Zvjezdan Misimovic erzielte in 88 Spielen für Pekin Renhe 16 Tore © SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images

München - Der frühere Bundesliga-Profi Zvjezdan Misimovic erlebte während seiner Zeit in China viele verrückte Momente. Bei SPORT1 spricht der 34-Jährige darüber.

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Zvjezdan Misimovic ist zurück in Deutschland. Nach drei Jahren bei Peking Renhe hat der 34-Jährige nun seine Karriere beendet.

Mit dem VfL Wolfsburg wurde "Zwetschge" 2009 Deutscher Meister. Nach Stationen bei Galatasaray Istanbul und Dynamo Moskau wechselte Misimovic 2015 nach China, dem finanziellen Schlaraffenland für Fußballer.

Doch vor allem zu Beginn war buchstäblich nicht alles Gold, was glänzte.

"Am Anfang war es richtig schwer durch die Distanz zu meiner Familie. Da gab es bei mir oft Ups and Downs und viele Momente, in denen ich mich nicht gut gefühlt habe", gesteht Misimovic im Gespräch mit SPORT1. "Manchmal gab es auch Zeiten, wo ich am liebsten alles hingeschmissen hätte." 

"Es war ein neues Land mit einer neuen Kultur, ich wusste nicht wirklich, was auf mich zukommt", so Misimovic. "Meine Familie kam in den Ferien und dann war es natürlich erträglicher."

Am Anfang sei es "ein absolutes Abenteuer" gewesen, doch schmunzelnd fügt er hinzu: "Aber am Schluss hat es sich im wahrsten Sinne des Wortes ausgezahlt."

Bei SPORT1 spricht Misimovic über… 

…die verrückten Gehälter in China:

"Es war der beste Vertrag in meiner Karriere. So eine Chance bekommt man nur einmal. Es gibt kein Financial Fairplay, die Oligarchen wollen natürlich dem Staatspräsidenten imponieren und investieren da ihr Privatvermögen. Die sehen das alles ein bisschen als Spiel. Wirklich rentieren tut sich der Fußball in China nicht."

…verrückte Erlebnisse während seiner Zeit:

"Gleich im ersten Freundschaftsspiel spielte plötzlich unser Trainer neben mir im Mittelfeld. Er stellte sich selbst auf und hatte einfach Lust mitzukicken. Das war natürlich für mich etwas ganz Neues. Ein anderes schräges Erlebnis war, als der Präsident während einer Mannschaftsbesprechung sein Eis in der Kabine essen konnte, da hat keiner etwas dagegen gesagt. Ein anderes Mal telefonierte er einfach während einer Mannschaftsbesprechung, er war der Big Boss und der Trainer hatte da wenig zu sagen. Das wäre bei Felix Magath in Wolfsburg undenkbar gewesen. Obwohl, vielleicht hat er sich inzwischen in China auch verändert." (lacht)

…die verrückteste Spielvorbereitung:

"Es gab Abende, zwei Tage vor einem Spiel, als es zuvor einen Trainerwechsel gab und wir alle zum Mannschaftsabend zusammen kamen, da hat der Präsident mit einigen Chinesen ordentlich gebechert und das Spiel wurde dennoch 5:2 gewonnen."

…das verrückteste Essen:

"Das Essen in China kann man mit dem chinesischen Essen in Deutschland nicht vergleichen. Das sind wirklich zwei Paar Stiefel. Es gibt in China einen so genannten Hot Pot. Da wird ein kochender Topf mit ganz viel Chilli und Szechuan Pfeffer vor dich hingestellt und dann kann man das Fleisch und das Gemüse darin kochen. Da kann man sich dann noch einige Soßen zusammenstellen. Das Essen hat süchtig gemacht. Am Anfang dachte ich mir 'Oh Gott was ist das nur?‘, aber mittlerweile lieben meine Frau und ich dieses Gericht."

