Miami, Los Angeles und Las Vegas in Erwägung gezogen.

 Europa, für Carey "Heimat und Fundament der Formel 1 und von entscheidender Bedeutung", müsse dennoch Kernmarkt bleiben. Die Strecken sollen entlastet werden, um Standorte wie Hockenheim, Monza, Spa und Silverstone im Kalender zu halten.

Hockenheim darf auf einen Verbleib im Rennkalender hoffen - und auf Vergünstigungen
Hockenheim darf auf einen Verbleib im Rennkalender hoffen - und auf Vergünstigungen © Getty Images

Jeder Grand Prix soll zu einem Mega-Event werden. Bescheidenes Vorbild: Der Super Bowl.

- Und was wird aus Ecclestone?

Das Aus dürfte den Strippenzieher nicht wirklich überrascht haben, schließlich deutete sich das Ende seiner Ära zuletzt an. Dennoch sitzt der Frust bei dem 86-Jährigen tief. "Ich wurde heute abgesetzt. Bin einfach weg", sagte der Milliardär dem Fachmagazin auto motor und sport.

Zähneknirschend willigte er in einen Frühstücksdirektor-Posten ein: "Meine neue Position ist jetzt so ein amerikanischer Ausdruck. Eine Art Ehrenpräsident. Ich führe diesen Titel, ohne zu wissen, was er bedeutet".

Wie wenig dem Exzentriker der Thronsturz schmeckt, offenbarte sich bereits beim Singapur-GP im September. Damals schubste und trat der Senior Kameramänner, die ihn auf der Jagd nach Carey beiseite drängten - wie Videoaufnahmen belegten.

Doch vielleicht gewöhnt sich Ecclestone ja an die Vorzüge der Zwangs-Rente: "Meine Tage im Büro werden jetzt etwas ruhiger. Vielleicht komme ich auch mal zu einem Grand Prix. Ich habe immer noch viele Freunde in der Formel 1. Und ich habe noch genug Geld, um mir den Besuch bei einem Rennen leisten zu können."

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