SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein sieht Arsene Wenger (r.) mehr unter Zugzwang als Jürgen Klopp © SPORT1-Grafik: Getty Images/iStock/Marc Tirl

London - Liverpool empfängt Arsenal zum Krisen-Duell in der Premier League. Arsene Wenger steht dabei mehr unter Druck als Jürgen Klopp, meint SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein.

Jürgen Klopp gegen Arsene Wenger, Runde drei. Unheimlich viel Geld, viel mehr als üblich, wird auf der Insel auf ein Resultat mit mehr als 2,5 Toren (overs-Wette) gesetzt werden, doch auf die Idee, dieses Muster mit der Identität des Schiedsrichters in Verbindung zu bringen, wird keine Uni-Studie kommen. 

Es sind schon die Mannschaften selbst, die ob ihrer strukturellen Unwucht Tore und Gegentore garantieren, besonders im Duell gegeneinander. In den zwei Premier-League-Duellen seit Klopps Amtsübernahme (3:3 im Anfield-Stadion, Januar 2016; 4:3 für Liverpool im Emirates, August 2016) fielen 13 Treffer.

Neutrale Beobachter dürfen sich am Samstagabend (18.30 LIVE und exklusiv bei DAZN und im LIVETICKER) also auf ein Spektakel freuen. Für die Trainer muss dagegen das primäre, eher langweilige Ziel sein, gegen die eigenen Defensivschwächen anzuspielen. Die sonst nicht zu Übertreibungen neigende Times nannte Liverpools Hintermannschaft nach dem 1:3 gegen Leicester City am Montag "eine Zumutung"; das Abwehrverhalten von Arsenal spottete beim 1:5 in München sowieso jeder Beschreibung. Wenn beide so weiter verteidigen beziehungsweise nicht verteidigen, wird es nichts mit der Champions League. 

Klopps Problem ist die Defensive

Interessant ist, dass die Schuld an den Problemen bei den Klubs sehr unterschiedlich verortet wird. Obwohl Medien und Fans Klopps Arbeit nach 17 Monaten an der Mersey keineswegs unkritisch beurteilen, schreibt man die Misere in der Abwehr größtenteils die mangelnde individuellen Fähigkeiten der Spieler zu. 20 verschiedene Innenverteidiger-Paarungen in der Ära Klopp zeugen von fehlender Konstanz der Akteure; Joel Matip, Ragnar Klavan, Dejan Lovren sind gute, verlässliche Innenverteidiger, aber mit und ohne Ball nicht Spitzenklasse.

Außen rechts trifft Nathaniel Clyne nicht immer die richtigen Entscheidungen, links macht der zum Außenverteidiger umfunktionierte James Milner mit Intelligenz und Laufbereitschaft technische Defizite weg, hemmt aber öfters den Angriffsschwung. Dazu kommt, dass im Tor weder Simon Mignolet noch Loris Karius richtig überzeugen. 

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In der Summe hat Liverpool Schwierigkeiten, gegen aggressives Pressing von hinten aufzubauen und nach Ballverlust die sogenannte Restverteidigung richtig aufzuziehen. Die Frage für die nächsten, entscheidenden Spiele im Rennen um Platz vier ist nun, ob Klopp es schafft, seine anfällige Abwehr zu stabilisieren, indem das Mittelfeld besser presst und gegenpresst - damit jene eins-zu-eins-Situationen verhindert werden, in denen die fehlende Qualität der Einzelspieler offenbart wird.

Wenger gibt keine konkreten Anweisungen

Für die notorischen Gleichgewichtsstörungen bei den Gunners werden schon seit längerem mentale Schwächen verantwortlich gemacht. Den Spielern fehle Kampfgeist und Rückgrat, heißt es gerne. Aber die Hilflosigkeit, die Arsenal ohne Ballbesitz gerade gegen bessere Mannschaften an den Tag legt, hat auch einen sehr viel banaleren Grund: Wenger gibt dem Team keine konkreten Anweisungen an die Hand. Verteidigungshöhe, Abstände zwischen den Mannschaftsteilen und Pressing-Impulse müssen so improvisiert werden. Das geht gegen schwache Teams noch oft genug gut, reicht im Jahr 2017 aber natürlich nicht mehr gegen Top-Vereine. 

Nach knapp 21 Jahren auf der Bank ist die Geduld mit dem Franzosen fast aufgebraucht, eine neuerliche Niederlage in einem Spitzenspiel würde die Ära Wenger wahrscheinlich beenden. Der Druck auf Klopp ist nicht ganz so groß, da der Umbau beziehungsweise die Aufrüstung der Mannschaft unter ihm erst begonnen hat. Rein tabellarisch betrachtet müssen aber beide dringend gewinnen, um dem Negativtrend entgegen zu wirken. Die englischen Buchmacher glauben momentan, dass am Ende ob all der Probleme weder Arsenal noch Liverpool unter die ersten Vier kommen. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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