Mit Arjen Robben (33) stand gegen Bulgarien der letzte Spieler aus der Goldenen Generation auf dem Platz © Getty Images

München - Von Bulgarien blamiert, Bondscoach Danny Blind geschasst, WM in Gefahr: Der Fußball in den Niederlanden steckt in einer Krise. Die Gründe reichen tief. SPORT1 geht auf Spurensuche.

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0:2 von Bulgarien blamiert, die Teilnahme an der WM 2018 in Russland in arger Gefahr und Bondscoach Danny Blind gefeuert - die niederländische Nationalmannschaft befindet sich einmal mehr in einer schweren Krise.

Eigentlich unfassbar: Seitdem die Niederlande bei der WM 2014 Platz drei erreicht haben, hat die Elftal in Pflichtspielen nur noch gegen Kasachstan, Lettland, Weißrussland und Luxemburg gewonnen.

Bittere Statistik für die Nationalmannschaft der Niederlande © iM Football

Ohnehin liegen die Probleme im niederländischen Fußball tiefer. SPORT1 nennt fünf Gründe für die Oranje-Krise:

- Fehlende Generation

Gegen Bulgarien war Kapitän Arjen Robben (33) in der Startelf der letzte Vertreter der Goldenen Generation der Elftal. Wesley Sneijder (32) wurde noch eingewechselt.

Dirk Kuyt, Robin van Persie oder Nigel de Jong, die bei der WM 2014 (Platz 3) und 2010 (Platz 2) noch das Rückgrat des Teams bildeten, sind dagegen längst weg, ebenso andere Stars ihrer Generation wie Mark van Bommel oder Rafael van der Vaart.

Während aktuell Youngster wie Memphis Depay (23) noch den Nachweis schuldig bleiben, reif für größere Taten zu sein, ist Oranjes großes Problem die Generation dazwischen.

Während beispielsweise das DFB-Team nahtlos von Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm umsteigen konnte auf die heutigen Leistungsträger Toni Kroos, Mats Hummels oder Jerome Boateng, fehlen dem Nachbarland aktuell genau diese Stützen.

- Fehler in der Nachwuchsarbeit

Gerade was die Nachwuchsarbeit angeht, haben die Niederländer in den letzten Jahren den Anschluss verloren.

"Das ist ganz schlimm, was da gerade passiert", analysiert Ex-Trainer Huub Stevens bei SPORT1 die aktuelle Lage der Elftal: "Ich habe immer gesagt, dass es aktuell nicht das Problem des Nationaltrainers ist, sondern es liegt an der Jugendarbeit."

Viele Talente sind in einer fatalen Zwickmühle: Die heimische Eredivisie hinkt im europäischen Vergleich zunehmend hinterher, weswegen viele Youngster ins Ausland wechseln - dort dann aber nicht zum Einsatz kommen.

"Unser Problem ist, dass Spieler mit 16 oder 17 Jahren ins Ausland gehen, obwohl sie noch nie vorher als Profi in Holland gespielt haben", erklärt Ruud Gullit, Kapitän der Europameister von 1988.

"In Deutschland wollen alle in der Bundesliga spielen. Aber in Holland gehen alle in die Nachwuchsakademien nach England oder nach Spanien", hadert Gullit, der sich selbst als Bondscoach ins Gespräch brachte.

"Klar, wenn du 200.000 oder 300.000 Euro verdienen kannst, gehst du ins Ausland. Aber da spielen sie nur in der zweiten Mannschaft und sammeln keine Erfahrung."

Stevens sieht immerhin "schon eine gute Tendenz bei den 16- bis 18-Jährigen, aber das braucht Zeit. Da sind viele gute Spieler dabei mit einer hohen Qualität". 

- Kein Plan B

System und Spielweise der Elftal zeigen ein weiteres Grundsatzproblem in den Niederlanden.

Etwas anderes als der "Voetbal totaal" eines Johan Cruyff und das offensive 4-3-3 der Ajax-Schule ist kaum zu vermitteln. Präsentieren sich Teams der Niederlande defensiver und spielen pragmatischer, wird Unmut in Öffentlichkeit und Medien laut.

Das galt auch bei den letzten großen internationalen Erfolgen: 2010 kämpfte sich die Elftal unter Trainer Bert van Marwijk mit der Doppelsechs van Bommel/de Jong bis ins Finale vor und unterlag dort Spanien erst nach Verlängerung.

Louis van Gaal packte bei der WM 2014 für den Lauf bis auf Platz 3 sogar eine Fünferkette plus Doppelsechs aus.

- Trainerproblem

Die Besetzung des Nationaltrainerpostens erinnerte in den letzten Jahren an ein Karussel. Unter anderem waren van Gaal, Guus Hiddink und Dick Advocaat jeweils zweimal Bondscoach.

Wie beim Spielsystem fehlt auch auf der Bank frischer Wind. Der jetzt entlassene Blind war bereits Assistent von van Gaal und Hiddink, bevor er 2015 selbst übernahm.

Auch der aktuelle Topfavorit Frank de Boer kommt aus diesem System, spielte einst mit Blind unter van Gaal bei Ajax und unter Hiddink im Nationalteam, war Trainer bei Ajax und zuvor Assistent der Elftal unter van Marwijk.

Klar ist für Stevens, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss: "Die Verantwortlichen müssen nicht nur einen neuen Trainer holen, sondern es müssen neue Strukturen geschaffen werden."

- Klubs nicht mehr in Europas Spitze

Teil des Nachwuchsproblems in den Niederlanden ist, dass Topklubs wie Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven oder Feyenoord Rotterdam trotz teils ruhmreicher Vergangenheit lange nicht mehr zur Spitze im europäischen Fußball gehören.

Mit Eindhoven stand letzte Saison erstmals seit 2007 wieder ein Team im Achtelfinale der Champions League, das einstige Oranje-Flaggschiff Ajax stand letztmals 2005/2006 im Achtelfinale.

Immerhin gibt es in der UEFA Europa League einen Hoffnungsschimmer, wo Ajax aktuell im Viertelfinale steht und es dort mit dem FC Schalke 04 zu tun bekommt (SPORT1 überträgt beide Spiele am 13. und 20. April LIVE im Free-TV und LIVESTREAM)

- Größe macht sich bemerkbar

Gerade einmal 16,8 Millionen Einwohner haben die Niederlande - kein riesengroßer Pool, um Weltklasse-Fußballer am laufenden Band hervorzubringen.

Jahrzehntelang hat Oranje das dank starker Jugendarbeit dennoch geschafft. Doch jetzt macht sich die fehlende Größe eben doch negativ bemerkbar.

"Wir haben nicht so viele Einwohner wie Deutschland oder Frankreich", gibt auch Stevens zu bedenken: "Wir müssen immer wieder mit einer gewissen Kreativität gute Fußballer hervorbringen, was nicht leicht ist."

Da genau das zuletzt nicht mehr gelungen ist, stehen die Niederlande aktuell an diesem Punkt - kurz davor, mit der WM 2018 das nächste große Turnier zu verpassen.

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