Leverkusen und München - Der frühere Nationaltorwart Rene Adler spricht im SPORT1-Interview über seine Zeit beim Hamburger SV, die Premier League und seine Zukunftspläne.

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Rene Adler stand fünf Jahre beim Hamburger SV im Tor. Keine leichte Zeit für den 32-Jährigen, denn er spielte mit dem Bundesliga-Dino vier Mal gegen den Abstieg.

Nach der abgelaufenen Saison entschloss er sich seinen Vertrag bei den Rothosen nicht zu verlängern.

Im SPORT1-Interview spricht Adler über seine Hamburger Zeit, den FC Bayern und seine Zukunftspläne.

SPORT1: Herr Adler, wann ist der Entschluss gereift, beim HSV nicht zu verlängern?

Rene Adler: Es gab keinen konkreten Zeitpunkt. Es war mehr ein Prozess. Es hat schon seit langem in mir gearbeitet und ich habe mir meine Gedanken gemacht, als ich in mein letztes Vertragsjahr gegangen bin. Wie ist die Entwicklung der Mannschaft, des Vereins und meine persönliche? Und ich habe mir konkret die Frage gestellt, was ich mir für die letzten Jahre meiner Karriere vorstelle.

SPORT1: In vier von Ihren fünf Jahren haben Sie mit dem HSV im Abstiegskampf gespielt. Wie schwer war die Zeit wirklich für Sie?

Adler: Der HSV ist ein Verein mit einer unglaublichen Strahlkraft, einer großen Tradition und einer riesigen Bürde, die man als Spieler auch spürt. Und diese Bürde ist natürlich mit einem gewissen Druck verbunden. Natürlich wünscht man sich immer Erfolg, aber ich möchte die Zeit in Hamburg trotzdem nicht missen. Ich habe hier sehr emotionale und bewegende Jahre erlebt.Zu sagen, es war immer einfach, wäre aber gelogen und man kann die vielen Eindrücke nicht einfach am Stadion liegen lassen. Gerade in den schwierigen Zeiten.

SPORT1: Was war das schlimmste Erlebnis in Ihrer HSV-Zeit?

Adler: Für mich war jede erneute Trainer-Entlassung nicht schön. Es war immer ein blödes Gefühl, wenn der Coach vor die Mannschaft tritt, sich verabschiedet und du als Spieler weißt, dass du es mit den Kollegen zusammen nicht hingekriegt hast. Ich habe mich damit nie gut gefühlt, auch wenn es leider zu den Mechanismen der Branche gehört. Bei Bruno Labbadia war es besonders schlimm. Vor allem wegen der besonderen Entwicklung, die wir zusammen erlebt haben. Bei ihm wurde mir nochmal bewusst, wie schnelllebig das Geschäft ist.

SPORT1: Wie hat Sie der HSV menschlich geprägt?

Adler: Die Zeit hat mich natürlich menschlich wie sportlich geprägt. Es geht um Sport und ich will mich an sportlichen Ergebnissen messen lassen. Gegen Widerstände anzukämpfen, Negativ-Momente zu akzeptieren, weiterzumachen, das prägt einen als Mensch ungemein. Und wenn wir beim HSV eines gezeigt haben, dann, dass wir nach Nackenschlägen immer wieder aufgestanden sind. Vielleicht sogar ein paar Mal mehr als andere Mannschaften. Sonst hätten wir es in der abgelaufenen Saison nicht geschafft. Immer wieder aufzustehen, ist eine positive Eigenschaft. Sport geht nicht nur nach oben und es gibt nicht nur Erfolge, sondern es geht auch abwärts.

SPORT1: Ihre Entscheidung ist auch sehr mutig. Sie haben keinen neuen Verein. Heißt es jetzt wieder Klinken putzen?

