München und Gelsenkirchen - Nur gegen die vermeintlich Großen trumpft Schalke bislang auf. Nach dem Derbysieg wartet in der Königsklasse Underdog Maribor.

Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

München/Gelsenkirchen - Jens Keller lächelte. Er hatte die Frage erwartet.

Trotzdem ließ er Julian Draxler den Vortritt.

Und auch der Schalker Jungstar kennt das Problem. Deshalb redete er gar nicht erst lange um den heißen Brei herum.

Kann Schalke nur gegen die vermeintlich Großen gewinnen?

"Das ist schwierig zu erklären. Aber Fakt ist, dass wir in diesem Jahr unsere besten Spiele gegen die stärksten Gegner gemacht haben. Wir müssen aber auch die Spiele gegen die vermeintlich kleineren oder schwächeren Gegner erfolgreich gestalten", sagte Draxler.

Und schob vor dem zweiten Gruppenspiel der Champions League gegen den slowenischen Meister NK Maribor heute Abend (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER und auf SPORT1.fm) fast schon trotzig hinterher: "Wir tun gut daran, auf der Erfolgswelle zu bleiben. Wir wollen jetzt beweisen, dass wir auch konstant sein können."

Denn Schalke ist in dieser Saison alles, aber nicht konstant.

Alles, aber nicht konstant

Zunächst das Aus im Pokal in Dresden, dann die Pleite in Hannover. Erste Krise.

Einem achtbaren und verdienten 1:1 gegen die Bayern ließen die Schalke ein 1:4 gegen Gladbach folgen: Prompt stand Keller im Mittelpunkt in der Kritik. Mal wieder.

Sein Motivationsvideo entfachte eine starke Leistung beim 1:1 beim FC Chelsea. Dann ein 2:2 gegen Frankfurt, mit Licht, aber auch viel Schatten.

Woche der Wahrheit, die nächste Krise wartete. Doch es kam anders. 3:0 in Bremen, Derbysieg gegen Borussia Dortmund.

Ja, ein Derbysieg kann vieles. Wunden heilen. Befreiend wirken. Euphorie entfachen.

Und in Gelsenkirchen sogar einen umstrittenen Trainer wie Jens Keller innerhalb von nur 90 Minuten vom quasi Gefeuerten zum praktisch Unkündbaren machen.

Gelsenkirchener Gegensätze

So lasen sich zumindest die Schlagzeilen nach dem königsblauen Coup.

Doch auch das ist Schalke. Die Gelsenkirchener Gegensätze haben Hochkonjunktur.

Seit dem Dienstantritt von Keller vor 22 Monaten sowieso noch ein bisschen mehr als sonst.

"Ich lese nicht mehr allzu viel darüber. Ich habe auch keine Lust mehr, über meine Person zu sprechen. Es geht um die Mannschaft, um den Verein und nicht um mich. Man hat 22 Monate über mich geredet", sagte Keller nur noch über das Dauerthema, das fast schon irrwitzige Dimensionen angenommen hat.

Denn Keller weiß ebenso: Ein Derbysieg kann auch Probleme verdecken.

Denn die Schalker sind bei allem Jubel über den Erfolg gegen den großen Rivalen noch lange nicht da, wo sie eigentlich sein wollten. Und deshalb hatte Keller auch die Frage nach dem Ende der Ergebniskrise erwartet.

Start verpennt

"Wir haben den Start verpennt und können uns nicht mehr allzu viel erlauben", so Keller. Und auch wenn die Mannschaft nun wieder mit mehr Selbstvertrauen durch die Spiele gehe: "Ich sehe uns da nicht ganz raus."

Denn Keller weiß auch: Sollten seine Schalker das Spiel gegen den Underdog aus Maribor in den Sand setzen, fängt es auf Schalke wieder an zu qualmen. Denn die Gefahr ist definitiv da, das international unbeschriebene Blatt aus Slowenien auf die leichte Schulter zu nehmen. Der x-te Charaktertest also. (DATENCENTER: Der Spielplan der Champions League)

Auch deswegen schob Keller etwaige Gedanken über mögliche Motivationsprobleme nach dem Highlight gegen den BVB und vor der Pflichtaufgabe in der Königsklasse weit weg.

Schalke ist Favorit, aber gewarnt

"Wir haben jetzt die Gruppenphase der Champions League. Jeder Spieler wollte dahin und wenn die Musik ertönt ist es egal, gegen wen man spielt", meinte Keller.

Der 43-Jährige überlässt sowieso nichts dem Zufall. Dazu gehört auch eine intensive Beschäftigung mit dem Gegner, so unbekannt der auch sein mag. Und auch als Spieler setzt man sich proaktiv mit dem kommenden Kontrahenten auseinander.

Draxler recherchierte den slowenischen Serienmeister im Internet. Die einzelnen Spieler sagten dem Schalker Jungstar zwar nicht viel, "aber die Mannschaft muss man auf der Rechnung haben", so Draxler.

Grundsätzlich solle man ein Spiel gegen eine Mannschaft, die sich in der Qualifikation gegen Celtic Glasgow durchgesetzt habe und gegen Sporting Lissabon zum Auftakt der Gruppenphase zu einem 1:1 gekommen sei, nicht als Selbstläufer betrachten, so Keller. Auch wenn er unterstrich: "Wir sind Favorit und nehmen die Rolle an."

Eine unbehagliche Rolle

Eine Rolle, die den Schalkern in dieser Saison in der Liga und auch im Pokal wie bereits beschrieben ja nicht immer behagte. Bayern, Chelsea, BVB: Ausgerechnet dann, wenn man nicht damit rechnete, riefen die Schalker ihre besten Leistungen ab. Kämpften, bewiesen Charakter, überzeugten.

Gegen Gegner wie Dresden, Hannover oder Gladbach zeigten Draxler und Co. ihr anderes Gesicht. Pomadig. Leidenschaftslos. Ohne Struktur und große Gegenwehr.

Maribor ist ein ähnlich unangenehmer Gegner wie Dresden oder Frankfurt.

Die Slowenen stehen sehr tief und verteidigen kompakt. Sie lassen wenig Platz im Zentrum, machen die Räume eng und sind stark bei Standards.

Ein Sieg ist Pflicht

Ein Sieg ist zum Weiterkommen Pflicht. Schalke ist also gefordert und muss das Spiel machen.

Voraussetzungen, die den Königsblauen in der Vergangenheit nicht immer geschmeckt haben.

"Wir werden aber perfekt eingestellt in das Spiel gehen", so Draxler. Denn dafür wird Keller sorgen: Die Mannschaft bekam die Stärken und Schwächen des slowenischen Meisters am heutigen Vormittag präsentiert.

Und vielleicht gab es ja auch wieder ein Motivationsvideo dazu.

FC Schalke: Fährmann - Ayhan, Matip, Neustädter, Fuchs - Boateng, Aogo - Choupo-Moting, Meyer, Draxler - Huntelaar

NK Maribor: Handanovic - Stojanovic, Rajcevic, Suler, Viler - Vrsic, Mertelj, Filipovic, Bohar - Ibraimi, Marcos Tavares

Schiedsrichter: Velasco Carballo (Spanien)