Bayerns neues Machtgefüge: Thiago, Arturo Vidal, Javier Martinez, Franck Ribery und Joker Thomas Müller (v.l.) © SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images

München - Bayerns Erfolgsserie beeindruckt. Der erste Gegner gratuliert schon zur Meisterschaft. Der Aufschwung in der Rückrunde hat fünf Namen - vier Asse und einen Joker.

von

Peter Stöger ist ein nüchterner Analytiker. Nach der Niederlage gegen den FC Bayern sprach Kölns Trainer am Samstag einen Satz, mit dem er alle Träumer in Fußball-Deutschland in die Realität zurückholte. "Sonderlich spannend wird die Saison nicht mehr werden", befand Stöger im ZDF-Sportstudio

Die Münchner hatten seinem Team die erste Heimpleite eingebrockt, der Österreicher gratulierte bereits vorzeitig zum Titelgewinn. Einen anderen Ausgang der Meisterschaft kennt der Stöger'sche Realismus nicht. 

Aus gutem Grund. Die Bayern gewannen 14 der letzten 16 Bundesliga-Partien. RB Leipzig hat bereits sieben Punkte Rückstand. Ein solches Polster nach 23 Spieltagen hat der Rekordmeister noch nie verspielt. 

Die Erfolgsbilanz der vergangenen Wochen ist auch das Resultat eines neuen Machtgefüges. Bayern profitiert von vier Assen - und einem Joker.

Abwehr-Ass Javier Martinez

© iMFootball

iM Football 2.0 – Der Fan-Messenger jetzt auch mit öffentlichen Kommentaren! Jetzt downloaden und sofort mitdiskutieren 

40 Millionen zahlten die Bayern einst für ihn. Ein Transfer mit Titel-Garantie? Jupp Heynckes persönlich bürgte seinerzeit dafür. Ein Dreivierteljahr später holten beide gemeinsam das Triple.

Als Sechser war Martinez einer der Garanten. Wie wichtig er für diese Mannschaft ist, zeigte sich aber erst in den drei Jahren unter Pep Guardiola. 

In jeder Saison fiel Martinez wegen Verletzungen aus. Drei Mal musste er sich zurückkämpfen. Jedes Mal fehlte die Zeit, um in Topform zu sein, wenn die wichtigen Spiele anstanden. Drei Mal in Folge scheiterte Bayern im Halbfinale der Champions League. 

Dieses Jahr könnte alles anderes werden. Martinez ist fit, Martinez kann spielen. Schon jetzt stand er als Innenverteidiger häufiger in der Startelf (18 Mal) als er im vergangenen Jahr Spiele bestritt (16). Wer Martinez' Leidensgeschichte kennt, weiß, was für ein Trumpf das ist. 

Der Baske, das sagt er selbst von sich, zieht eine ganze Mannschaft mit seiner Mentalität. Unauffällig zwar, aber höchst effektiv. Auch deshalb fällt der Ausfall Jerome Boatengs derzeit nicht stärker ins Gewicht.

Fußball-Ass Thiago

© iM Football

Es gab diesen Moment, in dem Thiago kurz davor war, beim FC Bayern zu scheitern. Im April 2016, die Münchner kassierten mal wieder eine Niederlage gegen Atletico Madrid

Der Techniker kauerte am Seitenrand - angeschlagen, ausgewechselt, deprimiert. Pep Guardiola redete auf ihn ein. Die beiden gaben das Bild eines Lehrers und eines Schülers ab, die einander nicht verstehen. 

Pep Guardiola war Thiagos Ziehsohn. Nicht immer kamen sie auf einen Nenner © Getty Images

Im Nachhinein betrachtet markiert jene Szene den Wendepunkt von Thiagos Dasein beim FC Bayern. Unter Guardiola wurde der Spanier bisweilen als Fremdling erachtet. Als jemand, der der Kultfigur Thomas Müller den Platz wegnimmt. 

