Frank Kramer begann seine Trainerkarriere 2004 bei der SpVgg Greuther Fürth. © SPORT1-Grafik: Getty Images/iStock

München - Vor dem Auftaktspiel der U-19 (ab 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Frank Kramer im SPORT1-Interview über die EM und problematische Einflüsse auf junge Spieler.

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Ist er der nächste ehemalige Vereinstrainer, der im neuen Job als DFB-Coach jubeln darf?

Stefan Kuntz hat es mit dem EM-Coup der U-21 vorgemacht. Nun will Frank Kramer ihm bei der U-19-EM nacheifern.

Im Sommer wurde der frühere Coach von der TSG Hoffenheim, Greuther Fürth und Fortuna Düsseldorf Trainer bei den deutschen Nachwuchstalenten, führte sie zu einer souveränen Qualifikation für das Turnier in Georgien.

Vor dem Auftaktspiel gegen die Niederlande (ab 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Kramer im SPORT1-Interview über die EM, die Unterschiede zwischen seinem früheren und seinem heutigen Job - und problematische Einflüsse auf junge Spieler.

SPORT1: Herr Kramer, wie bewerten Sie den Erfolg der U-21 bei der EM in Polen? 

Frank Kramer: Die U 21- und Nationalmannschaftsspieler sind Vorbilder für unsere Jungs. Dort, wo sie sind, wollen unsere U-19-Spieler auch hin.

SPORT1: Seit August 2016 sind Sie U19-Coach. Wie war es bisher?

Kramer: Es ist eine sehr spannende und interessante Aufgabe in einem ganz anderen Arbeitsumfeld im Vergleich zum Vereinstrainer. Ich bin weniger auf dem Platz, dafür aber viel mehr mit dem Beobachten von Spielen und Spielern beschäftigt, führe Gespräche und tausche mich mit anderen Trainern sowie den Entscheidungsträgern der Profivereine aus. Ich bin in ganz Deutschland unterwegs, arbeite mit den besten Jungs eines Jahrgangs zusammen und sammle viele Erfahrungen.

SPORT1: Hatten Sie nach der Zeit bei Fortuna keine Lust mehr auf Vereinsfußball?

Kramer: Der Grund für diese Entscheidung war nicht, dass ich aus dem Vereinsfußball raus wollte. Ich wollte einfach meinen Erfahrungsschatz erweitern und als Trainer kompletter werden. Ein Angebot vom DFB ist außerdem nicht alltäglich, dazu hat Hansi Flick (Ex-Sportdirektor des DFB, seit 1. Juli Geschäftsführer 1899 Hoffenheim, d. Red.) sich seinerzeit sehr um mich bemüht. Ich kann beim DFB auf allerhöchstem Niveau arbeiten, das hat mich sehr gereizt.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r,) traf sich in München mit Frank Kramer zum Interview ©

SPORT1: Was ist bisher von dem, was Sie sich als U19-Coach vorgenommen haben, eingetreten?

Kramer: Die Zusammenarbeit und der Austausch mit den anderen Trainern sind sehr eng und das macht wahnsinnig viel Spaß. Es gibt eine klare Spielidee und ich kann mich mit meiner Denkweise innerhalb dieser Spielidee frei bewegen. Die meiste Zeit bin ich mehr als Kader-Planer unterwegs als mit den Jungs auf dem Rasen. Und ich bekomme stets einen sehr guten Überblick über die Ligen, in denen die Spieler aktiv sind. Das geht von der Bundesliga runter bis zu den fünf Regionalligen, dazu kommt die komplette A-Junioren-Bundesliga.

SPORT1: Wie sehen Sie den deutschen Unterbau?

Kramer: In den Nachwuchsleistungszentren wird sehr gute Arbeit geleistet. Wir haben uns über Jahre mit den Jahrgangsbesten für alle relevanten Turniere qualifiziert. Wenn man sich aber die Youth League anschaut, dann fällt auf, dass zuletzt unter den letzten Vieren keine deutsche Mannschaft dabei war. Wir müssen auf höchstem Niveau noch besser werden, um weiter vorne dran bleiben zu können. In der Nationalmannschaft kommen viele talentierte Spieler nach, die in ihren Vereinen bereits eine tragende Rolle spielen und in jungen Jahren schon viel Champions-League-Erfahrung gesammelt haben. Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann, aber ich sehe den deutschen Nachwuchs grundsätzlich auf einem guten Weg.

SPORT1: Ist Niklas Süle, der in der neuen Saison beim FC Bayern spielen wird, ein Parade-Beispiel?

Kramer: Sicher, er hat durch die Erfahrungen in der Bundesliga, in den diversen Nationalmannschaften und den Erfolg bei den Olympischen Spielen stark an Profil dazu gewonnen. Aber es gibt auch noch andere junge, hochbegabte Profis wie Julian Brandt, Jonathan Tah, Leon Goretzka oder Serge Gnabry. Die haben alle in ihren Vereinen bereits nachgewiesen und dokumentiert, auf welch hohem Niveau sie ausgebildet wurden.

SPORT1: Die EM-Qualifikation für Ihr Team verlief sehr gut, der Weg dahin war allerdings nicht ganz mühelos. Oder?

Kramer: Stimmt. Die Qualifikation war mit sechs Siegen sehr erfolgreich, aber unruhig. Der Weg zur EM war sogar sehr holprig. Ein Grund war sicher, dass wir als Trainerteam diesen Jahrgang neu übernommen haben und daher noch nicht so im Detail kannten. Fußballerisch war es nicht sehr homogen. Die Jungs sind noch nicht immer konstant und fokussiert genug. Ein junger Spieler kriegt mit 18 Jahren einen Vertrag mit großen Zahlen vorgelegt. Und plötzlich gibt es tolle Autos und Freunde, die vorher nicht da waren. Und im Mittelpunkt sollte in dieser Phase eigentlich noch der Schulabschluss stehen. Die Jungs haben mit vielen Einflüssen zu tun und müssen dennoch immer Top-Leistungen bringen. Das verlangt ihnen viel ab.

SPORT1: Nervt es Sie, dass junge Spieler immer schneller zu Superstars gemacht werden?

Kramer: Wir nehmen die Spieler so, wie sie sind. Es hängt vieles stark vom Umfeld ab. Die Jungs können noch gar nicht gefestigt sein. Einige sagen sich: 'Ich spiele und der 28-Jährige sitzt auf der Bank. Der fährt dieses Auto, damit der mich nicht auslacht, will ich auch so ein Auto wie der Kollege fahren.' Es gibt im Fußballgeschäft sehr viel Schein und diese Fassade wird nicht immer von den jungen Spielern bemalt, sondern von ihrem Umfeld. Und durch das oftmals schon hohe Einkommen können sich einige Fußballprofis diese Status-Symbole zulegen. Es wird deshalb teilweise schwieriger, an die Spieler ranzukommen, sie zu erreichen.

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