Lara Gut gewann dreimal Silber bei Weltmeisterschaften © imago

Lara Gut fährt nach ihrer Wandlung alles in Grund und Boden. Nach Schlammschlacht holt sie sich die Liebe der Schweizer zurück.

Von Carsten Arndt

München - Es schien eine Bestmarke für die Ewigkeit zu sein, die Tina Maze im vergangenen Winter aufgestellt hat.

2414 Punkte in einer einzigen Weltcup-Saison - wer sollte das jemals überbieten?

Die Antwort nach den Eindrücken der ersten Rennen dieses Winters lautet: Lara Gut.

Zumindest, wenn es nach Nicole Hosp geht: "Ich glaube, dass Lara in dieser Verfassung Tinas Rekord gleich wieder brechen kann", adelte die österreichische Gesamtweltcupsiegerin von 2007 ihre Konkurrentin aus der Schweiz.

Schweizer Skischätzchen

Drei der ersten vier Rennen entschied Gut für sich, darunter ihr erster Karrieresieg im Riesenslalom. Doch damit gibt sich das 1,60-Meter große Power-Mädel nicht zufrieden.

Zwar twitterte sie nach ihrem Sieg freudestrahlend: "Nennt mich Raubvogel", schob allerdings beim Siegerinterview nach: "Es bedeutet auch, dass ich nun noch härter trainieren werde, um das Niveau halten zu können."

Die skibegeisterte Schweiz schwärmt nach dem besten Saisonstart einer Skifahrerin seit der Österreicherin Petra Kronberger 1990 von der 22-Jährigen. Für den Boulevard, oft nicht zimperlich im Umgang mit seinen Helden, ist sie wieder ihr "Ski-Schätzchen".

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Kometenhafter Aufstieg

Es scheint alles wieder wie 2007 zu sein. Damals, als sie als das wohl größte Ski-Talent, das die Schweiz je hervorgebracht hat, erstmals im Weltcup an den Start ging ( 48459 DIASHOW: Lara Guts Karriere in Bildern ).

Als sie nur wenige Monate später ihr erstes Podest in der Abfahrt einfuhr. Als sie ein Jahr später bei der WM in Val d'Isere Silber in der Abfahrt und in der Super-Kombination gewann und die Presse sie endgültig als Wunderkind feierte.

Sportliche Rückschläge

Doch die Tessinerin hatte Probleme, mit der gestiegenen Popularität umzugehen. "Ich war überhaupt nicht auf diesen Hype vorbereitet", sagt sie rückblickend.

Es folgten die ersten sportlichen Rückschläge. Die Top-Ergebnisse blieben aus, und bei einem Trainingssturz zog sich Gut eine Hüftluxation zu. Es folgte eine OP und eine monatelange Wettkampfpause.

14 Tage lang konnte sie nur im Bett liegen, an Skifahren war nicht zu denken. Auch Olympia in Vancouver musste sie von zu Hause aus verfolgen.

Von Beginn an isoliert

Mit dem ausbleibenden Erfolg und der langen Unterbrechung mehrte sich die Kritik an der Ski-Prinzessin, die schon lange als Enfant terrible galt.

Von klein auf machte die mittlerweile 22-Jährige ihr eigenes Ding, angetrieben von Vater Pauli, der sie von Beginn an unter seine Fittiche nahm. Lara trainierte privat, nicht in den Kadern des Verbandes.

Nach den ersten Erfolgen gründete Vater Pauli mit Trainer Mauro Piri bald das privat finanzierte "Team Gut", was im Schweizer Verband nicht unbedingt auf Gegenliebe stieß. Doch der Erfolg des Nachwuchsstars machte einen Kompromiss unumgänglich.

Streit mit dem Verband

Als Guts Privattrainer Piri während ihrer Verletzung als Cheftrainer zum Schweizer Verband wechselte, eskalierten nach ihrer Rückkehr auf die Piste die Probleme.

Es wurde eine über die Öffentlichkeit ausgetragene Schlammschlacht, die in der Suspendierung für Weltcup-Rennen gipfelte.

Und der Boulevard stürzte sich auf die Geschichte, wie auf die amourösen Abenteuer, die ihr nachgesagt wurden - unter anderem mit dem italienischen Super-G-Weltmeister Christof Innerhofer.

"Ihr müsst lieb zu mir sein"

Doch Gut ließ sich davon nicht beirren. Vielmehr streute sie Gerüchte, sie wolle für Italien, das Geburtsland ihrer Mutter, an den Start gehen. "Ich mag Italien sehr gerne. Darum müsst ihr sehr lieb zu mir sein, damit ich auch weiterhin für die Schweiz an den Start gehe."

Am Ende blieb sie den Eidgenossen treu, Piri gab entnervt den Posten als Schweizer Cheftrainer auf.

Gut gibt Fehler zu

Nachdem sie sich im Vorjahr mit einem Sieg, WM-Silber und einem dritten Platz wieder herangetastet hatte, hat sich Gut diese Saison nun dort etabliert, wo sie hingehört - in der Weltspitze.

Piri-Nachfolger Hans Flatscher scheint in der Tessinerin eine Blockade gelöst und sie vor allem auch mental deutlich weitergebracht zu haben. In diesen Tagen wirkt die 22-Jährige deutlich aufgeräumter.

"Ich bin so jung in diesen Zirkus gekommen. Bis jetzt war alles eine Entdeckungsreise. Und auf dieser Reise habe ich auch viele Fehler gemacht", räumt sie ein.

Auch der Streit mit dem Verband gehört der Vergangenheit an. "Ich habe mein privates Team, und ab und zu trainiere ich mit der Schweizer Mannschaft", sagt Gut.

Reifeprüfung Lake Louise

Nach der erfolgreichen charakterlichen, folgt ab Freitag (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Lake Louise auch die sportliche Reifeprüfung.

Anders als in Beaver Creek ist die Piste in Kanada eine Strecke mit vielen Gleitpassagen, was Gut eher weniger liegt. Selbst in der Abfahrt war sie hier noch nie besser als Achte.

Doch wenn es nach Elisabeth Görgl geht, ist in diesem Jahr eh alles anders: "Bei dem Selbstvertrauen und der Form, die Lara momentan hat, wird für sie sogar auf dieser Strecke alles möglich sein."

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