TSG 1899 Hoffenheim v Bayer 04 Leverkusen - Bundesliga
Julian Nagelsmann hat mit der TSG Hoffenheim derzeit reichlich Grund zum Jubel © Getty Images

Sinsheim - In Teil zwei des exklusiven SPORT1-Interviews spricht Erfolgstrainer Julian Nagelsmann über seine Rolle bei TSG Hoffenheim und den Job des Bundestrainers.

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Julian Nagelsmann ist im Vollsprint durch sein erstes Jahr als Bundesliga-Trainer gerast. Nachdem ihn TSG Hoffenheim überraschend vom Jugend- zum Chefcoach befördert hatte, avancierte er binnen weniger Monate vom Nobody zu einem der begehrtesten Fußball-Lehrer in Deutschland.

Diese spektakuläre Entwicklung hat auch Bundestrainer Joachim Löw verfolgt, der den Shootingstar sogar als seinen möglichen Nachfolger ins Gespräch gebracht hat. 

Nagelsmann begeistert Fans und Fachleute gleichermaßen. Doch was für ein Mensch steckt hinter dem Hype?

Im zweiten Teil des exklusiven SPORT1-Interviews (hier geht's zu Teil eins) spricht der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte über Probleme hinsichtlich des Alters und der Autorität, seine Rolle im Verein - und den Job des Bundestrainers.     

SPORT1: Herr Nagelsmann, erst die Last-Minute-Rettung vor dem Abstieg, jetzt der Sprung auf die Champions-League-Ränge - man hat im Moment den Eindruck, dass Ihnen alles gelingt…

Julian Nagelsmann: Alles gelingt mir sicher nicht. Seit einem Jahr entwickelt es sich für mich sehr gut. Aber es wird auch eine Zeit kommen, in der ich nicht immer nur freudestrahlend ins Bett gehen werde. Dann werden die Fans nicht nach einem Selfie mit mir fragen, sondern vielleicht, ob ich mir nicht besser einen neuen Verein suchen will. Mal bin ich der Depp, dann wieder der Wunder-Trainer. Aber deshalb werde ich nicht umfallen und an mir zweifeln.

Reinhard Franke und Julian Nagelsmann
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) besuchte Hoffenheims Erfolgstrainer Julian Nagelsmann im Kraichgau © SPORT1

SPORT1: Sie kamen vom ersten Tag an schlagfertig und souverän rüber. War diese Lockerheit von Anfang an da?

Nagelsmann: Die hatte ich schon immer. Ich glaube, das habe ich von meinem Papa. Er war auch ein lockerer Mensch, der oft einen Spruch parat hatte. So bin ich auch von meinem Wesen her. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch und habe eine große Lebensfreude, die ich versuche, auf meine Spieler und auf jeden Mitarbeiter bei der TSG zu übertragen. Wenn du morgens auf das Gelände fährst und dich freust, dass du diesen Job machen darfst, dann gelingt dir einfach mehr.

SPORT1: Wie sehen Sie Ihre Rolle im Verein?

Nagelsmann: Ich sehe mich nicht als jemand Besseren und auch nicht als Zampano, weil ich der Cheftrainer bin, sondern als einen Dienstleister meiner Spieler, auch wenn ich nun mal ab und zu Entscheidungen treffen muss, die hart sind. Aber mir ist es immer wichtig, dass alles auf einer menschlichen Ebene stattfindet. Das war mir schon als Jugendcoach wichtig, dass sich die Spieler nicht wie Zinnsoldaten fühlen, sondern wie freie Menschen, die sich auf dem Platz entfalten können.

SPORT1: Sie sind erst 29 Jahre alt. Gab es nie ein Problem hinsichtlich der Autorität?

Nagelsmann: Natürlich war ich etwas nervös bei meiner ersten Ansprache und dem ersten Training. Ich habe mir damals überlegt, wie ich ankomme bei den Jungs. In meinem Kopf habe ich mir vom ersten Tag an vorgenommen: Entweder schaffe ich es durch mein fachliches Wissen zu überzeugen und es gelingt mir, den Spielern zu vermitteln, dass sie sich bei mir verbessern können oder ich gehe wieder in den Nachwuchs. Das ist sehr wichtig für die Seele und nimmt Druck.

SPORT1: Wie hat Sie das erste Jahr als Bundesliga-Trainer verändert?

Nagelsmann: Ich habe mich wenig verändert, außer in einem Punkt: Ich habe mehr Selbstvertrauen in Alltagssituationen. Ein klassisches Beispiel gab es bei der Preisverleihung auf der Trainergala. Alexander Schmidt (U17-Coach der SpVgg Unterhaching, d. Red.) hielt die Rede, und ich stand etwas zu früh auf, weil er schon meinen Namen nannte. Aber es wurde zuerst noch ein Film über mich gezeigt. Ich setzte mich also auf einen anderen Platz. Früher wäre ich in so einer Situation vor Scham im Boden versunken. Heute warte ich, bis ich wieder aufgerufen werde und der Rest ist mir einfach egal. Ich bin im Alltag viel entspannter geworden. Ansonsten bin ich immer noch der gleiche Mensch, der vor kurzem noch Jugend-Coach war.

SPORT1: Ihr Förderer Thomas Tuchel merkt in dieser Saison den medialen Gegenwind bei Borussia Dortmund. Wäre das ein abschreckendes Beispiel für Sie?

Nagelsmann: Ich kümmere mich wenig darum, wie die Kollegen das alles machen. Wenn du wie Thomas bei einem großen Klub bist und die Leistungen nicht so sind, wie die Allgemeinheit das erwartet, dann war ihm sicher schon vorher bewusst, dass so etwas passieren kann. Und so intelligent und reflektierend bin ich auch, um zu wissen, dass ich nach sechs Niederlagen negative Schlagzeilen erhalten werde, bei einem größeren Klub aber mehr Gegenwind bekomme. Wenn dieser Tag kommt, dann wird das nicht überraschend sein für mich.

SPORT1: Welche Schlagzeile würden Sie gerne mal über sich lesen?

Nagelsmann: "Nagelsmann gewinnt die Champions League!" Die schönste Auszeichnung ist zudem, wenn ein Ex-Spieler dich in der Zeitung lobt. Weil man da weiß, dass er unbefangen ist, weil er nicht mehr unter dir spielt.

SPORT1: Letzte Frage: Joachim Löw hat Sie als möglichen Bundestrainer ins Gespräch gebracht. Ist das ein Ziel für Sie?  

Nagelsmann: Ich bin sehr energiegeladen und die Energie bekomme ich, weil ich jeden Tag auf dem Platz stehe. Aber auch da verschließe ich mich nicht. Wenn ich in 15 Jahren sage, dass ich viele Spiele anschauen möchte, nur noch Lehrgänge machen und mehr Zeit mit der Familie verbringen will, dann schließe ich das nicht aus. Stand heute ist das keine Option.

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