München - Carlo Ancelotti ist für kostspielige Transfers bekannt. Uli Hoeneß aber nimmt seine Ankündigung von "Granaten"-Neuzugängen zurück. Passt das zusammen?

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Eineinhalb Monate ist es her, dass Uli Hoeneß den vielzitierten Spruch von den "Granaten" prägte.

"Wir haben einen Kader, wenn man den verstärken will, muss man schon ziemliche Granaten kaufen", sagte der Bayern-Präsident am Rande der Meisterfeier im Bayerischen Rundfunk.

Im ZDF Sportstudio ergänzte Hoeneß: "Vielleicht wird es etwas geben, was es beim FC Bayern bisher noch nicht gegeben hat."

Ancelotti: Transfers für über eine Milliarde Euro

Seither halten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Münchner an einer Verpflichtung von Arsenals Alexis Sanchez interessiert seien. Auch Marco Verratti von Paris Saint-Germain wird gehandelt, selbst über Cristiano Ronaldo wurde spekuliert.

Kein Wunder, schließlich gilt Carlo Ancelotti als Freund kostspieliger Transfers hochkarätiger Spieler - was ein Blick in seine Historie als Trainer bestätigt.

Insgesamt hat der Italiener in seiner Laufbahn bereits Neuzugänge für über eine Milliarde Euro verpflichtet, mit dem 101-Millionen-Transfer von Gareth Bale zu Real Madrid an der Spitze.

Ancelotti tätigte 24 Transfers von je über 20 Millionen Euro und immerhin noch sechs im Wert von je über 40 Millionen Euro. Eine Marke, die der FC Bayern vor der Ära Ancelotti in seiner Geschichte nur ein einziges Mal beim Transfer von Javi Martinez knackte.

Tolisso neuer Rekord-Transfer der Bundesliga

Und nun eben jüngst bei der Verpflichtung von Corentin Tolisso, mit einer Ablöse von 41,5 Millionen Euro neuer Rekordtransfer der Bundesliga.

"Corentin Tolisso war der Wunschspieler von unserem Cheftrainer Carlo Ancelotti für das Mittelfeld", sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz-Rummenigge über den Neuzugang von Olympique Lyon.

Bleibt die Frage, ob die Verpflichtung des 22-Jährigen auch das Ende der Fahnenstange war.

Hoeneß kündigt Umbruch an

Glaubt man den jüngsten Aussagen von Uli Hoeneß, hat sich das Thema "Granaten" vorerst erledigt.

"Ich neige auch dazu, da mal was zu probieren, nicht immer die etablierten Namen zu kaufen, die 60, 70 Millionen Euro kosten und möglicherweise schon 26, 27, 28 Jahre alt sind", erklärte Hoeneß bei der Präsentation eines neuen Werbepartners - und kündigte an: "Wir sind vor einem Umbruch."

Den soll Cheftrainer Ancelotti natürlich mitverantworten - aber kann er das auch? Um das zu bewerten, lohnt ein Blick zurück.

In Ancelottis Trainerlaufbahn gab es genau eine Station, bei der er länger als zweieinhalb Jahre in der Verantwortung stand: von November 2001 bis Mai 2009 beim AC Milan.

Seniorentruppe bei Milan

Ein Blick auf die Altersstruktur der Mailänder in jener Zeit zeigt: Der Kader wurde immer älter.

Champions League Final - AC Milan Celebration
Milan-Kapitän Paolo Maldini (r.) war beim Champions-League-Erfolg 2007 fast 39 Jahre alt © Getty Images

Bewegte sich das Durchschnittsalter der Startelf in Ancelottis erster Spielzeit noch zwischen 25,8 und 28,5 Jahren, waren es in der letzten Saison zwischen 28,8 und 32,1 Jahre.

Umbruch? Fehlanzeige.

Die Startformationen in den erfolgreichen Champions-League-Finals 2003 und 2007 waren im Schnitt 29,0 bzw. 31,1 Jahre alt. Zum Vergleich: Der FC Bayern gewann den Titel 2013 mit einer Elf, deren Altersschnitt lediglich bei 26,7 Jahren lag.

Was also wird aus den jungen, talentierten Spielern, die bei den Bayern den Umbruch einleiten sollen?

Was wird aus Kimmich, Sanches, Gnabry?

Bei Joshua Kimmich und Kingsley Coman machte sich Ancelotti für einen Verbleib stark, obwohl sie in der letzten Saison keine allzu große Rolle spielten.

Schlechtere Aussichten scheinen aktuell Renato Sanches und Neuzugang Serge Gnabry zu haben. Über Letzteren sagte Ancelotti jüngst: "Er wird bei uns starten. Nach der Vorbereitung werden wir eine Entscheidung treffen. Wir werden sehen, ob er bleibt."

Begeisterung klingt anders.

Es gibt aber auch Beispiele, bei denen Ancelotti sehr wohl erfolgreich als Förderer aufstrebender Talente diente.

Kommt doch noch Marco Verratti?

Igor Tudor und Gianluca Zambrotta bei Juventus zählen dazu, auch Kaka bei Milan und mit Abstrichen Isco bei Real, dazu Lucas oder Marco Verratti bei PSG.

Letzteren lotste Ancelotti damals als 19-Jährigen für zwölf Millionen Euro von Delfino Pescara an die Seine. Inzwischen bewegt sich sein Marktwert bei rund 45 Millionen Euro, angesichts eines Vertrages bis 2021 würde als Ablöse aber wohl deutlich mehr fällig.

Damit passt er eigentlich perfekt ins Beuteschema von Transfer-Milliardär Ancelotti.

Und die Bayern könnten doch noch eine "Granate" verpflichten - sofern sie das denn überhaupt noch wollen.

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