Sind wohl die längste Zeit ein Team gewesen: Michael Reschke und Carlo Ancelotti © imago

München - Kaderplaner Michael Reschke steht vor einem Wechsel zum VfB Stuttgart. Sein Abgang kommt für den FC Bayern zur Unzeit. War der neue Sportdirektor der Auslöser?

von

Spürnase. Schatzsucher. Talentspäher. Transferstratege. Wenn Ihnen noch eine treffende Bezeichnung für Michael Reschke einfällt, dann schnell her damit. Denn lange wird er seine Fähigkeiten nicht mehr einbringen beim FC Bayern.

Deutschlands bekanntester Kaderplaner steht beim Rekordmeister auf dem Absprung. Nach SPORT1-Informationen heuert Reschke als neuer Sportvorstand beim VfB Stuttgart an. Der Aufsteiger hatte am Freitag Jan Schindelmeiser entlassen.

Wie die Stuttgarter Nachrichten berichten, bringt Reschke seinen Chefscout Timon Pauls aus München mit. Das Duo soll ab 1. Oktober seinen Dienst antreten. Schon am Samstag könnten die Personalien offiziell verkündet werden.

Reschke war Bayerns heimlicher Star

In München war Reschke der heimliche Star unter den namhaften Alphatieren im Verein. Er kaufte die Spieler, mit denen der Rekordmeister im Sommer darauf Titel gewann. Nicht für verschwenderische Summen, sondern immer mit Kalkül und Bedacht.

"Super-Transfers passen nicht zu unserer Philosophie" - mit diesem Mantra erarbeitete sich Reschke bei Vorständen und Aufsichtsräten, die auf das wirtschaftliche Wohl des Klubs bedacht sind, über die Jahre ein Standing. Auch weil er lange die goldene Mischung fand aus finanziellem Wagnis und sportlichem Ertrag.   

Reschke holte Arturo Vidal, einen Bekannten aus Leverkusener Zeiten. Der Chilene reifte in München zum Führungsspieler. Den Deal von Joshua Kimmich stemmte Reschke gemeinsam mit Matthias Sammer. Mats Hummels lotste er von Borussia Dortmund weg.

Und auch bei Douglas Costa dachte man im ersten Jahr unter Pep Guardiola, Reschke hätte den Münchnern aus dem Nichts einen Heilsbringer beschert.

Überhaupt Guardiola. Mit dem Startrainer verband Reschke eine innige Beziehung. "Es gibt niemanden, der meinen Blick auf Fußball so verändert hat wie Pep", sagte Reschke einmal. Er ließ sich treiben von Guardiolas Streben nach Perfektion. So wie der Coach das Spiel der Mannschaft veredelte, wollte Reschke den Kader formen.

Guardiola wollte Reschke mit zu City nehmen

Guardiola wollte Reschke mit zu ManCity nehmen, als er ging. Die Bayern stellten sich quer. Als das Erfolgsduo gesprengt war, verließen Reschke allmählich seine Fähigkeiten als kongenialer Chefplaner.

Als Ousmane Dembele auf dem Markt war, verhandelte Reschke dem Vernehmen nach mit einem Berater, von dem sich der Spieler bereits getrennt hatte. Bayern vergeudete wertvolle Zeit. Am Ende wechselte Dembele nach Dortmund.

Zudem entpuppte sich Douglas Costa im Nachhinein doch als Strohfeuer. Renato Sanches war gleich auf Anhieb ein Flop. Bei Mehdi Benatia nahmen die Bayern sogar ein Minusgeschäft in Kauf, um den Verteidiger loszuwerden. Und auf den Durchbruch von Kingsley Coman warten sie in München noch immer. 

Intern war Reschke schon lange nicht mehr unumstritten - und dann kam am vergangenen Montag auch noch dieser verheerende Satz von Karl-Heinz Rummenigge hinzu.

Der Bayern-Boss präsentierte gemeinsam mit Uli Hoeneß den neuen Sportdirektor. Um der Öffentlichkeit den Stellenwert von Hasan Salihamidzic zu demonstrieren, sagte Rummenigge: "Er wird nur mir unterstellt sein." Nur mir.

Reschke wegen Brazzo degradiert?

Reschke rutschte damit in der internen Hierarchie eine Position nach hinten. Ist sein bevorstehender Wechsel nach Stuttgart in Wirklichkeit eine Flucht vor Bayerns Bossen und ihrem neuem Sportdirektor?

Für den Rekordmeister ist Reschkes plötzlicher Abgang der nächste Rückschlag in einer völlig missratenen Vorbereitungsphase mit mehreren Pleiten in Fernost und beim heimischen Audi Cup.

Dazu kommen die vielen Verletzten. Beim Supercup in Dortmund (ab 20.15 Uhr im LIVETICKER) fehlen gleich sieben Stars: Manuel Neuer, Arjen Robben, Jerome Boateng, Thiago, David Alaba, Juan Bernat und James Rodriguez.

Die Verfassung der Stars wird dennoch nicht die größte Sorge der Verantwortlichen sein. Sollten die Bayern auch das Prestigeduell gegen Dortmund verlieren, herrscht zwei Wochen vor dem Bundesliga-Auftakt endgültig Alarmstimmung.

Vorsichtshalber hat Hasan Salihamidzic unter der Woche schon einmal angedeutet, dass die Münchner auch noch mal auf dem Transfermarkt zuschlagen könnten. 

In diesem Fall müsste er selbst aktiv werden. Spürnase Reschke ist seit Freitag nur noch ein Mitarbeiter auf Zeit.

Weiterlesen