Dr. med. Joseph Keul war 40 Jahre der Arzt der deutschen Olympia-Mannschaften
Dr. med. Joseph Keul war 40 Jahre der Arzt der deutschen Olympia-Mannschaften © Getty Images

Der langjährige Olympia-Arzt Joseph Keul ist in einem Gutachten schwer belastet worden. Keul werden Vertuschung und aktive Teilnahme an Manipulationen vorgeworfen.

Der Mainzer Sportwissenschaftler Andreas Singler hat Joseph Keul, dem langjährigen Leiter der Abteilung Sportmedizin der Universität Freiburg, in einer neuen Studie Vertuschung und aktive Teilnahme an Manipulationen vorgeworfen. Keul sei "einer der am meisten dopingbelasteten Sportmediziner in Westdeutschland", schrieb Singler in seiner 400-seitigen Studie über den 2000 in Freiburg gestorbenen "Doyen der deutschen Sportmedizin".

Keul, langjähriger Chefarzt der deutschen Olympiamannschaft, sei zum zentralen Garanten der Doppel-Moral und der Vereinbarkeitsfiktion des eigentlich Unvereinbaren geworden, schrieb Singler: "von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von manipulationsfreiem Spitzensport als Normalfall".

Schwere Anschuldigungen

Keul, dem bislang im Zusammenhang mit Doping vor allem Verharmlosung vorgeworfen worden war, soll auch selbst wissentlich Sportler gedopt haben. "In den 1970er Jahren, bis zur großen Manipulationsdebatte 1976 und 1977 im Nachgang zu den Olympischen Spielen in Montreal, stand Keul zumindest vereinzelt nachweisbar auch für aktives Doping beziehungsweise die aktive medizinisch nicht indizierte Intervention zum Zweck der Leistungssteigerung", hieß es in der Studie.

"Unter dem Mantel wissenschaftlicher Überprüfung vermochte es eine einflussreiche Subkultur unter der Führung Keuls und des Dopinganalytikers Manfred Donike in den 1980er Jahren, einen westdeutschen Leichtathleten sich ungestraft anabolikagestützt auf internationale Großereignisse vorbereiten zu lassen", schrieb Singler weiter. Keul hatte eine Beteiligung an Dopingpraktiken stets bestritten.

Streit mit Freiburger Sportmedizin

Singler hatte das Gutachten selbst veröffentlicht, weil er sich mit der Universität Freiburg nicht über die Bezahlung verständigen konnte. Als Mitglied der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin war er im April 2015 nach internen Unstimmigkeiten zurückgetreten.

Keuls Vermächtnis hatten schon zahlreiche Publikationen nach seinem Tod in ein anderes Licht gerückt. Im Jahr 2011 sah es eine Studie zu Doping in Westdeutschland als erwiesen an, dass Keul in Freiburg mit Fördergeldern des dem Bundesinnenministerium unterstehenden Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) leistungssteigernde Effekte von synthetischen Anabolika und Testosteron erforscht hat.

Auch Daume im Zwielicht

Keul, in dessen Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin sich Spitzenathleten die Klinke in die Hand gaben, soll sogar BISp-Forschungsgelder auf sein Konto überweisen lassen haben. Im Zuge der Untersuchungen über Keul geriet auch der langjährige NOK-Präsident Willi Daume ins Zwielicht. Zu dem 1996 verstorbenen Daume bestand laut Studie "lange ein Vertrauensverhältnis, ihm ließ Keul sogar Interna zur Anabolika-Praxis zukommen".

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