München - Jupp Heynckes lässt beim Training des FC Bayern München schon einen spürbar härteren Wind als Carlo Ancelotti wehen. Das Echo der Spieler ist vielsagend.

Selbst Hermann Gerland kann sich der neuen Härte beim FC Bayern München nicht entziehen.

"Ich kann nicht, ich muss arbeiten, sonst werfen sie mich raus", antwortete er am Sonntag beim öffentlichen Training einem Fan, der gern ein Erinnerungsfoto mit dem Co-Trainer von Jupp Heynckes gemacht hätte.

Ich muss arbeiten: Das ist das große Thema beim Rekordmeister, seit Carlo Ancelotti weg und Triple-Coach Heynckes wieder da ist.

Was Heynckes vor dem wichtigen Champions-League-Duell bei Celtic Glasgow (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) auch selbst noch einmal überdeutlich gemacht hat.

Heynckes: "Ich bin sehr fordernd"

"Da bin ich sehr fordernd, in allen Bereichen", sagte Heynckes bei der Pressekonferenz vor dem Spiel in Bezug auf die Trainingsarbeit: "Da müssen sich die Spieler wieder daran gewöhnen."

Unter Ancelotti waren sie das nicht mehr, daraus machen auch die Spieler inzwischen kein Geheimnis mehr. Beim ehemaligen Coach fühlten sich die wichtigsten Akteure des FCB zuletzt weder gefördert noch gefordert - was letztlich Ancelottis Verhängnis war.

Heynckes ist angetreten, das zu beheben. Durch seine Menschenführung, einerseits. Aber eben auch durch: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Der neue, alte Coach hat den Fokus darauf gelegt, in Wort und Tat.

"Zack! Zack! Zack!"

An jedem Trainingstag der neuen Ära Heynckes ist bislang mindestens 90 Minuten  in eiserner Disziplin geschuftet worden.

Und in den öffentlichen Einheiten war auch deutlich eine neue Struktur zu erkennen: Die 5-gegen-2-Rondospiele - unter Pep Guardiola ein gezielt eingesetzter Trainingsinhalt, unter Ancelotti eine ausgedehnte Aufwärmspielerei – wurden von Heynckes radikal eingedampft.

Nach drei Minuten (unter Ancelotti: 15) geht er nun sofort zu Koordinations- und Schnelligkeitsübungen über. Hochkonzentriert wirkt die Atmosphäre dabei, "Zack!", "Zack!" und "Zack!" ist ein immer wieder ertönender Ruf.

Immer wieder Stiche gegen Ancelotti

Unter Ancelotti moserten die Profis hinter den Kulissen dagegen sowohl über Quantität als auch Qualität der Einheiten. Der mit Ancelotti entlassene Fitnesscoach Giovanni Mauri wurde zur Reizfigur, auch Ancelottis Verbot, private Zusatzschichten einzulegen, sorgte für Frust.

Dank Heynckes und seinem Trainerstab – Gerland, Peter Hermann und Fitness-Spezialist Holger Broich – weht jetzt ein anderer Wind. Und die Spieler versichern glaubwürdig, dass sie das als Segen empfinden, nicht als Fluch.

"Die Mannschaft hat jetzt wieder Spaß am Fußball", hielt Weltmeister-Verteidiger Jerome Boateng am Dienstag fest. Heynckes sei "im Training sehr fordernd, er hakt ständig nach, das tut uns gut", hatte zuvor schon Abwehrkollege Mats Hummels zu Protokoll gegeben.

In fast jeder Wortmeldung wird vermittelt, dass Heynckes nachholt, was Ancelotti versäumt hat.

Auch auf anderen Baustellen geht's voran

Zug, Disziplin, Arbeitseifer: Dass Heynckes diese Tugenden wachruft, hilft auch bei der Schließung der anderen Baustellen, die Ancelotti hinterlassen hat.

Die von Ancelotti vergrätzten Leistungsträger fühlen sich unter der von Heynckes geschaffenen Ordnung wieder aufgehoben. "Es ist so, dass mir der Trainer sehr viel Vertrauen schenkt", sagte Boateng: "Mein Ziel ist es, dieses Vertrauen mit guten Leistungen zurückzugeben."

Heynckes' Schützlinge wissen, was von ihnen verlangt wird und auch, was sie dafür bekommen. Gute Voraussetzung, um das von Heynckes diagnostizierte Hierarchieproblem zu lindern.

Beim 5:0 gegen Freiburg war Sorgenkindern wie Thomas Müller, David Alaba und eben auch Boateng ein Leistungssprung anzumerken.

In Glasgow wollen sie ihn nun bestätigen. Mit noch einmal über 90 Minuten Arbeit. 

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