Dortmund und München - Im Supercup soll ein umstrittenes Bayern-Tor überprüft werden, doch die Technik streikt. Linienrichter und Video-Assistent verhindern ein Fiasko.

von , Christoph Küppers

Der eigentliche Held des Dortmunder Fußballabends heißt Christian Gittelmann. 

Der Mann ist Schiedsrichterassistent und winkt in brenzligen Situationen hin und wieder mit seiner Fahne. In dieser ominösen 18. Minute des Supercups zwischen dem BVB und dem FC Bayern aber ließ er das bleiben.

Gittelmanns scharfsinniger Blick, sein Gespür für die Situation verordneten seinem Fähnchen eine Verschnaufpause. Ihm, dem Richter über Abseitsfallen, war nicht entgangen, dass die Fußspitze Lukasz Piszczeks näher zum Tor stand, als Bayerns Joshua Kimmich. Folglich ließ Gittelmann diesen Münchner Angriff gewähren.

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Schiedsrichter-Assistent Christian Gittelmann behielt den Überblick © Getty Images

Kein Abseits bei Lewandowskis Ausgleich

Er spürte einen Luftzug, als Flügelsprinter Kimmich an ihm vorbeisauste. Verfolgte aus nächster Nähe, wie dessen Pass Robert Lewandowski in der Mitte fand und der Ball zum 1:1 im Netz landete. Dann traf Gittelmann eine Entscheidung, die geradezu episch war. Er signalisierte Referee Felix Zwayer: Alles rechtens, Tor zählt.

Das ZDF, das das Supercup-Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern mit dutzenden Fernsehkameras einfing, war lange vom Gegenteil überzeugt. Es brauchte zweieinhalb Stunden, bis der Sender nach Studien sämtlichen Zeitlupen sein ursprüngliches Urteil revidierte.

Da war für jeden klar, dass Gittelmann und sein menschliches Auge alle TV-Bilder düpiert hatten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte der Fahnenträger noch nicht, welche Schlagkraft in seiner Entscheidung steckte.

Videoschiedsrichter bei Premiere gefordert

Denn seit dieser Saison können Linienrichter wie er normalerweise darauf vertrauen, dass sie gewissenhaft überprüft werden. Und da wären wir bei dem zweiten Helden dieses Abends.

Er heißt Tobias Stieler und musste noch nicht mal im Stadion sein, um diesem Spiel seine Note zu verleihen. Stieler saß am Samstagabend als Videoschiedsrichter in einem Action-Room eines Kölner Bürokomplexes. Extra für solche Situationen wie die vor dem Ausgleich der Bayern. Wenn das Fußball-Volk und die Medien den Glauben an Entscheidungen von Unparteiischen auf dem Platz verlieren.

In solchen Momenten sollen Menschen wie er den Ruf der Schiedsrichter-Gilde retten. Zum ersten Mal im deutschen Fußball kam der Videoassistent zum Einsatz. Um es vorweg zu nehmen: Stieler hat diesen Job erfolgreich bewältigt - aber dabei auch eine Menge Glück gehabt.

Üblicherweise kontrollieren Videoschiedsrichter Abseitsentscheidungen anhand von kalibrierten Linien, die spezifisch auf jedes Spielfeld in Bundesliga-Stadien ausgerichtet wurden. Sie sind in einem Gitternetz angeordnet und somit viel präziser als Zeitlupen im Fernsehen.

Techniker können sie auf dem Spielfeld hin und her verschieben. Dadurch erkennen geschulte Experten wie Stieler binnen Sekunden, ob ein Spieler im Abseits stand oder nicht.

Videotechnik versagt

Soweit die Theorie. Stielers Problem am Freitag: Die Technik streikte. In dem Moment, in dem der Referee über die Rechtmäßigkeit von Lewandowskis Tor befinden musste, waren die kalibrierten Abseitslinien nicht abrufbar.

Eine Stunde nach dem Spiel erklärten sich DFL und DFB in einem Statement. Darin hieß es: "Leider lagen die kalibrierten Linien, die dem Video-Assistenten normalerweise bei Abseitsentscheidungen vorliegen und ihn unterstützen, aufgrund technischer Probleme in der ersten Halbzeit des Supercups noch nicht vor. Deshalb konnten sie auch nicht den TV-Partnern zur Verfügung gestellt werden."

Der Super-Gau für den Videobeweis.

Im Grunde konnte Stieler in dieser verflixten 18. Minute in seinem technisch hoch aufgerüsteten Raum nur so befinden wie ein Zuschauer am Bildschirm. Mit mehreren Perspektiven zwar, aber eben ohne Hilfslinien. Dass er trotzdem die richtige Entscheidung an Referee Zwayer übermittelte, war seinem geschulten Auge zu verdanken - und dem gesunden Menschenverstand.

Krug gesteht: "Wir hatten Glück"

"Wir haben uns entschieden, das Tor zu geben, weil mit menschlichem Auge nicht zu erkennen war, ob es sich hier um eine klare Fehlentscheidung handelt. Und es ist unser oberster Leitsatz, nur dann einzugreifen, wenn ein klarer Fehler vorliegt", sagte Hellmut Krug, der DFB-Chefinstruktor im Schiedsrichterwesen. Krug saß am Samstag als Supervisor an Stielers Seite.

Beim DFB war man heilfroh, dass sich Stielers Vertrauen an das menschliche Urteilsvermögen im Nachhinein als goldrichtig erwies. 

Anderenfalls wäre die Videobotschaft, die unmittelbar vor Anpfiff über die Stadionleinwand ausgestrahlt wurde, nachträglich zur Posse geworden. "Der Fußball wird durch den Videoassistenten gerechter", hieß es dort. "Wir hatten in diesem Moment auch ein wenig Glück", gab Krug zu.

Derweil schüttelte Nuri Sahin noch nach Abpfiff mit dem Kopf: "Das ist nicht so meins. Ich halte nichts von dem Videoschiri, das muss ich ehrlich sagen", moserte der BVB-Star. Zu dem Zeitpunkt war er noch immer der Ansicht, dass Lewandowskis Ausgleichstreffer "klar Abseits" gewesen sei.

Nicht nur Sahin musste an diesem Abend in seiner Bewertung zurückrudern. Der einzige, der dazu nicht gezwungen war, war Felix Zwayer. Der Referee hatte auch zwei Helden als Assistenten. 

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