Lucas Scholl wechselte im Januar vom FC Bayern zu Wacker Nordhausen © SPORT1-Grafik: Marc Tirl / Getty Images

München - Lucas Scholl trainierte unter Pep Guardiola mit den Profis des FC Bayern - doch der Durchbruch blieb aus. Mit SPORT1 spricht er über seinen Neustart in der vierten Liga.

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Lucas Scholl blickt auf keine leichte Zeit zurück. 2014 stand der Sohn von Mehmet Scholl unter Pep Guardiola beim FC Bayern im Bundesliga-Kader, konnte sich aber bei den Profis nicht durchsetzen.

Beim deutschen Rekordmeister war die Karriere des einst als Top-Talent gehandelten Youngsters danach arg ins Stocken geraten.

Nach einer Zwischenstation beim Schweizer Erstligisten FC Luzern kehrte Scholl im Januar 2017 München den Rücken und startete in der Fußball-Provinz beim Viertligisten Wacker Nordhausen einen Neuanfang.

Im SPORT1-Interview spricht Scholl junior über seine FCB-Zeit, eigene Fehler, seinen berühmten Vater - und die neue Herausforderung in Nordhausen.  

SPORT1: Herr Scholl, wie sehr mussten Sie sich nach dem Wechsel vom FC Bayern zu Wacker Nordhausen umstellen? 

Lucas Scholl: Für mich war das keine große Umstellung. Ich kannte bei Wacker schon einige Leute und fühlte mich bereits nach wenigen Wochen richtig wohl.

SPORT1: Sie haben beim FC Bayern unter Pep Guardiola und an der Seite von Weltstars wie Franck Ribery oder Robert Lewandowski trainiert. Ist die Regionalliga jetzt nicht brutal schwer?

Scholl: Schon. Vor zwei Jahren war ich unter Guardiola bei den Profis dabei, musste dann aber wieder für die Amateure spielen. Für mich ist Nordhausen daher kein großer Rückschritt, weil ich auch mit den Bayern-Amateuren in der vierten Liga gespielt habe. Ich will mich in Nordhausen durchsetzen, so dass mein Weg wieder nach oben führt.

SPORT1: Warum hat es für Sie bei den Bayern nicht geklappt?

Scholl: Ich habe bei den Profis mittrainiert und durfte auch ins Trainingslager mitfahren. Damals dachte ich, dass ich es schon geschafft habe. Ich war mit Gianluca (Gaudino, Anm. d. Red.) der einzige Jugendspieler, der bei den Profis eingesetzt wurde. Es ging alles rasend schnell und ich war auf Wolke sieben. Aber genauso schnell bin ich auch wieder runtergefallen. Das zu verkraften, ist alles andere als leicht.

SPORT1: Können Sie Ihre Kritiker verstehen, die sagen 'Jetzt spielt er, wo er leistungsmäßig hingehört'?

Scholl: Nein. Es wird immer schnell mit dem Finger auf dich gezeigt. Genau diese Leute sollten wissen, dass es nicht so leicht ist, sich als Profi bei Bayern München durchzusetzen. Ich war 17 Jahre alt, als ich mit den Profis im Trainingslager war und 18, als ich bei Guardiola das erste Mal auf der Bank saß. Ich war also absolut unerfahren. 

SPORT1: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Scholl: Es gibt nichts, was ich vom Verhalten her falsch gemacht habe. Ich habe mich immer korrekt verhalten. Ich hätte nur mehr an mir arbeiten, mehr trainieren und mehr auf mich achten müssen. 

SPORT1: Haben Sie bei Bayern also nicht als Profi gelebt?

Scholl: Als Profi schon, aber nicht als Profi des FC Bayern.

SPORT1: Sie sagten einmal, dass der Druck Sie sehr belastet hat…

Scholl: Ich spielte bei der U19 und zwischendurch auch in der ersten Mannschaft. Es war klar, dass alle Gegenspieler mich treten wollten. Das hat mich schon seit der Jugend begleitet. Aber es wurde nun erwartet, dass ich in jedem Spiel für die Amateure der entscheidende Mann auf dem Platz bin. Ich hatte das Gefühl, regelmäßig drei Tore machen zu müssen. Das war eindeutig viel Druck für mich. Das hat mich fertig gemacht.

SPORT1: War der Umstand, dass Sie der Sohn von Mehmet Scholl sind, beim FC Bayern auch ein Hemmschuh?

Scholl: Nie. Natürlich war mein Papa ein überragender Fußballer. Aber ich bin ein eigener Mensch und Spieler. Also müssen sich die Leute auch ein eigenes Bild von mir machen, wie ich spiele.

SPORT1: Wie sehr hat Ihr Vater Ihnen geholfen?

Scholl: Er unterstützt mich komplett. Er sagte mir, dass es absolut richtig war, von Bayern wegzugehen. Schon als ich bei Luzern vorspielte, meinte er, dass ich nach Nordhausen wechseln soll. Er sagte auch, dass ich den Sprung von der vierten Liga in die erste Schweizer Liga nicht schaffen werde. Ich habe bei Bayern ein halbes Jahr nicht gespielt und muss jetzt erst mal wieder Spielpraxis sammeln. Dann kann gerne der nächste Schritt kommen. Aber ich soll nicht fünf Schritte überspringen, sagt mein Vater.

SPORT1: Der letzte Spieler, der zu den Profis geholt wurde, war David Alaba. Hat der FC Bayern ein Nachwuchsproblem mit der Jugend? 

Scholl: Der Kader ist so überragend gut besetzt, dass da gar kein Platz für einen Jugendspieler ist. Bei den Profis spielen einfach 20 Weltklasse-Spieler und wenn du dann als U19-Spieler zu den Profis geholt wirst, dann kannst du nicht deren Niveau haben. Auch wenn du noch so viel Talent hast. 

SPORT1: Warum hat es unter Pep Guardiola besser gepasst als unter Carlo Ancelotti?

Scholl: Ich kann zu Herrn Ancelotti nicht viel sagen, da ich für die U23 vorgesehen war und es deswegen keinen wirklichen Kontakt gab. Guardiola ist der beste Trainer. Er achtet einfach auf alles: Die richtige Ernährung, die Fitness und jeden Zentimeter, den du als Spieler auf dem Platz gehst. Guardiola sieht sofort, wenn ein Spieler falsch steht und etwas anders macht, als es sein sollte. Er nimmt den Gegner in seiner Analyse auseinander. 

SPORT1: Warum sind Sie nicht in Luzern geblieben? Man wollte Sie dort unter Vertrag nehmen.

Scholl: Ich wollte von meinem Vater finanziell unabhängig sein. In der Schweiz wäre das Leben zu teuer gewesen.

SPORT1: Was haben Sie sich für die Zukunft nun vorgenommen?

Scholl: Es ist immer noch alles drin in meiner Karriere. Natürlich hätten die vergangenen zwei Jahre besser laufen können. Aber ich bin noch jung und habe Potenzial. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages wieder Bundesliga spielen kann. Ob das wieder bei Bayern sein wird, kann ich nicht sagen. Es wird jedenfalls ein langer Weg.