München - Mit Real Madrid fügte Carlo Ancelotti den Guardiola-Bayern ihre schlimmste Pleite zu. Nun fürchtet Real das umgekehrte Szenario - aus gutem Grund.

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Es war der 29. April 2014, ein schöner Frühlingstag in München, als sich Carlo Ancelotti und sein Assistent Zinedine Zidane wie Vater und Sohn vor Freude taumelnd in den Armen lagen. Keine 20 Meter entfernt stand Pep Guardiola. Traurig. Enttäuscht. Ratlos.

Der Trainer des FC Bayern hatte gerade eine der größten Demütigungen in seiner Laufbahn über sich ergehen lassen müssen. 0:4. Zuhause. Der Titelverteidiger verabschiedete sich gegen Real Madrid aus der Königsklasse, als wäre er ohne Gegenwehr von seiner "Bestia negra" verschlungen worden - der schwarzen Bestie, dem spanischen Ausdruck für "Angstgegner".

Nun, fast drei Jahre später, kreuzen sich erneut die Wege der Rekordmeister aus Deutschland und Spanien auf der prachtvollsten europäischen Fußball-Bühne. Ancelotti und Zidane werden sich nach dem Schlusspfiff diesmal aber sicherlich nicht wieder gleichzeitig freuen können.

"Das wird sehr aufregend"

Denn: Diesmal sind sie Gegner. Der Meister misst sich mit seinem früheren Schüler. Eine emotionale Machtprobe. Ein in jeder Hinsicht vorgezogenes Endspiel. 

"Die Spiele gegen Real sind natürlich speziell für mich", sagte Ancelotti, dem auf der Pressekonferenz unmittelbar nach der Viertelfinal-Auslosung am Freitagmittag nicht nur wegen seiner sprachlichen Barriere so ein wenig die Spucke wegblieb. 

Mit seinen 57 Jahren und drei Europapokal-Erfolgen auf dem Buckel kann den Fußball-Ästheten aus Italien ja eigentlich nichts mehr aufwühlen. Doch Ancelotti räumte unverblümt ein, das Wiedersehen mit seinem Ex-Klub und mit Zidane werde für ihn "sehr aufregend".

Ancelotti als Mentor von Zidane

Madrid ist wie eine zweite Heimat für Ancelotti. Er verbrachte dort 24 Monate mit vielen Höhen wie jenem 4:0 gegen die Bayern oder dem späteren Champions-League-Sieg gegen Atletico, aber auch mit Tiefen wie die schwache Rückrunde 2015, die ihm den Job kostete.

Weil sie für den erfolgsbesessenen Präsidenten Florentino Perez der Beleg war, dass Ancelotti mit seinem Latein am Ende war.

Hätte Perez ihn nicht vom Hof gejagt, er wäre vermutlich noch heute dort - anstelle von Zidane, den er einst schon als Spieler bei Juventus Turin betreut hatte und später während dessen Trainer-Lehre seine Expertise weitergab.

"Carlo ist fantastisch. Ich hatte das Glück, ihn sehr gut kennen zu lernen, mit ihm als Spieler und Trainer zusammenzuarbeiten", so der Franzose.

Nicht nur bei Zidane, sondern auch bei den Fans und den Spielern genießt er nach wie vor große Sympathien. Superstar Cristiano Ronaldo bezeichnete ihn einmal als "großen Bär", Kapitän Sergio Ramos rief ihn aus Flachs immer "Carlos" statt "Carlo" und lobte ihn nach seiner umstrittenen Entlassung als "Trainer mit großen Eiern". Was als Kompliment gemeint war.

Real nahezu unverändert

Man kennt sich, man schätzt sich. Und genau das könnte zum großen Trumpf für Ancelotti werden. Er kennt Real in- und auswendig, vor allem das Prunkstück Offensive mit dem Sturm-Trio "BBC" - Karim Benzema, Gareth Bale und Cristiano Ronaldo - das er geformt hat.

Zidane hat sogar sein 4-3-3 fortgeführt - mit lediglich einer Veränderung: Toni Kroos nimmt im Dreier-Mittelfeld eine Rolle als Achter ein, der von Ancelotti noch missachtete Brasilianer Carlos Casemiro agiert auf der Sechs. Stattdessen schmoren Techniker wie James Rodriguez oder Isco in den wichtigen Spielen auf der Bank.

"Wir haben den Trainer, der die Mannschaft am besten kennt, ein sehr interessanter und schwerer Gegner", sagte Bayern-Keeper Torhüter Manuel Neuer nach der Auslosung. 

Auch Mittelfeld-Ass Xabi Alonso, immerhin von 2009 bis 2014 bei Real, dürfte sich und seine Mitspieler gut auf diese Begegnung einstellen.

"Es gibt keine Geheimnisse mehr"

Auf der anderen Seite wissen aber auch die meisten Real-Spieler, wie Ancelotti und Alonso ticken. Zumal mit Kroos ja auch ein Ex-Bayer im Kader der Königlichen steht. 

"Heutzutage sind alle Mannschaften im Viertelfinale bekannt, da gibt es keine Geheimnisse mehr", beschwichtige Ancelotti deshalb. Das mag stimmen. Womöglich war es aber auch ein bisschen Koketterie.

Real-Direktor Emilio Butragueno sagt zwar auch: "Beide Mannschaften kennen sich sehr gut. Wir wissen, wie schwierig es wird." Aber er nennt die Ancelotti-Bayern auch einen "der schlimmsten Gegner, die wir hätten kriegen können".

Die Real-Legende weiß, was ihr Team an Ancelotti hatte und die Bayern nun an ihm haben: Einen Trainer, der zwar nicht als großer taktischer Innovator und Entwickler gilt, aber als gewitzter Superstar-Streichler, der für einen gewissen Zeitraum in der Lage ist, aus Edel-Ensembles wie Real und Bayern das Beste herauszuholen.

Guardiola hat das 2014 zu spüren bekommen. Nun auch Zidane?

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