Raphael Honigstein über Leroy Sane
Pep Guardiola (M.) ist begeistert von den Fähigkeiten von Leroy Sane (r.) © SPORT1/Getty Images

London - Leroy Sane startet nach Anfangsschwierigkeiten bei Manchester City nun so richtig durch. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein über Sanes Aufschwung.

Manchester-City-Kollege Raheem Sterling bezeichnete Leroy Sane neulich als "deutschen Harry Potter".

Das war erstens ein Witz und bezog sich zweitens (nicht ganz schlüssig) auf ein Mode-Shooting des 21-Jährigen in englischer Gentleman-Montur, trifft es aber doch irgendwie ganz gut: Der Jung-Nationalspieler hat sich nämlich in den vergangenen Wochen als der lernfähigste Zauberlehrling in Pep Guardiolas Fußball-Internat für Kicker mit magischen Fähigkeiten erwiesen. 

Nach einer schwierigen Eingewöhnungszeit auf der Insel ("die Premier League ist ganz anders als die Bundesliga; es hat etwas gedauert, bis ich damit zurecht kam", so Sane) und mehreren Verletzungen ist der Ex-Schalker seit Mitte Januar nicht nur Stammspieler mit acht Spielen über 90 Minuten, sondern momentan sogar der beste Performer im Star-Kader der Himmelblauen.

"Sane ist schnell wie der Blitz, aggressiv mit Ball und ohne, hat einen fantastischen linken Fuß, Zug zum Tor und ist technisch exzellent", schrieb der Independent, "er ist ein Angreifer, den Guardiola im Labor züchten würde."

Der Katalane verglich den Flügelstürmer im Anschluss an seinen sechsten Saisontreffer beim 2:0-Sieg bei Sunderland am Sonntag indirekt schon mit Lionel Messi. Der Deutsche habe das Talent zu Weltklasse, so Guardiola.

"Als ehemaliger Trainer des besten Spielers der Fußballgeschichte kann ich das sagen. Ich weiß auch, dass Sane noch besser werden kann. Bei seinem Talent wäre es schade, wenn man nicht versuchen würde, sein Potenzial zu verwirklichen."

Letzteres gelingt zurzeit besser, als es sich Klub und Spieler erhofft haben dürften. Sane schießt wichtige Tore, überzeugt als Vorlagengeber (drei Assists), bringt aber vor allem jene Antrittsschnelligkeit und Variabilität in Citys Offensiv-Spiel, das ohne den verletzten Brasilianer Gabriel Jesus ansonsten fehlen würde.

"Er ist so schnell und läuft an Spielern vorbei, wie es nur wenige auf der Welt können", freut sich Guardiola. "Wenn man so viel Geld für einen Spieler zahlt, erwartet man viel. Aber wenn es so gut läuft, war der Preis billig."

Jene 50 Millionen Euro, die der teuerste deutsche Profi den Klub mindestens kosten wird, dürfte nicht mal Scheich Mansour guten Gewissens als "billig" bezeichnen, doch mit jedem überzeugenden Auftritt stellt sich die gewaltige Transfersumme ein Stückchen mehr als vernünftige Investition heraus.

Die Gründe für Sanes Entwicklungssprung sind nicht schwer zu finden. Wie er selbst sagt, spielt er bei City "ohne Druck": die Erwartungshaltung an ihn war in Manchester trotz der saftigen Ablöse nicht allzu groß, andere Spieler und andere Vereine stehen in England weit mehr im Rampenlicht.

Guardiola und sein Team können in Ruhe und Abgeschiedenheit arbeiten; Kritik kommt, wenn überhaupt, nur von den Medien und zielt immer nur gegen den Trainer. Sane hat zudem deutlich an Oberkörper-Muskeln zugelegt, ohne seine Schnelligkeit zu verlieren.

Taktisch profitiert er ungemein davon, dass City durch das ausgeklügelte Positionsspiel die Räume schafft, in dem seine Fähigkeiten am besten zum Tragen kommen; er muss, anders als bei Schalke im Vorjahr, nicht ständig versuchen, aus dem Stand am Flügel durchzudribbeln, sondern bekommt den Ball in den Lauf, in vollem Schwung -  neben Mitspielern, die ebenfalls in höchstem Tempo laufen.

Darüberhinaus sieht man, den Unterschied, den Guardiolas detailliertes Coaching ausmacht: Sane trifft im letzten Drittel regelmäßiger die richtige Entscheidung. Er merkt das auch selbst. "Pep hat mir (im Sommer) gesagt, dass er mich taktisch verbessern und an meinen Schwächen arbeiten möchte. Genau das hat er getan", sagte Sane der Sunday Times.

Mannschaftskamerad Gael Clichy fühlt sich angesichts Sanés "Kraft" und dessen "50-, 60-, 70-Meter-Sprints" mit Ball ein bisschen an Gareth Bale erinnert. "Der deutsche Gareth Bale" würde dem Nachwuchsstar als Spitzname sicher besser gefallen als "Harry Potter", aber Sane braucht, wenn er so weiter macht, bald überhaupt keine Querverweise mehr. Er scheint viel schneller als erwartet bei City exakt zu dem Spieler zu werden, der er sein kann. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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