Adler: Es ist für mich eine ungewohnte Situation, die ich in der Form noch nie hatte. Ich hatte langfristige Verträge und habe diese immer erfüllt. Das zeigt, was ich für ein Spieler bin. Ich verschreibe mich mit Haut und Haaren meinem Klub. Meine Aufgabe ist es jetzt, mich fit zu halten. Ich bin sportbekloppt und bin froh, dass meine Frau auch sportbegeistert ist. Ich halte mich jetzt für jede Aufgabe bereit und freue mich auf ein neues Kapitel. Ich bin zuversichtlich, dass ich einen Klub finden werde, der mich sportlich wie menschlich noch einmal herausfordert.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf sich in Leverkusen mit Rene Adler zum Interview ©

SPORT1: Auf Abstiegskampf dürften Sie aber keine Lust mehr haben...

Adler: Ich werde jetzt ganz offen an dieses Thema rangehen. Ich habe eine Tür bewusst zugemacht. Erst dann ergeben sich neue Möglichkeiten. Daran glaube ich fest im Leben. Ich habe Selbstvertrauen in mich und meine Leistungsfähigkeit. Ich entscheide auch nicht mehr aus dem Blickwinkel eines 20-Jährigen, der noch die ganze Karriere vor sich hat und zu einem Klub wechselt, weil er sich um drei Prozent verbessern möchte. Es kommt auf das Gesamtpaket und die Situation an. Ich bin nicht Fußballer, um in einer schönen Stadt zu leben. Wenn es sportlich nicht läuft, dann kann ich die Stadt auch nicht genießen. Ich habe nur noch einige Jahre in dem wunderschönen Beruf und die möchte ich positiv und erfolgreich gestalten.

SPORT1: Welches Land ist Ihr Favorit? England, Italien, Spanien?

Adler: Ich war schon immer ein Fan der Premier League, weil sie physisch sehr stark ist. Es ist aber nicht so, dass ich mich darauf versteifen würde. Das Ausland ist reizvoll, aber auch in Deutschland zu bleiben, kann ich mir gut vorstellen. Ich glaube, wenn man da offen ist, wird sich der richtige Klub finden. Ich hätte früher zum Beispiel auch nie damit gerechnet, dass ich einmal in Hamburg leben würde.

SPORT1: Was würden Sie machen, wenn der FC Bayern sich melden würde? Falls Sven Ulreich gehen sollte, wird dort eine Nummer 2 gesucht.

Adler: Es ist immer eine Frage der Alternativen und der Gesamtsituation. Auch das Bauchgefühl muss mich überzeugen. Ich halte es für falsch, etwas auszuschließen, auch einen Posten als Nummer 2 bei einem Top-Klub. Das wäre naiv. Klar ist aber auch, dass man als Fußballer natürlich am liebsten auf dem Platz steht und der Mannschaft helfen möchte.

SPORT1: Bernd Leno überlegt, Bayer Leverkusen zu verlassen. Wäre eine Rückkehr zu Ihrem Jugendverein ein Traum?

Adler: In Leverkusen bin ich zum Bundesliga-Profi und Nationalspieler geworden. Als Bernd Leno damals die neue Nummer 1 wurde, war das vom Klub die richtige Entscheidung, da er jung und sehr talentiert war und ist. Gleichzeitig ist es für einen Stammkeeper nie leicht, sich auf die Bank zu setzen. Für mich wird jetzt das Richtige kommen und klar ist auch, dass Bayer Leverkusen immer einen Platz in meinem Herzen haben wird. Zwölf Jahre lassen sich nicht wegdiskutieren. Ich habe dem Klub sehr viel zu verdanken.

SPORT1: Wo geht es mit dem Hamburger SV und Trainer Markus Gisdol hin?

Adler: Mit dem Amtsantritt lastete eine Mammut-Aufgabe auf Markus Gisdol. Es war eine ausweglose Mission, aber er ist diese mit sehr viel Akribie und klaren Entscheidungen angegangen und hat sich nie ablenken lassen. Das Team muss seinen Weg weitergehen. Dass es kleine Dellen geben wird, ist normal. Mit Gisdol ist jedenfalls Ruhe und eine klare Linie eingekehrt. Er hat ein Konzept und es ist ganz wichtig cool zu bleiben, langfristig zu handeln und Krisen durchzustehen. Dann wird der Erfolg wiederkommen und das wünsche ich dem HSV.

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