München - Naht das Ende eines scheiternden Experiments? Renato Sanches könnte beim Duell des FC Bayern mit dem AC Milan auf seinen künftigen Arbeitgeber treffen.

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Vielleicht ist dieses Spiel die passende Gelegenheit, das Missverständnis zu beenden.

Am Samstagmorgen bekommt es der FC Bayern München beim International Champions Cup mit dem AC Milan zu tun (ab 11.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1). Bayern-Trainer Carlo Ancelotti trifft also auf sein früheres Team - und Renato Sanches womöglich auf sein künftiges.

Vor fünf Tagen, beim Abflug der Bayern nach China, hat Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge das Interesse Milans am portugiesischen Talent öffentlich bestätigt.

Und wer die Kommunikationsstrategie der Bayern-Bosse kennt, der weiß: Rummenigge hätte das nicht gemacht, wenn er kein Interesse hätte, dass dieses Geschäft auch zustande kommt.

FC Bayern legt keinen Wert mehr auf Verbleib

Bislang hakt der potenzielle Deal noch an Rummenigges Eindruck, "dass der AC Milan nicht bereit ist, unsere wirtschaftlichen Forderungen zu erfüllen". Der Test in Shenzen bietet den Mächtigen beider Klubs die Gelegenheit, sich zusammenzusetzen und anzunähern.

Am Ende könnte eine Leihe herauskommen, ein Verkauf, vielleicht auch die in Mode gekommende Leihe mit Verkaufsoption. Vielleicht auch gar nichts. Gewiss ist allerdings: Auf einen Verbleib des 35-Millionen-Einkaufs legen die Bayern keinen gesteigerten Wert mehr.

Zu deutlich ist geworden, dass der Sanches-Transfer ein Missverständnis war. Bei Bayerns letztem Test gegen den FC Arsenal zeigte sich noch einmal das ganze Dilemma.

Teils brillant, öfter fahrig

Sanches offenbarte einerseits seine technische Brillanz, leitete mit einem herrlichen Täuschungsmanöver eine Großchance für Juan Bernat ein.

Andererseits war es eben auch Sanches, der mit einem Ballverlust in der Nachspielzeit Arsenals Ausgleich verursachte - und dann im Elfmeterschießen nur Aluminium traf.

Der Elfer-Fehlschuss: Künstlerpech. Das mit dem Ballverlust aber: Das passierte Sanches in der vergangenen Saison öfter. Ebenso wie irritierende Laufwege, falsche Entscheidungen zwischen Schuss und Passspiel und generelle Schwächen bei der taktischen Auffassungsgabe.

Ein scheiterndes Experiment

Alles Dinge, die vorkommen können bei einem 19-Jährigen. Dass sie bei diesem 19-Jährigen so gehäuft vorkommen, hätten sie bei Bayern allerdings nicht gedacht. Das klang durch, auch in Wortmeldungen, die eigentlich dazu gedacht waren, Sanches zu bestärken.

"Wir müssen geduldig sein", hatte Trainer Carlo Ancelotti im Mai festgehalten: "Natürlich erwarten wir mehr von ihm mit seinen Qualitäten, aber für einen jungen Spieler ist es nicht leicht, sich umzustellen auf ein neues Land, einen neuen Spielstil."

Von Ancelottis im Frühjahr ausgesprochener Garantie, dass Sanches kommende Saison noch bei Bayern spielen würde, ist keine Rede mehr. Präsident Uli Hoeneß sagte Ende Juni im kicker nur noch unverbindlich, dass er dafür sei, "dass wir es noch ein Jahr mit ihm probieren".

Schon damals aber sickerte durch, dass die Bayern das Experiment auch beenden würden, wenn sich ein Klub findet, der in etwa das bezahlt, was die Münchener vor einem Jahr an Benfica Lissabon überwiesen haben.

Auch Sanches rückt vorsichtig ab

Auch Sanches selber ist nach der U21-EM - bei der er ebenfalls keine bleibenden Eindrücke hinterließ - schon vorsichtig von den Bayern abgerückt. "Im Prinzip möchte ich bleiben und dort mein Bestes geben", teilte er mit, fügte aber hinzu: "Wenn ich nicht bleiben kann, dann werde ich mich nicht entmutigen lassen."

Sanches wird mitbekommen haben, dass er bei Bayern Gefahr läuft, das riesige Potenzial zu verschleudern, dass er mit seinen wuchtigen Auftritten bei Benfica und der EM 2016 gezeigt hat.

Die Konkurrenz im Bayern-Mittelfeld: Sie ist nicht kleiner geworden. Zudem ist Coach Carlo Ancelotti nicht unbedingt als der Typ Trainer bekannt, unter dem sich Talente entwickeln.

Schon Joshua Kimmich bekam das in München zu spüren, erst recht ein Spieler wie Sanches, der sich als noch deutlich weniger geschliffenes Juwel erwiesen hat, mit allzu viel Pendelverkehr zwischen Genie und Wahnsinn.

Sanches braucht einen Trainer, der ihm den Wahnsinn austreibt.

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