Mario Gomez vom VfL Wolfsburg
Mario Gomez wechselte 2016 zum VfL Wolfsburg © Imago

Braunschweig - Platzsturm, Schmährufe, Beleidigungen: Mario Gomez spricht nach der gewonnenen Relegation im SPORT1-Interview über die aggressive Stimmung in den Stadien.

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Durch zwei Siege in der Relegation gegen Eintracht Braunschweig hat sich Mario Gomez mit dem VfL Wolfsburg in der Bundesliga gehalten. Im Interview mit SPORT1 spricht der Nationalspieler über die aufgeheizte Stimmung, die Situation bei dem Wölfen und seine persönliche Zukunft.

SPORT1: Wie groß ist die Erleichterung nach der gewonnenen Relegation?

Mario Gomez: Wahnsinnig groß! Es war tatsächlich wie ein Champions-League-Finale. Das wird sich für ganz viele da draußen ganz komisch anhören. Aber Abstiegskampf wünsche ich wirklich keinem. Vor allen Dingen nicht, wenn du eigentlich nichts damit zu tun haben solltest. Dann wird es richtig schwer. Wir haben uns immer wieder schwer getan, uns darauf einzustellen. Dementsprechend bin ich wahnsinnig stolz auf diese Mannschaft, dass wir es kurz vor Ende doch geschafft haben.

SPORT1: Wie schwer war das Rückspiel in Braunschweig?

Gomez: In der ersten Halbzeit hat man gesehen, dass bei einigen Spielern von uns das Herz in die Hose gerutscht ist und wir uns gar nicht auf diese Situation einlassen konnten. Jetzt bin ich aber wahnsinnig happy, dass wir es am Ende doch gepackt haben.

SPORT1: Was muss passieren, dass der VfL nicht noch einmal in eine solche Situation kommt?

Gomez: Es ist wichtig zu verstehen, dass man aus solchen Phasen auch ganz viel positive Energie mitnehmen kann. Ich habe das bei Bayern erlebt als wir 2012 gegen Chelsea verloren haben, als wir alle am Boden zerstört waren. Danach haben wir uns zusammengerauft und gesagt: 'Sowas wollen wir nicht mehr erleben.' Das hat im Jahr danach Kräfte freigesetzt. Vielleicht ist es jetzt eine ähnliche Situation - natürlich auf einem anderen Niveau.

SPORT1: Dauernde Beleidigungen und Schmährufe: Wie war für Sie persönlich das Spiel?

Gomez: Schwierig, aber damit muss man leben können. Vor allem, wenn es so große Unterschiede gibt zwischen den Teams. Es war ja schon vorher klar, dass das der einzige Strohhalm ist, an dem sich der Gegner festhält. Allen war klar: Von der Qualität her müssen wir das locker packen. Aber in diesen zwei Spielen zählt Qualität gleich null, vielleicht zehn Prozent. Alles andere ist nur Kopfsache. Wir hatten nur zu verlieren und nichts zu gewinnen.

SPORT1: Können Sie die aufgeheizte Stimmung nachvollziehen?

Gomez: Klar, wenn ich Braunschweig wäre, hätte ich es auch so versucht. Letztlich entscheiden dann Kleinigkeiten. Ich muss aber auch sagen, dass ich mit all dem Hass nichts anfangen kann. Das hat jetzt nichts mit diesem Spiel zu tun. Mit all dem Hass, den es mittlerweile in den Stadien gibt, kann ich nichts anfangen. Vor ein paar Tagen haben wir uns wieder alle in den Armen gelegen und geheult, weil in Manchester schon wieder etwas Tragisches passiert ist. Und drei Tage später benehmen wir uns selber wie die Affen! Viele müssen sich überlegen, wo wir eigentlich leben. In welcher Gesellschaft im Jahr 2017?

SPORT1: Auch Sie selbst wurden hart angegangen...

Gomez: Für mich war das kein Problem, wirklich nicht. Ich habe versucht, mich zu kontrollieren. Im ganzen Spiel sind auch ganz, ganz viele versteckte Dinge passiert. Ich habe mich nie provozieren lassen. Nur einmal, leider. Da ärgere ich mich auch total, weil ich das nicht machen darf. Dafür habe ich die Gelbe Karte bekommen. Es war dann eine kleine Genugtuung für mich als ich ausgewechselt wurde und der Schiedsrichter zu mir sagte, es tue ihm leid, er habe viele Dinge nicht richtig gemacht. Aber das ist nun mal so.

SPORT1: Die Braunschweiger fühlten sich im Hinspiel ungerecht behandelt. Wie ist ihre Meinung dazu?

Gomez: Wir haben das Hinspiel komplett dominiert. Braunschweig hatte eine Torchance und es wurde drei Tage so getan, als ob wir die absoluten Loser wären und ein absolutes Scheißspiel gemacht hätten - und uns auch noch ein Tor ergaunert hätten! Ich weiß, dass dann mit unterschiedlichem Maß gemessen wird, bei zwei Teams mit so unterschiedlichen Voraussetzungen. Aber wenn man es neutral betrachtet, muss man sagen, dass wir von den vier Halbzeiten drei ganz klar für uns entschieden haben.

SPORT1: Wie sieht ihre Zukunft aus? Bleiben Sie beim VfL Wolfsburg?

Gomez: Wir werden nach der Saison sehen. Ich bin im Moment selber noch emotional, weil ich so etwas noch nie erlebt habe in meiner Karriere. Ich glaube, die schlechteste Platzierung, seitdem ich professionell Fußball spiele, war Platz fünf. Das hier war eine ganz neue Erfahrung für mich. Wir haben sicherlich ganz viel falsch gemacht in dieser Saison, sonst wären wir nicht Drittletzter geworden. Ich glaube, dass der Verein jeden einzelnen Spieler hinterfragen wird. So muss es auch sein nach dieser Saison. Dann wird man nächstes Jahr eine schlagkräftige Truppe aufs Feld schicken. Schauen wir mal, ob ich dabei bin. Ich habe ein gutes Gefühl.

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