…das verrückteste Trainingserlebnis:

"Bei Regen sind die Chinesen etwas scheu, da kam es das eine oder andere Mal vor, dass das Training einfach abgesagt wurde. Da ist die Angst vor einer Erkältung sehr groß. Das kannte ich auch nicht und da musste ich schon das eine oder andere Mal schmunzeln. Aber so hart wie bei Magath damals, als wir mit Medizinbällen die Treppen hochlaufen mussten, war es zum Glück nie."

…die verrückte Organisation:

"Die generelle Organisation in China kann man mit der Bundesliga nicht vergleichen. Ich musste die Trainingsklamotten und die Spielkleidung für den Spieltag selbst packen. Jeder Spieler muss sich komplett selbst um seinen Kram kümmern. Das ist krass. Bei Auswärtsspielen fliegen alle mit dem normalen Linienflug, doch die Ausländer zahlen sich die Business-Klasse dazu, denn Entfernungen von sechs bis acht Stunden sind keine Seltenheit. Da ist es natürlich angenehmer, wenn man dann bei Langstreckenflügen in der Business-Klasse sitzt."

…den verrücktesten Fan-Moment:

"Man konnte das beim Oscar-Transfer sehen, ähnlich war es bei mir auch, als ich beschlossen hatte, doch noch länger zu bleiben, um im Abstiegskampf zu helfen. Am Flughafen warteten mehrere hundert Fans auf mich und bewarfen mich mit Blumen. Das war ein sehr schönes Erlebnis. In der Türkei wäre das so, dass die Fans mit Blumen warten und dann mit Steinen nach dir werfen und dich verabschieden (lacht), aber in China haben die Fans für mich wunderschöne Blumenkränze und Sträuße gemacht.“

…den verrücktesten Alltags-Moment:

"Es war außergewöhnlich, dass die ganze Mannschaft dauerhaft im Hotel gelebt hat, auch die Einheimischen. Das ganze Jahr waren wir in Quarantäne. Das war schon sehr gewöhnungsbedürftig, dass wir da Tag und Nacht aufeinander hingen. Ebenso die Spieler, die aus der Stadt kamen, sind nicht aus dem Hotel ausgezogen."

…das verrückteste Präsidenten-Erlebnis:

"Sejad Salihovic und ich wurden einmal nach dem Abendessen zum Präsidenten gerufen und da machte er für uns Tee. 500 Gramm dieser Sorte kosteten 60.000 Euro. Der Präsident also kostete den Tee, doch er schmeckte ihm nicht, also schüttete er ihn weg. Ich dachte mir nur 'Auch nicht schlecht, dass er paar Tausend Euro einfach wegschüttet‘. Aber für die Chinesen ist das mit dem Tee wie in Europa mit dem Wein. Der wird gesammelt und ist ein kleines Heiligtum. Auf jeden Fall war das schon ein Erlebnis, so teuren Tee serviert zu bekommen."

…das verrückteste Erlebnis mit seinem Namen:

"Ich wurde Michi genannt. So etwa wie Missi, nur wurde es wie Michi ausgesprochen. Mit Zwetschge hatten die ihre Probleme. Ich kann nur ein paar Wörter chinesisch. Ehrlich gesagt, hatte ich mich auch nie so angestrengt, Chinesisch zu lernen, weil immer ein Dolmetscher da war. Man sagte mir schon zu Beginn, dass ich fünf Jahre brauchen würde, um die Sprache zu verstehen. Deshalb habe ich mich da nicht so ins Zeug gelegt."

Mismovic resümiert: "Es war eine große Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Die Zeit war aber nicht einfach."

Eigentlich wollte er seine Laufbahn schon früher beenden. "Ich hatte meine Karriere im März 2015 beendet, doch dann kamen die Präsidentin und der Präsident auf mich zu und baten mich, im Abstiegskampf nochmal zu helfen. Leider sind wir am Saisonende dennoch abgestiegen. Ein Jahr später verpassten wir den Aufstieg und ich beendete trotz Vertrags meine Karriere."

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