Dortmund - Trainer Peter Bosz vermittelt den Spielern von Borussia Dortmund seine Philosophie. SPORT1 analysiert Stärken und Schwächen seiner Ausrichtung.

von Christoph Küppers

Peter Bosz stapfte am späten Samstagabend nach der bitteren Niederlage im Supercup-Elferkrimi gegen den FC Bayern sichtlich unzufrieden durch die Katakomben des Westfalenstadions. Die Hände in den Taschen, der Blick ein wenig mürrisch.

"Mit dem Ergebnis bin ich natürlich nicht zufrieden. Wenn man zwei Minuten vor dem Ende mit 2:1 führt, muss man das Spiel gewinnen", sagte Bosz. "Natürlich bin ich enttäuscht."

Zwar ist diese Enttäuschung ob des Spielverlaufs und der großen Chance auf den Gewinn des ersten Titels verständlich. Die Art und Weise, wie Borussia Dortmund nach gerade einmal vier Wochen Vorbereitung unter dem neuen Trainer phasenweise Fußball spielte, dürfte dem Niederländer aber auch Hoffnung machen.

SPORT1 analysiert die Bosz-Philosphie eine Woche vor dem Auftakt im DFB-Pokal.

GEGENPRESSING:

Immer wieder ließ Peter Bosz im Training das hohe und frühe Attackieren üben. Dazu impfte er seiner Mannschaft in Videoschulungen seine Idee vom Gegenpressing ein.

Im Supercup setzten die Spieler diese fast perfekt um – allerdings nur in der ersten Viertelstunde. Da presste die Borussia derart extrem, dass sich der FC Bayern kaum aus der eigenen Abwehr befreien konnte. Logische Schlussfolgerung: Die 1:0-Führung durch Christian Pulisic, der Javi Martinez anlief und zu einem Fehler zwang.  "Das war genau so ein Tor, wie wir es gerne sehen möchten", lobte Bosz.

Aber: Der Supercup offenbarte auch, woran es beim BVB unter Bosz noch hapert. Nach 15 Minuten konnte die Borussia das hohe Tempo nicht mehr halten. Dazu mehrten sich kleinere Fehler im Aufbau und Stellungsspiel. Hier und da kamen die Spieler einen Schritt zu spät. Die Bayern nutzten das, indem sie die beiden Dortmunder Pressinglinien schneller überspielten und zu Torchancen kamen.

"Wir brauchen sicher noch Zeit, um die Vorstellungen des neuen Trainers zu trainieren. Um sie zu verstehen. Die zwei Wochen bis zum Liga-Start sind für uns extrem wichtig", sagte Mittelfeldspieler Nuri Sahin. 

SCHNELLES SPIEL IN DIE SPITZE:

In den letzten Wochen predigte Bosz beim BVB die "Fünf-Sekunden-Regel". Der Ball soll schnellstmöglich zurückerobert und dann mit wenigen Kontakten in die Spitze gespielt werden. Das Ziel: Die defensive Unordnung des Gegners ausnutzen und Treffer erzielen.

Im Supercup wirkte dies in vielen Szenen teilweise noch etwas überhastet. Mal versuchte Pierre-Emerick Aubameyang mit einem Kontakt Ousmane Dembele auf die Reise zu schicken. Mal probierte Nuri Sahin Christian Pulisic in Szene zu setzen. Beides, obwohl es vielleicht mit einer Zwischenstation besser funktioniert hätte. Hier besteht noch Nachholbedarf.

Dass der BVB aber schon in der Lage ist, Boszs Vorstellungen umsetzen, bewies der 2:1-Führungstreffer. Nur 13 Sekunden nach der Balleroberung in der eigenen Abwehr und wenigen Stationen (Rode, Dembele) vollendete Aubameyang eiskalt vor Ulreich.

DEFENSIVARBEIT:

Hier hapert es auch unter Bosz noch. Schon in den beiden vergangenen Spielzeiten präsentierte sich die BVB-Abwehr nicht immer sattelfest. Ein festes und stabiles Gebilde, wie in den Meisterjahren 2011 und 2012 bildete sich aufgrund von Verletzungen und Formschwankungen nicht heraus.

Zwar schalteten sich die Außenverteidiger Lukasz Piszczek und Dan-Axel Zagadou im Supercup, wie von Bosz gefordert, immer mal wieder ins Offensivspiel ein. Vor allem Letzterer vernachlässigte darüber aber seine eigentlichen Abwehraufgaben. Das wiederum setzte dann die beiden Innenverteidiger Marc Bartra und Sokratis unter Druck. Eine gefährliche Kettenreaktion!

Das Problem: Vor allem links hinten plagen den BVB weiterhin massive Verletzungssorgen. Marcel Schmelzer und Raphael Guerreiro fallen länger aus, in Erik Durm ist eine mögliche Alternative ebenfalls angeschlagen und präsentierte sich zuletzt wenig formstark. Auch Eigengewächs Felix Passlack hat noch Luft nach oben.

BOSZS PLAN B:

Der Supercup bewies: Peter Bosz ist durchaus bereit, seine Fußball-Vorstellung anzupassen. Im Trainingslager in Bad Ragaz hatte der Niederländer seine Spieler gefragt, welche Schwachstellen sie noch sehen würden und welche Wünsche sie für das eigene Spiel hätten.

Einige Akteure regten daraufhin an, dass man zur Erholung vom extremen Pressing in kurzen Spielphasen etwas ballbesitzorientierter agieren könnte. Dass die BVB-Spieler dieses Element nach zwei Jahren unter Thomas Tuchel beherrschen, verwundert nicht. Und so präsentierten sie sich in der zweiten Hälfte deutlich verbessert: "In dieser Phase waren wir viel griffiger, viel kompakter", erklärte Sahin.

Ein Fazit, dem auch Bosz zustimmte. Der Niederländer forderte aber auch: "Wir müssen insgesamt in fast allen Bereichen noch besser werden." Und schickte gleich eine kämpferische Nachricht hinterher: "Das werden wir aber auch!"

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