Torsten Frings
Mit der Verpflichtung von Torsten Frings als Trainer sorgte Darmstadt für eine Überraschung © SPORT1-Grafik Marc Tirl: Getty Images/Imago

Darmstadt - Der als Cheftrainer noch unerfahrene Ex-Nationalspieler Torsten Frings soll dem SV Darmstadt 98 helfen. Hinter der unerwarteten Lösung steckt viel Fantasie.

von Frank Hellmann

Unweigerlich wird sich Torsten Frings bald wieder an seine Anfänge als Fußballer zurückerinnert fühlen. Damals, als er Mitte der 90er Jahre noch am altehrwürdigen Aachener Tivoli spielte, sah es ungefähr so aus wie dort, wo er bald trainieren wird: beim SV Darmstadt 98 im Stadion am Böllenfalltor.

Anders als der inzwischen in der Versenkung der vierten Liga verschwundene Traditionsverein Alemannia Aachen haben sich die Lilien keine teure Arena gegönnt, sondern sind damals wie heute in einer baufälligen Kultstätte beheimatet, die noch nach Schweiß und Arbeit riecht.

Den neuen Cheftrainer Frings gefällt das. "Ich brenne auf die Herausforderung in diesem speziellen Klub, der mit seinen besonderen Attributen bestens zu meiner Persönlichkeit passt."

Wie lautet schließlich der offizielle Slogan seines neuen Arbeitgebers? "Aus Tradition anders".

Wagnis: Frings fehlt Erfahrung

Und war nicht auch der der 79-fache Nationalspieler einer, der nicht ins Raster des stromlinienförmigen Profis passte? Der langmähnige Kämpfer sprach aus, was er dachte - und scheute am Ende nicht einmal die ständige verbale Konfrontation mit Bundestrainer Joachim Löw.

Dem 40 Jahre alten Frings die Verantwortung nun gleich ligaunabhängig bis 2018 anzuvertrauen – darin steckt eine Menge Fantasie. Das Bundesliga-Schlusslicht vertraut nämlich einem Novizen, der zwar im März 2015 seine Fußballlehrerlizenz erwarb, aber noch nie alleinverantwortlich eine Mannschaft trainierte.

Erst arbeitete er unter Viktor Skripnik als Assistent bei der U23, dann ab Oktober 2014 bei den Profis. Er verantwortete vor allem die emotionalen Ansprachen, führte weite Teile der Trainingsarbeit aus und diente als Ansprechpartner für die jüngeren Spieler – anfangs funktionierte diese Aufgabenteilung gut.

Vor allem im Abstiegskampf der Saison 2014/2015 und auch 2015/2016 half der auch nach seiner Trennung von Ehefrau Petra fest in Bremen verwurzelte Frings mit, die Grün-Weißen über den Strich zu halten. Aber die taktischen Kniffe arbeitete mit Florian Kohfeldt der zweite Skripnik-Helfer aus, der erstaunlicherweise beim SV Werder schon wieder einen Posten als U23-Chefcoach erhalten hat. Weil die Bremer Geschäftsführung ihn für das größere Trainertalent hält?

Frings verkörpert Darmstadts Tugenden

Aber darin liegt auch die Chance in Darmstadt, wo gar kein Taktikfuchs benötigt wird, der Matchpläne austüftelt, die eine limitierte Mannschaft ohnehin nicht umsetzen kann. Präsident Rüdiger Fritsch freut sich über eine Person, "die Geradlinigkeit und Authentizität verkörpert".

Frings, mit der Erfahrung von 402 Bundesligaspielen für Werder Bremen, Borussia Dortmund und den FC Bayern gesegnet, soll für Wille, Leidenschaft und Kampfkraft stehen – "genau jene Tugenden, die Darmstadt 98 ausmachen", erklärt Fritsch.

In der Tat hatte Frings Aufsehen erregende Zeiten, wenn er diese Eigenschaften aufs Feld brachte. Auf dem Zenit seiner Schaffenskraft zur WM 2006 bildete er mit seinem Kumpel Michael Ballack eine kraftvolle Doppel-Sechs, in der der aus Würselen stammende "Lutscher", so sein Spitzname, das kämpferische Element verkörperte.

Emotionalität und lange Haare

Es gibt nicht wenige, die behaupten, bei der Heim-WM wäre es zum Happy-End gekommen, wenn nicht ausgerechnet der Braveheart-Verschnitt im deutschen Mittelfeld wegen der Keilerei nach dem Viertelfinale gegen Argentinien für das Halbfinale gegen Italien gesperrt gewesen wäre.

Seine Niedergeschlagenheit hernach in der Kabine gilt als besonders bewegende Szene im WM-Film "Sommermärchen". Zuvor hatte "Fringser" die Mitspieler emotional mit seiner Ansprache eingestimmt.

Doch nur mit Reminiszenzen an die alten Zeiten wird Frings auf seiner ersten eigenständigen Trainerstation kaum punkten. "Ich bin mir der Schwere der Aufgabe bewusst, aber ich war immer ein Kämpfer und Teamplayer, und genauso werde ich ab sofort diese Aufgabe angehen", heißt es vom neuen Hoffnungsträger, der am Donnerstag offiziell vorgestellt wird.

Trainingsstart wird dann am 3. Januar sein, ehe die Lilien in ein Trainingslager in der Nähe von Alicante aufbrechen. Mit einer Trainerfigur, die sich auch optisch von allen Kollegen unterscheidet.

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