Raphael Honigstein schreibt über die Rolle der Schiedsrichter in England © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/Getty Images/iStock

London - Arsene Wenger wird für seine Schubser gegen einen Offiziellen hart bestraft werden - ein nötiges Signal: Die Schiedsrichter werden immer mehr zu Buhmännern.

Die Anklage lautet "ungebührliches Verhalten". Die Strafe wird nicht unter zwei Spielen Stadionsperre ausfallen. Vielleicht auch deutlich höher.

Arsene Wenger, Trainer des FC Arsenal, braucht für seinen zweifachen Schubser gegen den vierten Offiziellen Anthony Taylor keine Nachsicht erwarten. "Er sollte für mindestens zehn Partien aus dem Verkehr gezogen werden", forderte der Evening Standard

Für Wenger fällt zwar ins Gewicht, dass der Angriff auf Taylor, der ihn beim 2:1-Sieg gegen Burnley der Gunners kurz vor Schluss wegen Meckerns des Innenraums verwiesen hatte, nicht übermäßig hart war. Der Franzose entschuldigte sich zudem hinterher sofort ("Ich hätte meinen Mund halten sollen und mich unter Kontrolle haben müssen").

Der Aussetzer dürfte ihm dennoch teuer zu stehen kommen: Die Football Association (FA) wird an dem 67-Jährigen wohl ein Exempel statuieren. 

Arsenals Sieg gegen Burnley im Video:

Wengers Timing ist schlecht

Wengers Kontrollverlust war extrem schlecht getimt. Seit Wochen macht man sich auf der Insel große Sorgen über den mangelnden Respekt für Schiedsrichter, besonders in den unteren Ligen.

"Ich werde geschlagen und bespuckt", berichtete Amateurschiri Ryan Hampson, 18, vergangene Woche dem Telegraph. Mehr als 800 Unparteiische im Großraum Manchester drohten aus Frust für das erste Märzwochenende einen Streik an, der Regionalverband versprach daraufhin größere Unterstützung für die Männer in Schwarz.

Dazu gehört logischerweise auch ein härteres Durchgreifen bei den Profis. Denn was das Publikum Woche für Woche im Fernsehen sieht, wird als normal empfunden und auf den Bolzplätzen nachgeahmt. 

Premier-League-Spieler dürfen die Unparteiischen oft ungestraft anbrüllen. Der verschärfte Konkurrenzkampf im oberen Tabellendrittel, gepaart mit den Schwierigkeiten vieler Top-Teams, kleinere Gegner klar zu besiegen, macht dazu Pep und Co. an der Seitenlinie kirre. Man lässt sie weitestgehend gewähren, die Emotionen sind ja erwünscht. Sie vergrößern das Spektakel.

Ein Viertliga-Coach trieb es am wildesten

Noch hat von den Spitzentrainern niemand derart komplett die Nerven verloren wie Ex-Notts-County-Coach John Sheridan, der dem vierten Offiziellen beim 0:2 gegen die Wycombe Wanderers im Dezember Prügel androhte ("I'm gonna knock you out"), ihn wiederholt übelst beleidigte und ihm nicht zuletzt vorwarf, das Weihnachtsfest im Hause Sheridan zu ruinieren.

"Meine Kinder bekommen wegen dir keine verfickten Geschenke", entfuhr es dem 52-Jährigen, der kurz darauf gefeuert wurde. 

Das Gefühl, systematisch benachteiligt zu werden, hat sich aber auch in der Bel Etage festgesetzt. Für Jose Mourinho sind bekanntlich immer die Männer mit der Pfeife schuld, aber selbst der im Umgang mit den Offiziellen kulante Guardiola suchte nach dem 2:2 gegen Tottenham Hotspur das Gespräch mit Schiedsrichter-Obmann Mike Riley.

Der Spanier wollte sich erklären lassen, warum City - aus seiner Sicht - so oft Pech mit den Entscheidungen in dieser Saison hat.

Kaum noch Fehler-Toleranz

Schuld an dieser Paranoia ist nicht nur der angesprochene Druck, sondern vor allem die stark verminderte Bereitschaft der Aktiven, menschliche Fehler zu tolerieren.

Der Fußball ist so schnell geworden, dass Schiedsrichter und selbst der eine oder andere Schiedsrichter-Assistent an der Seitenlinie zwangsläufig oft nur hinterherrennen. Sie sehen immer weniger, während der Zuschauer am Fernsehen immer mehr sieht.

Die erfolgreich etablierte Torlinien-Technologie hat zwar ein wichtiges Problem gelöst, aber es den Schiris indirekt noch schwerer gemacht. Von Ihnen wird mehr den je das Unmögliche verlangt: die perfekte, makellose Regelauslegung. 

Ob ein Videoschiedsrichter Abhilfe leisten kann oder die Kontroversen nur verlagert - Fouls werden zu einem gewissen Maß immer Interpretationsspielraum lassen - wird man demnächst sehen. Bis dahin wäre die Idee von Matt Dickinson nicht die schlechteste.

Anstatt Wenger aufs heimische Sofa zu setzen, sollte man den Elsässer zehn Amateurspiele leiten lassen, forderte der Times-Reporter. Damit er sehe, wie verflixt schwierig und undankbar diese Aufgabe sei.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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