München - Der FC Bayern ist in beeindruckender Frühform. Ein ominöser Makel aber scheint auch in der neuen Saison nicht behoben: Die merkwürdige Schwäche aus elf Metern.

von Stefan Moser ,

Drei ernstzunehmende Testspiele hat der FC Bayern München bisher absolviert - und das einhellige Urteil lautet:

Der Rekordmeister ist in einer beeindruckenden Frühform, die ersten Konkurrenten haben bereits die Waffen gestreckt und allen Ernstes schon zur Meisterschaft gratuliert.

Wenn da nur dieser eine ominöse Makel nicht wäre: Die Schwäche vom Elfmeterpunkt.

Schon beim Telekom Cup scheiterte Thomas Müller in der regulären Spielzeit mit einem Strafstoß an Werder-Keeper Michael Zetterer.

Und räumte nachher ein: "Ich hatte eine Phase, da war ich wirklich ein exzellenter Elfmeterschütze. Jetzt wurde mein System so ein bisschen geknackt."

Tatsächlich hatte Müller von seinen ersten 21 Elfmetern für die Bayern starke 19 verwandelt, also gut 90 Prozent seiner Versuche auch genutzt.

Danach aber brach die Quote auf 50 Prozent ein. Von seinen letzten 12 Schüssen fanden nur sechs das Ziel.

"Deshalb habe ich auch im letzten Jahr schon relativ wenig oder fast gar keine Elfmeter mehr geschossen", sagt Müller.

Ist der Müller-Code geknackt?

Schon im vergangen Herbst hatte Müller das Gefühl, dass sich die Torhüter auf seinen verzögerten Anlauf und das lange Warten vor dem Schuss eingestellt hatten.

Nach seinem verschossenen Elfer bei der EM gegen Italien kündigte er seinen Verzicht an: "Ich werde aus dem Spiel heraus nicht mehr antreten. Ich werde mich von der Liste von ganz oben entfernen, da dürfen auch andere Jungs mal ran."

Allerdings hat Müller das Problem nicht exklusiv. Denn beim Elfmeterschießen im Test gegen Arsenal am Mittwoch stand Müller gar nicht mehr auf dem Platz. Doch die Bayern verloren das Shootout mit 2:3. Gegen eine englische Mannschaft!

Kingsley Coman und Mats Hummels trafen, aber David Alaba, Juan Bernat und Renato Sanches scheiterten.  

Seit dem verlorenen Elfmeterschießen im Champions-League-Finale 2012 gegen den FC Chelsea scheint beim FCB der Wurm drin zu sein.

Damals hatte Arjen Robben noch in der Verlängerung die Entscheidung auf dem Fuß. Doch wie schon kurz zuvor im entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Dortmund versagten aus elf Metern die Nerven.

Elfmeter-Trauma gegen Chelsea

Das völlig passive Chelsea rettete sich ins Elfmeterschießen, Ivica Olic vergeigte, Bastian Schweinsteiger traf den Pfosten - und der Henkelpott ging nach England.

Drei Jahre später verloren die Bayern nach zuvor ebenfalls klarer Überlegenheit das Elfmeterschießen im Pokal-Halbfinale gegen den BVB sang- und klanglos mit 0:2.

Das schwächste Elferschießen ihrer Vereinshistorie. Philipp Lahm, Xabi Alonso, Mario Götze und selbst Manuel Neuer vergaben. Auf Dortmunder Seite scheiterte nur ein Spieler, ironischerweise Hummels.

Dazu kommen die beiden schmerzhaften, weil leichtfertig vergebenen Strafstöße in der Champions League in den letzten beiden Jahren.

Im Rückspiel des Halbfinales 2016 hätte Müller dem Spiel gegen Atletico Madrid eine vorentscheidende Wende geben können. Er scheiterte beim Stand von 1:0 per Strafstoß, die Bayern schieden aus.

Und im Frühjahr im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid war Arturo Vidal in einer ähnlichen Situation. Per Elfmeter hätte er im Rückspiel noch vor der Pause auf 2:0 erhöhen können.

Doch er schoss den Ball in den Nachthimmel, Cristiano Ronaldo erledigte den Rest, wieder flogen die Bayern aus dem Wettbewerb.

Nur Lewandowski trifft und trifft

Die einzige Konstante aus elf Metern heißt derzeit also Robert Lewandowski. Der Pole hat im Bayern-Trikot nur einen einzigen Elfmeter im Pokal verschossen.

In Bundesliga und Champions League hat er 10 von 10 verwandelt. Er ist als Schütze fest gesetzt.

Danach aber wird es eng: Müller hat vom Punkt die Seuche, auch Alaba hat schon wichtige Elfmeter vergeben, seine Quote liegt bei nur 50 Prozent.  

Vidal, dessen Strafstoß gegen Real sein bislang einziger für Bayern war, ist nun ebenso ein gebranntes Kind wie Robben. Der Niederländer hat zwar nur zwei von 16 Elfmetern verschossen - beide aber kosteten einen Titel.

Dazu noch Neuer, der aber eher eine Notlösung ist. Oder Hummels und Jerome Boateng, die aber lieber anderen den Vortritt lassen.

Oder Joshua Kimmich? Der hat überhaupt erst einen Elfer bei den Profis geschossen. 2016 im Pokalfinale gegen Dortmund. Roman Bürki wehrte ab.

James als Alternative aus elf Metern?

Und was ist mit den Neuen? James Rodriguez hat in seiner gesamten Karriere immerhin ein Quote von 80 Prozent. 

Correntin Tolisso und Niklas Süle haben dagegen in Pflichtspielen noch gar keinen Elfmeter geschossen. Sebastian Rudy ist in der Bundesliga ein Mal angetreten - und hat verschossen.

Von dort ist also auch keine große Hilfe zu erwarten.

Müller auch als Fehlschütze Spitze

Allerdings sollten sich die Bayern nicht allzu sehr grämen. Die ominöse Schwäche liegt wohl in der DNA.

Der große Gerd Müller zum Beispiel ist nicht nur bester Bundesliga-Schütze aller Zeiten und mit 50 Toren auch erfolgreichster Elfmeterschütze der Bayern-Geschichte.

Der "Bomber" ist auch ewiger Bundesliga-Rekordhalter bei verschossenen Strafstößen: Satte 12 Mal scheiterte der Bomber vom Punkt.

Präsident Ulli Hoeneß war als Profi auch nicht immer souverän. Sein Fehlschuss aus dem EM-Finale 1976 machte die Tschechoslowakei zum Europameister.

Und Franz Beckenbauer lachte noch Jahre später: "Den Ball suchen sie immer noch."

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