Alternative Views - Baku 2015 - 1st European Games
Die Europaspiele von Baku sind zu Ende. © Getty Images

Baku - Die Europaspiele sind organisatorisch ein Erfolg, sportlich besonders für die Gastgeber. Es bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Um den Ausrichter 2019 gibt es Diskussionen.

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Die ersten Europaspiele endeten, wie sie begonnen hatten. Ein spektakuläres Feuerwerk erleuchtete am Sonntag den Nachthimmel über Baku. Mit der Show endeten 17 Wettkampftage, nach denen das Fazit der deutschen Delegation positiv ausfiel, aber auch viele offene Fragen bleiben.

"Wir haben sowohl sportlich als auch organisatorisch sehr gute Spiele erlebt", bilanzierte der DOSB-Vorstandvorsitzende Michael Vesper am Schlusstag im SPORT1-Interview.

Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig präzisierte: "Es ist lange und auch völlig zu Recht über die sportliche Wertigkeit der ersten Europaspiele diskutiert worden. Aber wir haben daraus für den deutschen Leistungssport eine wertvolle Veranstaltung gemacht, auf der wir aufbauen können. Gerade im letzten und entscheidenden Jahr vor Olympia in Rio."

Deutschland Vierter im Medaillenspiegel

Deutschland landete auf Platz vier im Medaillenspiegel,  hinter den alles dominierenden Russen, Aserbaidschan und Großbritannien. Erfolgsgaranten waren neben den Stars Fabian Hambüchen im Turnen und Dimitrij Ovtcharov im Tischtennis vor allem die Kanuten, Schützen, Judokas und die Nachwuchsschwimmer.

SPORT1 vor Ort in Baku
SPORT1 vor Ort in Baku © SPORT1/Getty Images

Neben den Medaillen war für das Gros des 265-köpfigen deutschen Teams aber der Hauch von olympischer Atmosphäre im Athletendorf und in den prunkvollen Wettkampfstätten das Erlebnis, das die Reise an den Kaukasus wertvoll machte.

Dass die Gastgeber im Vergleich zu ihren überschaubaren internationalen Meriten so viel Edelmetall einheimsten, hatte vor allem mit der Auswahl der 20 Disziplinen zu tun. Die am Kaukasus so populären Kampfsportarten waren überproportional vertreten.

Zudem hatten die Gastgeber wie auch die Russen der Veranstaltung einen deutlich höheren Stellenwert beigemessen und dementsprechend sowohl ihre Saisonplanung  als auch die Besetzung der Teams anders als beispielsweise die Deutschen gestaltet.

Gastgeber hinterlassen zwiespältigen Eindruck

Vom Ausrichter bleiben zwiespältige Eindrücke. Die Organisation war zwar tatsächlich olympiareif, doch der rigide bis ignorante Umgang mit der Diskussion um Menschenrechte, Korruption und Pressefreiheit hat das Image Aserbaidschans im Ausland sicher nicht verbessert.

Genauso wie die Omnipräsenz des umstrittenen Staatschefs Ilham Alijew, der sich im Glanz seiner Sieger sonnte, den Vorwurf der Propagandaspiele eher bestätigte.

Die deutsche Delegation führte wie angekündigt vor Ort Gespräche mit Regierungskritikern zu diesen Themen, die Inhalte blieben aber weitgehend vertraulich. Vesper erklärte immerhin, es habe kein "einheitliches Bild" gegeben.

Seine Gesprächspartner hätten „Kritik geäußert an den finanziellen Rahmenbedingungen". Zudem sei aber deutlich gemacht worden: “Nicht die Spiele sind hier das Problem." Man werde sich auch im Nachlauf mit Organisationen wie Human Rights Watch abgleichen. „Ich möchte nicht, dass das Thema ab morgen nicht mehr interessant ist“, so Vesper.

Vesper: Premiere der Europaspiele gelungen

Manch ein Funktionär wünschte sich wohl im Nachhinein, dass man sich für die Premiere einen anderen Ort ausgesucht hätte, in Tagen, in denen der kommerzielle Sport ohnehin nicht den besten Leumund hat. Vesper aber blickte zuversichtlich in die Zukunft: "Die Premiere ist gelungen. Und deshalb werden wir eine zweite Ausgabe im Jahr 2019 sehen, wir wissen nur noch nicht, wo."

Das solle aber in den nächsten Wochen, allenfalls Monaten entschieden werden. Der Kostenfaktor hatte die Niederlande als eigentlich schon feststehenden Ausrichter für 2019 verschreckt, sie zogen kurz vor Start in Baku zurück.

"Was hier passiert ist, muss nicht der Maßstab sein", sagte Vesper auf die enormen Aufwendungen Aserbaidschans angesprochen: "Für die nächsten Spiele wird das je nach Austragungsort individuell zu diskutieren sein und hängt auch von den finanziellen Möglichkeiten ab. Das kann in der Zukunft ganz anders sein."

Ähnliche politische Diskussionen wie 2015 würde es bei einer Vergabe an die offensichtlich interessierten Nationen Russland und Weißrussland geben, daneben ist noch von der Türkei als möglichem Gastgeber die Rede. Sowohl Patrick Hickey, Präsident des Europäischen Olympischen Komitees, als auch Vesper, Mitglied des EOC-Exekutivkomitees, wünschen sich aber eher einen Ausrichter aus Westeuropa.

Team Germany Departs To The European Games 2015
DOSB-Vorstand Michael Vesper mit deutschen Athleten am Frankfurter Flughafen. © Getty Images

Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Wertigkeit der Wettbewerbe. Zentral ausgetragene, sportartenübergreifende Europameisterschaften sind eine attraktive Vorstellung, das betonten zahlreiche Sportler und Funktionäre in Baku.

Gerade für die Athleten, die sonst nicht auf großer Bühne auftreten sondern eher im Verborgenen um Erfolge kämpfen.  Jedoch gab es diese Idee mit den für 2018 terminierten European Sports Championships bereits zuvor, und zwar mit den Verbänden der Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen im Rücken.

"Man muss den Wettkampfkalender sortieren, wir können nicht weiter und weiter Veranstaltungen draufsatteln", sagte Schimmelpfennig: "Wenn man sich auf das Format der European Games einigt, muss das auch Konsequenzen haben für die European Sports Championships. Und auch für die eine oder andere Europameisterschaft."

Am Beispiel Judo hatte man gesehen, wie eine EM erfolgreich in die Europaspiele integriert wurde, aber um das eines Tages flächendeckend zu schaffen, bedarf es eines diplomatischen Kraftakts. "Es wird im sportpolitischen Bereich einiges zu lösen sein", bestätigte Schimmelpfennig: "Aber wenn das gelingt, profitieren am Ende die Sportler davon. Das sollte die Zielstellung sein."

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