München - Die Berufung von Stefan Kuntz zum Trainer der U-21 war umstritten. Doch nach dem EM-Triumph gilt der Ex-Nationalspieler sogar als Kandidat für höchste Ämter.

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Zufälle bestimmen das Leben – auch bei Stefan Kuntz.

Hätte der Ex-Europameister die Einladung des DFB zum 20-jährigen Titeljubiläum im Vorjahr wie seine ehemaligen Mitspieler Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer ausgeschlagen, wäre er vermutlich auch nicht Trainer der deutschen U-21 geworden.

So aber schipperte Kuntz vor dem EM-Spiel gegen Polen in Paris gemütlich mit den Teamkollegen von 1996 über die Seine, als er mit Hansi Flick ins Gespräch kam.

Der damalige DFB-Sportdirektor war auf der Suche nach einem Nachfolger des scheidenden Horst Hrubesch - und entschied sich schließlich völlig überraschend für Kuntz.

"Mir war wichtig, dass er einen gewissen Stallgeruch hat. Er war Nationalspieler, er spricht die Sprache der Spieler. Er kann ein Team führen und bringt einen enormen Erfahrungsschatz mit", erklärte Flick.

Vertrag auf Probe

Dass das Comeback von Kuntz auf der Trainerbank nach mehr als zehn Jahren als Vereinsfunktionär auch im Verband nicht unumstritten war, zeigte sein Vertrag "auf Probe":

Der 54-Jährige erhielt Bewährungszeit bis zum Ende der U-21-EM.

"Es gab damals nicht nur Jubel, auch viele Zweifel. Da muss man den Leuten danken, die über diese Zweifel hinweg eine Entscheidung getroffen haben", sagte er am Freitagabend.

"Der Trainerjob ist nichts für mich"

Die Skepsis war verständlich, schließlich war Kuntz als Coach bei den Zweitligisten Karlsruhe, Waldhof Mannheim und zuletzt im November 2003 nach nur wenigen Monaten bei LR Ahlen wegen Erfolglosigkeit gefeuert worden.

Damals sagte er: "Der Trainerjob ist nichts für mich, das können andere besser."

Doch nach dem Ende als Vorstandsboss beim 1. FC Kaiserslautern im April 2016 hatte der frühere Torjäger wieder Zeit und Lust auf etwas Neues.

"Das ist schon lange her und seitdem habe ich mich entwickelt", sagte er nun rückblickend auf seine einstigen Aussagen.

"Der Job bei der U-21 passt einfach – für mich und das Team. Es ist gut, dass es so gekommen ist."

In der Tat: Trotz des Verzichts auf zahlreiche Leistungsträger wie Leon Goretzka oder Timo Werner, die beim FIFA Confederations Cup in der A-Nationalmannschaft glänzten, machte Kuntz die DFB-Junioren zum besten Nachwuchsteam Europas.

Souverän und locker

Mit seiner souveränen und lockeren Art kam der Trainer bei Medien und Spielern gleichermaßen an, die herausragende taktische Leistung beim 1:0 im Finale gegen die klar favorisierten Spanier war sein Meisterstück.

Danach crashte das Team seine Interviews, begoss ihn mit Bier und feierte Kuntz mit "Meistertrainer"-Rufen.

"Er ist ein Kumpel-Typ, sehr nah an der Mannschaft dran, versucht viel mit den Spielern zu reden, ist aber auch taktisch sehr, sehr gut", lobte Schalkes Max Meyer.

In der langen Partynacht zog sich Kuntz am Ende mit Zigarre und Rotwein an einen Stehtisch vor dem Mannschaftshotel zurück und begrüßte am frühen Morgen die aus den Krakauer Clubs zurückkehrenden Spieler. Währenddessen brummte ununterbrochen sein Handy.

"Insgesamt sind es 400 Nachrichten, glaube ich. Ich habe nicht alle gelesen. Ich habe das Handy zurückgelegt und genossen", berichtete er.

"Bei einigen habe ich aber auch zurückgeschrieben und gefragt: Wo warst du die letzten zwei Jahre?"

Keine Genugtuung

Dennoch verspüre er keine Genugtuung, es allein Kritikern gezeigt zu haben: "Dieses Gefühl kenne ich nicht", sagte Kuntz im ZDF. "Den Job mache ich, weil ich davon überzeugt bin."

Den soll er nach dem Willen von DFB-Boss Reinhard Grindel mindestens bis 2020 weitermachen und eine neue U-21 aufbauen, mit der er sich bei der nächsten EM 2019 für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren soll.

"Wenn der Präsident mir gegenüber das auch sagt, werden wir sicherlich jetzt nicht getrennt auseinander gehen", meinte Kuntz.

"Jemand hat zu mir gesagt, normalerweise müsse man auf dem Höhepunkt aufhören. Damit kann ich mich jetzt nicht so anfreunden."

Wahrscheinlicher ist derzeit eher ein längerer Verbleib beim DFB - nach dem EM-Triumph wird die einstige Notlösung Kuntz schon als potenzieller Nachfolger von Jogi Löw gehandelt.

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