Liverpool - Liverpool-Coach Jürgen Klopp spricht im zweiten Teil des exklusiven SPORT1-Interviews über seine alte Liebe BVB, Pierre-Emerick Aubameyang und Kumpel David Wagner.

von Martin Quast

Seit Oktober 2015 schwingt Jürgen Klopp das Zepter beim FC Liverpool. Nachdem seine erste Saison noch durchwachsen verlief und die Reds einen Europapokalplatz verpassten, sieht es nun deutlich besser aus. Liverpool grüßt von Rang drei.

Im zweiten Teil des exklusiven SPORT1-Interviews (hier geht es zum ersten Teil) spricht Klopp über seinen Sieg gegen die alte Liebe BVB im vergangenen Jahr, die Exzentrik von Pierre-Emerick Aubameyang und den Abstiegskampf von Mainz 05. 

Außerdem erzählt der Reds-Coach über die Titelchancen von Manchester United in der Europa League und das Märchen, das sein Trauzeuge David Wagner als Trainer des englischen Zweitligisten Huddersfield Town schreibt. (Weite Teile des Interviews gibt es ab 19 Uhr in Bundesliga Aktuell im TV auf SPORT1)

Jürgen Klopp über:

…den Sieg im Viertelfinale der UEFA Europa League 2016 gegen Dortmund:

"Das war für mich persönlich Ausnahmezustand. Fünf Monate, nachdem ich hier angefangen habe, und sieben Monate, nachdem ich den BVB im Guten verlassen habe, sich auf so ein Spiel vorzubereiten, das habe ich als persönliche Challenge empfunden. Die letzte halbe Stunde war rückblickend eine der emotionaleren halben Stunden, die ich je erlebt habe. Wenn du deinen alten Verein rausschmeißt, wäre es schön gewesenen, wenn du am Ende auch den Titel gewinnst. Das war uns leider nicht vergönnt. Möglicherweise auch wegen der Intensität des BVB-Spiels. In der zweiten Halbzeit im Finale hatten wir keine Pfeile mehr im Köcher. Da sind wir auf der Felge dahergekommen, hatten dann gegen Sevilla keine Chance mehr."

...Manchester Uniteds Chancen in der Europa League:

"ManUnited hat einen top zusammengestellten Kader. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie auch ins Europa-League-Finale einziehen. Dann muss man sehen, wie viele Körner sie noch haben. Sie haben jetzt schon Verletzungsprobleme. Auch wenn sie mit dem breiten Kader auf nahezu alles reagieren können. Zuletzt waren vier, fünf Leute verletzt und Henrikh Mkhitaryan war immer noch nicht in der Anfangsformation. Daran sieht man, was da für eine Qualität am Start ist. Sie haben einen Mix aus Erfahrung, Tempo und Qualität. Das ist echt eine gute Mannschaft, für mich der Topfavorit auf die Europa League."

Martin Quast (r.) sprach in Liverpool mit Jürgen Klopp © Quast

…den Maskenjubel von Pierre-Emerick Aubameyang gegen Schalke 04:

"Bei uns wurden auch schon Masken herausgezogen. Ich fand das relativ cool, als wir im letzten Derby 3:0 gewonnen haben und er tatsächlich vor dem Spiel in einer für uns nicht wahnsinnig positiven Phase geplant hat, dass er trifft. Den Ansatz finde ich gut. Das dann immer wieder zu machen, nimmt der Sache ein bisschen Originalität. Das muss er aber selber wissen. Glücklicherweise muss ich nicht darüber entscheiden, ob das richtig ist."

...den Charakter von Aubameyang:

"Exzentrik ist an sich erstmal noch nichts Vorwerfbares, sondern ein Charaktermerkmal. Und Auba hat davon ganz bestimmt ein bisschen was mitbekommen. Zuallererst ist er ein herausragender Stürmer. Jeder Trainer würde es so sehen: Solange er trifft, dürfen ein paar Verrücktheiten auch sein. Roberto Firmino hat mittlerweile sieben Gelbe Karten bekommen für Trikotausziehen beim Jubeln. Da habe ich zu ihm gesagt: Wenn du mal drei Tore in einem Spiel schießen willst, dann musst du ein bisschen darüber nachdenken, sonst bist du vor dem dritten schon runter. Aber er hat mir gegenüber versichert, er hat das im Griff. Das hoffe ich auch (schmunzelt)."

...seinen Ex-Klub Mainz 05:

"Ich spüre Verantwortung, das kann ich auch nicht richtig ablegen. Mainz hat im deutschen Fußball eine Geschichte geschrieben, die außergewöhnlich ist. Christian Heidel ist nicht mehr da aus Gründen, die ich nicht alle nachvollziehen kann, Harald Strutz nicht mehr in der Stellung. Die Leute, die jetzt am Ruder sind, sind alle gut. Die können aber nicht das einfordern, was wir früher einfordern konnten, weil wir Mainzer waren. In den Pressekonferenzen war ich sauer auf die Leute, weil sie nicht im Stadion waren. Und habe das auch gesagt. Wenn ihr aufsteigen wollt, dann müsst ihr uns auch unterstützen. Das ging in Mainz. Da ist keine Mannschaft, sondern eine ganze Stadt aufgestiegen. Das Gefühl ist ein bisschen verloren gegangen. Ich glaube ganz fest daran, dass das nur eingeschlafen ist. Und wenn ich dazu beitragen kann, dass das wieder wachgerüttelt wird, dann tue ich das. Weil mir das viel zu wichtig ist, weil die Geschichte viel zu schön war, wir viel zu viel gelitten haben, um das alles hinzukriegen. Dieser Verein hat so viele Leute, die irgendetwas im Fußball heutzutage darstellen, reifen und entstehen lassen. Sandro Schwarz wird der nächste sein."

...seinen Karrierestart als Trainer in Mainz:

"Ich empfinde es als großes Glück, dass ich in Mainz die Möglichkeit bekommen habe, den Job wirklich zu lernen. Ich konnte ihn nicht. Woher hätte ich es auch können sollen? Ich war Spieler und habe am nächsten Tag eine Mannschaft trainiert. Ich bin quasi ohne Freischwimmer ins Becken geworfen worden. Das war intensiv, lehrreich und unfassbar wichtig. Alles, was mir heute hier in Liverpool sieben, acht Leute abnehmen, habe ich damals selbst gemacht. Glücklicherweise hat das damals auch schon funktioniert."

...seinen Freund David Wagner in Huddersfield:

"Jetzt ist das die Fußballsensation in England, vergleichbar mit Leicester letztes Jahr. Sollten sie am Ende aufsteigen, wäre das wie Leicester. Die zweite Liga in England ist wahnsinnig schwierig. Es sind 24 Mannschaften plus Relegation am Ende - absolut verrückt, wie viele Spiele die machen. Das wäre eine Wahnsinns-Sensation. Und das wird hier auch genauso bewertet. Etatmäßig sind sie komplett hinten dran in der Liga, mit vielen Leihspielern. Sie haben Spieler aus Deutschland geholt, die eingeschlagen haben wie eine Bombe. Sie haben der Liga echt Farbe gegeben. Er ist der am heißesten gehandelte Trainer in England aktuell. Das freut mich persönlich extrem."

Im ersten Teil des SPORT1-Interviews spricht Jürgen Klopp über die Leistungsdichte in der Premier League, den Vergleich mit der Bundesliga und ein mögliches Karrierenende in Liverpool.