Spätestens seitdem sein Mentor nicht mehr da ist, spielt Thiago stark auf. Er leitet Tore ein (6), bereitet Tore vor (2), trifft sogar selbst (3) - und das sind nur Werte für die Bundesliga. 

Carlo Ancelotti pries seinen Techniker neulich als "einen der besten Mittelfeldspieler der Welt". Und ein Spieler solchen Formats berauscht sich mitunter an sich selbst. In Köln etwa. Oder gegen Arsenal. Oder gegen Leipzig. 

Zweikampf-Ass Vidal

© iMFootball

Nächtliche Sauftouren, zerschrottete Ferraris - vergessen Sie alles, was Arturo Vidal in Misskredit bringt! Manchmal lohnt es sich, Vorgesetzten zuzuhören, wenn sie über ihre Mitarbeiter sprechen - und deren Wert für das Unternehmen wird sofort ersichtlich. 

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge pries Vidal dieser Tage bei Tuttosport als "eine der Verpflichtungen, auf die ich am stolzesten bin". 

© iMFootball

iM Football 2.0 – Der Fan-Messenger jetzt auch mit öffentlichen Kommentaren! Jetzt downloaden und sofort mitdiskutieren 

Der Chilene ist Bayerns Vorkämpfer im Mittelfeld. Gegen Köln war er wieder zweikampfstärkster Spieler. Und in entscheidenden Spielen schreitet Vidal voran - als Fußballer und als Sprachrohr. Vor dem Hinspiel gegen Arsenal tönte er: "Man wird das wahre Bayern zu sehen bekommen." Die Münchner gewannen 5:1.

Mentalitäts-Ass Ribery

Fragen Sie mal Google nach der französischen Form von "Mia san mia". Nicht bekannt. Man muss das auch nicht übersetzen. Franck Ribery beim Fußballspielen zuzuschauen, reicht dieser Tage völlig aus. 

Der Flügelflitzer ist in Dauer-Hochform, verletzt sich und kehrt dann noch stärker zurück. Gefühlt geht das jetzt seit Monaten so.

Im Pokal gegen Schalke feierte der 33-Jährige wieder mal ein Comeback. Der Auftritt wurde frenetisch gefeiert. David Alaba bezeichnete Ribery daraufhin als "Maschine".

Ribery ist mehr als das. Ein Motivator und Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer. "Wir sind ein echtes Team. Wir wollen etwas zusammen gewinnen. Und wir haben eine Super-Beziehung zum Trainer. Wir lachen viel", sagte er nach dem Sieg in Köln. Mia san mia in französischer Form. 

Joker Thomas Müller

Die Zeiten des FC Hollywood kennt Thomas Müller nur vom Hörensagen. Der Legende des Vereins zufolge hat es bei den Bayern tatsächlich mal Stars gegeben, die aufgemuckt haben, wenn sie nicht spielen durften. 

Seit dieser Saison erlebt Müller am eigenen Leib, wie sich der Status eines Ersatzspielers anfühlt. Obwohl in München mal so etwas wie eine Einsatzgarantie ("Müller spielt immer") per Gesetz erlassen wurde. 

Was den Angreifer aber von allen anderen Diven unterscheidet: Er hat still gehalten, als es nicht lief. Seine Leistung hinterfragt, anstatt andere zu kritisieren. Und vor allem: sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. 

Und siehe da: Seitdem die Bayern zugelegt haben, geht es auch für Müller wieder bergauf. In wichtigen Spielen werden ihm zwar - je nach Ausrichtung - Thiago und/oder Alonso vorgezogen. Doch Carlo Ancelotti weiß: Muss er offensiv nachlegen, hat er mit Müller den idealen Joker in der Hinterhand.

"Er findet immer die richtige Position auf dem Feld, ganz gleich, wo er spielt", lobte der Coach zuletzt. "Müller ist ein sehr intelligenter Spieler." Mit Intelligenz soll man ja auch Titel gewinnen können.

Weiterlesen