Heiko Herrlich (l., neben 1860-Coach Vitor Pereira) startete 2005 seine Trainerkarriere bei der U19 von Borussia Dortmund.

München - Vor dem Relegations-Rückspiel bei 1860 München spricht Jahn Regensburg-Coach Heiko Herrlich bei SPORT1 über das Duell und seinen Glauben an den Aufstiegs-Coup.

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Heiko Herrlich steht vor seinem wichtigsten Spiel als Trainer. Und womöglich vor seinem größten Erfolg an der Seitenlinie. Mit Jahn Regensburg muss er am Dienstagabend im Relegations-Rückspiel bei 1860 München antreten.

Vor über 60.000 Zuschauern in der voraussichtlich ausverkauften Allianz Arena. Doch spätestens nach dem 1:1 im hart umkämpften Hinspiel am Freitag weiß Herrlich auch um die Brisanz des Duells.

Vor dem Showdown (ab 18 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) spricht der 45-Jährige im SPORT1-Interview über sein Vorbild Ottmar Hitzfeld, das Duell mit den Löwen und den Glauben an den Aufstiegs-Coup.

SPORT1: Herr Herrlich, wie fühlen Sie sich vor dem Gang in die Höhle des Löwen?

Heiko Herrlich: Ich fühle eine große Vorfreude, gemischt mit einer gewissen Anspannung. Es ist erst Halbzeit. Im Hinspiel haben wir im ersten Durchgang eine herausragende Leistung gezeigt, dann haben unsere Kräfte etwas nachgelassen. Kurz vor Schluss landete der einzige Schuss, den 1860 im zweiten Durchgang auf unser Tor abgegeben hatte, im Netz. Zudem haben wir noch einen Elfmeter vergeben. Aufgrund unserer Leistung war mehr drin, aber wir werden auch in München Möglichkeiten haben.

SPORT1: Die Leistungen in der abgelaufenen Saison sollten Ihr Team mit breiter Brust auflaufen lassen, oder?

Herrlich: Genau so ist es. Wir haben als Aufsteiger oft überzeugt und auswärts gegen Mannschaften wie Chemnitz, Osnabrück oder Magdeburg gezeigt, was wir können. Das war immer vor vollem Haus. Am Dienstag werden es einige Zuschauer mehr sein und wir spielen gegen ein Team, das vor der Saison Ambitionen hatte, in die Bundesliga aufzusteigen. Aber warum sollen wir nicht auch in der Allianz Arena bestehen können?

SPORT1: Sie glauben also weiter fest an das Wunder?

Herrlich: Natürlich. Ich habe im Fußball schon viele kleine und große Wunder erlebt, habe als Spieler auch mal auf der Seite des großen Favoriten gestanden, der am Ende dann doch verloren hat. Warum sollte das Unmögliche nicht möglich sein? Es wäre schön, wenn wir das schaffen würden. Die Leistung im Hinspiel sollte uns Mut machen.

SPORT1: Wie sehr hat es Sie geärgert, dass Ihre Mannschaft am vergangenen Freitag eine sehr gute Ausgangssituation verspielt hat?

Herrlich: Es war sicher auch ein Sieg drin, aber es bringt jetzt nichts, sich zu grämen, sondern wir müssen nach vorne schauen und die Situation so annehmen, wie sie ist. Wir müssen in den Bus steigen und sagen, dass auch in München alles möglich ist. Wir haben das Spiel aufgearbeitet und wissen natürlich, dass wir es vor der Halbzeit verpasst haben, das 2:0 zu machen. Und Sechzig war am Ende sehr effizient.

SPORT1: Wie sehr hat es Sie eigentlich überrascht, dass 1860 mit so guten Einzelspielern wieder so eine Chaos-Saison erlebt?

Herrlich: So ist der Fußball. Ich habe mit Borussia Dortmund in der Saison 1999/2000 so etwas Ähnliches erlebt. Michael Skibbe war damals zu Saisonbeginn unser Trainer. Es wurden für 50 Millionen Spieler geholt und wir wollten Meister werden. Am 8. Spieltag waren wir Erster, sind dann aber böse abgefallen. Und das mit Spielern wie Jürgen Kohler, Andreas Möller oder Stefan Reuter. Es gab dann in der Rückrunde einen Trainerwechsel und am Ende hat uns Udo Lattek gerettet. Wir gerieten in eine Negativspirale rein, die sich keiner erklären konnte.

SPORT1: Wie haben Sie Löwen-Trainer Vitor Pereira im Hinspiel erlebt?

Herrlich: Unser Umgang war von großem Respekt geprägt. Er war als Trainer bisher in seiner Karriere sehr erfolgreich, hat in Porto, Istanbul oder Piräus gute Arbeit abgeliefert und viel erreicht. Er kam vor dem Hinspiel sofort auf mich zu, hat mich freundlich begrüßt und mir gesagt, dass wir in Regensburg einen tollen Job machen, was mich natürlich gefreut hat.

SPORT1: Ein 0:0 würde den Löwen reichen, um den Klassenerhalt zu schaffen. Ist das für Ihr Team eher bedrückend?

Herrlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich 1860 zu Hause hinten reinstellen wird, um ein 0:0 zu erreichen. Genauso werden wir in den ersten fünf Minuten nicht gleich alles riskieren. Selbst wenn wir ein Gegentor kriegen sollten, wird uns das nicht umwerfen. Es ist ja ohnehin klar, dass wir irgendwann einen Treffer erzielen müssen. Und wenn die Löwen doch auf 0:0 spielen sollten, werden wir versuchen, Möglichkeiten zu finden, um trotzdem durchzukommen.

SPORT1: Ihr Vorbild als Trainer ist Ottmar Hitzfeld. Was können Sie von dem, was Sie sich bei ihm abgeschaut haben, jetzt anwenden?

Herrlich: Ich hatte das Glück, dass ich nur gute Trainer hatte. Ottmar hat aber ganz besonders diese Bescheidenheit vorgelebt. Das hat mir immer imponiert. Er war immer respektvoll gegenüber den Spielern und den Medien und ist immer Mensch geblieben. Es gibt einen Film von David Kadel "Und vorne hilft der liebe Gott" mit christlichen Fußballern, unter anderem auch Jürgen Klopp. Kadel besuchte Klopp in Liverpool und fragte ihn, was sein Erfolgsgeheimnis ist. Er nennt die vier D: Durchhaltevermögen, Disziplin, Demut und Dankbarkeit. Und das habe ich auch bei Ottmar immer festgestellt. Diese Werte sind mir besonders wichtig.

SPORT1: Würde es Sie eigentlich reizen, auch mal 1860 zu trainieren?

Herrlich: 1860 ist ein toller Verein, aber die Frage stellt sich nicht. Ich habe einen Vertrag bei Jahn Regensburg und wir haben schon früh gesagt, dass ich hier auch im nächsten Jahr Trainer sein werde. Ich war als Spieler sehr vereinstreu und kann mir auch vorstellen, lange beim Jahn zu bleiben. Aktuell ist mein Fokus aber nur auf das Spiel gerichtet, in dem wir versuchen wollen, in die Zweite Liga aufzusteigen.

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