Raphael Honigstein beleuchtet in seiner Kolumne die Hintergründe von Diego Costas mysteriösem Leiden © Grafik SPORT1 Marc Tirl

London - In Zeiten, in denen China mit irren Gehältern lockt, scheint Vereins-Loyalität nichts mehr wert. Diego Costa treibt es auf die Spitze. Raphael Honigstein über die Hintergründe.

Diego Costa wurde am Dienstag begnadigt und darf am Sonntag gegen Hull City wieder mitspielen - wenn er denn möchte. Chelseas Brasilianer mit spanischem Pass leidet bekanntlich seit einer Woche an einem mysteriösen Rückenleiden, welches der medizinischen Abteilung der Blues größte Rätsel aufgibt.

Sie kann partout nichts feststellen - außer einem mittelschweren Anflug von Geld-Fieber. Costa zieht es ja nach China, zu Tianjn Qanijan, und einem Jahressalär von 35 Millionen Euro. Die Londoner wollen ihn nicht gehen lassen. Da kann dann schon mal das Steißbein weh tun. 

Die Posse um den 28-Jährigen schürt in der Premier League - der Liga, die sich über Geld definiert - Ängste. Man hat sich daran gewöhnt, dass die glorreichen Zwei aus der Primera Division, Barcelona und Real Madrid den englischen Spitzenklubs immer mal wieder einen Superstar ausspannen - aber die Chinesen?

"Wahnsinnssummen aus China, das gefällt uns ganz und gar nicht", kommentierte Daily-Telegraph-Reporter Paul Hayward die Reaktionen im Land sarkastisch. "Wir denken ja, unsere eigenen Wahnsinnssummen sollten das Maß aller Dinge sein."

Im konkreten Fall hatte der Tabellenführer Diego Costa für den Sommer eine Anhebung des Gehalts auf etwa zwölf Millionen Euro in Aussicht gestellt. Der Stürmer möchte aber gerne die Chance nutzen, in China das Dreifache zu verdienen.

Seine Berater wissen, dass die chinesische Regierung die superteuren Auslands-Transfers der Vereine in der Chinese Super League nicht gerne sieht und demnächst Beschränkungen einführen wird. Das Fenster schließt sich; wer weiß, ob Tianjin Qanijan nach Saisonende noch Interesse an Diego Costa hat. 

"Geld ist nicht alles", sagt Antonio Conte. Der Italiener hat es in der laufenden Spielzeit schon zwei Mal geschafft, Costa wieder in die Spur zu bringen. Im August wäre der Spieler gerne zurück zu Atletico Madrid gegangen, im Oktober murrte er, weil Conte ihn während der Partie gegen Leicester nicht wie gewünscht ausgewechselt hatte.

Jetzt ist die Situation allerdings komplizierter. Für Conte, 47, der bei Chelsea neun Millionen Euro jährlich verdient und noch zwanzig Jahre trainieren kann, ist es etwas leichter, finanzielle Belange auszublenden als für Costa, der vermutlich seinen letzten großen Vertrag unterschreiben wird und im Gegensatz zu Granden wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi keine signifikanten Nebeneinkünfte hat, die einen Wechsel nach China weniger attraktiv machen würden.

Chelsea muss letztlich darauf vertrauen, dass Costa spätestens nach Ablauf der Transferperiode in China (Ende Februar) aus Eigenschutz wieder voll mitzieht. Bis dahin könnte Costas Rücken noch ein paar Mal zwicken. Mit einem verdrehten Kopf lässt sich nicht gut kicken. 

Die mangelnde Vereins-Loyalität von Spielern ist auf der anderen Seite der Hauptstadt ebenfalls das bestimmende Thema. Dimitri Payet, der beste Mann bei West Ham United, möchte nicht nach China, sondern zurück in die französische Heimat, zu Olympique Marseille. Es ist die Familie, die auf eine Rückkehr drängt. Der Mittelfeldspieler würde dafür sogar auf Teile seines Gehalts verzichten, hört man aus dessen Umfeld. 

So weit, so okay. West Ham aber pocht verständlicherweise auf die Erfüllung eines Fünfeinhalb-Jahres-Vertrags, den der 29-Jährige erst im Februar unterzeichnete, und der ihn zum teuersten Hammers-Spieler der Geschichte machte (7,5 Millionen Euro im Jahr). Dass Payet nun Training und Spielbetrieb bestreikt, kommt im East End naturgemäß nicht so gut an.

Der Spieler sitzt aber am längeren Hebel: West Ham kann es sich schlichtweg nicht leisten, den Bestverdiener auf die Tribüne zu setzen. Eine Einigung mit Marseille steht kurz bevor. Payet wird zu OM gehen, die Liebe - wenn man so will - über das Geld siegen. Darüber freuen kann man sich auf der Insel aber auch nicht so richtig.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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