David Storl und Raphael Holzdeppe
David Storl und Raphael Holzdeppe verpassten Medaillen in London © SPORT1/Getty Images

Ratlosigkeit bei den Athleten, Ausreden bei der Führung. Mit nur einmal Silber fällt die Halbzeitbilanz des deutschen Teams bei der Leichtathletik-WM schlimm aus. Es droht ein historischer Tiefpunkt.

Krachende Pleiten für die Topstars Robert Harting, David Storl und Raphael Holzdeppe, nur wenige Lichtblicke wie durch Carolin Schäfer und Gina Lückenkemper: Den deutschen Leichtathleten droht bei der WM in London (täglich im LIVETICKER) ein historischer Tiefpunkt.

Zur Halbzeit steht nur eine Silbermedaille durch Siebenkämpferin Schäfer auf der Habenseite. Die Speerwurf-Gang um Thomas Röhler und die Zehnkämpfer sollen nun retten, was noch zu retten ist.

"Ich habe keine Ahnung, woran es gelegen hat. Das muss ich jetzt erstmal herausfinden", sagte der frühere Weltmeister Holzdeppe, nachdem er mit seinem Salto nullo im Stabhochsprung-Finale für das jüngste deutsche Debakel gesorgt hatte. Holzdeppe, der zuvor öffentlich vom Titelgewinn gesprochen hatte, ist ein typischer Vertreter der deutschen "Reisegruppe Ratlos" in London: Erklären kann sich kaum jemand, was da gerade eigentlich so richtig schief läuft.

Storl und Harting hadern

"Es ging einfach nicht - dabei war die Form richtig gut", sagte der zweimalige Kugelstoß-Weltmeister Storl - Zehnter im Finale von London. "Ich hatte heute viele Probleme. Und als ich die halbwegs hingekriegt hatte, war der Wettkampf leider schon vorbei", meinte der dreimalige Diskus-Weltmeister Harting - Sechster im Endkampf.

Nachdem Katharina Molitor, die vor zwei Jahren in Peking Gold geholt hatte, im Speer-Finale nur auf Platz sieben gelandet war, ist Deutschland ohne amtierenden Weltmeister - Christina Schwanitz hatte ihren Kugel-Titel wegen ihrer Babypause nicht verteidigen können.

Das Abschneiden 2015 in China mit insgesamt acht Medaillen ist längst außer Reichweite. Das deutsche Allzeit-Tief liegt bei viermal Edelmetall - 2003 in Paris gab es einmal Silber und dreimal Bronze.   

Magen-Darm-Virus mitverantwortlich

Auch in der sportlichen Führung sorgt die Vorstellung der ersten Meisterschaftshälfte für Rätselraten, schließlich kam kaum ein Starter an seine Vorleistungen heran. Chefbundestrainer Idriss Gonschinska hält die im Teamhotel grassierenden Magen-Darm-Erkrankungen für mitursächlich. "Das beeinflusst das Team schon. Wir sind mit anderen Voraussetzungen angereist. Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagte Gonschinska der ARD

Auffällig ist derweil, dass für die wenigen Erfolgserlebnisse vor allem die "Abteilung Unbekümmert" verantwortlich zeichnet. Senkrechstarterin Lückenkemper sprintete im 100-m-Vorlauf in 10,95 Sekunden so schnell wie keine andere Deutsche im vergangenen Vierteljahrhundert, ehe sie im Halbfinale Lehrgeld zahlte. 1500-m-Läuferin Hanna Klein wuchs über sich hinaus und fand sich plötzlich im Finale wieder.

Medaillen aber sind von der jungen Fraktion vor allem in den Laufdisziplinen nicht zu fordern. Und um die geht es bei Weltmeisterschaften und im Kampf um finanzielle Mittel immer noch vorrangig - auch wenn die DLV-Spitze das Thema ganz gerne abtut.

Hoffnungen ruhen auf Speerwerfern

"Ich wehre mich auch dagegen, dass man die sportliche Bilanz in der Auswertung der Medaillen vornimmt", hatte Präsident Clemens Prokop am Tag vor dem WM-Auftakt gesagt: "Die Bilanz wird aus einer Vielfalt von Aspekten gezogen, da gibt es viele, die außerhalb von Medaillen Freude bereiten."

Bislang bereitete wenig innerhalb wie außerhalb von Edelmetall Freude. Jene, die dies noch bis Sonntag ändern können, sind rar gesät. Die Speerwerfer um Olympiasieger Röhler und den deutschen Rekordhalter Johannes Vetter sind die einzige realistische Option, um an den letzten vier Wettkampftagen zu verhindern, dass das DLV-Team zum erst zweiten Mal überhaupt in der WM-Geschichte ohne Gold abreist.

"Wir hätten nichts dagegen, drei Medaillen zu holen", sagte Röhler sogar - schließlich liegen die deutschen Werfer auf Platz eins bis drei der Weltrangliste. Realistische Medaillenchancen haben die Zehnkämpfer Rico Freimuth und Kai Kazmirek, Außenseiterchancen Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz und Mateusz Przybylko sowie die Sprintstaffel der Frauen.

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