Die Verletzung zieht sich hin. Während seine Teamkollegen bereits im Schnee zahlreiche Trainingslager absolvieren, dauert es bei Neureuther bis Mitte September erste Schwünge in den Schnee setzen kann
Felix Neureuther belegte vergangene Saison Platz zwei im Slalom-Weltcup © imago

Neureuther steht nach seiner Nekrose vor dem Comeback. Der WM-Zweite will mehr Risiko gehen, ein Österreicher dient als Vorbild.

München - Eine Nekrose ist das Absterben einzelner Zellen oder sogar Glieder am lebenden Organismus.

"Das ist etwas", erzählt Felix Neureuther, "das recht häufig bei älteren Frauen vorkommt. Und genau so habe ich mich gefühlt."

Neureuther ist mit seinen 29 Jahren zwar ein erfahrener Ski-Rennläufer, aber weit entfernt von den Gebrechen älterer Damen (Wintersport im LIVE-TICKER).

Dennoch litt er im Sommer an besagtem Krankheitsbild. Wenn er darüber redet, tut er das oft augenzwinkernd. Neureuther ist ein fröhlicher Mensch, hat den Schalk stets im Nacken.

"Bin fit für den Einsatz"

Dabei war die Geschichte mit der Nekrose durchaus ernst.

Dass der WM-Zweite im Slalom am Sonntag dabei sein kann, wenn auf dem Gletscher über Sölden die Olympia-Saison gestartet wird, ist erst seit wenigen Tagen klar.

"Ich bin extrem glücklich", sagt er, "das Gefühl ist gut, und ich bin fit für den Einsatz." Das Gefühl aber war den ganzen Sommer über katastrophal.

Ein Routine-Eingriff, bei dem er sich im Juni ein Überbein am linken Sprunggelenk hatte entfernen lassen, hatte alptraumhafte Folgen.

Streptokokken in der Wunde

In der Wunde nisteten sich Streptokokken ein, "totes Gewebe" fraß sich immer näher an den Knochen heran - bis es wenige Millimeter davor Halt machte.

Neureuthers Lächeln ist kurzzeitig verschwunden, als er von den Details berichtet. Der Zuhörer ahnt, welch psychische Belastung die Geschichte für ihn war. Zumal vor der Olympia-Saison, seiner letzten als Ski-Profi.

Ein "schönes kleines Scheißding", nennt er die Wunde am Knöchel irgendwann, das Lächeln ist zurück. Mit zwei Wochen Pause hatte Neureuther im Sommer gerechnet. Es wurden vier Monate.

Wenig Ruhepausen für den Knöchel

Anfang Oktober tanzte er erstmals wieder durch die Stangen, die für ihn die Welt bedeuten. Die Konkurrenz hat ihm 30, 40 Schneetage voraus.

Kompliziert bleibt die Sache, weil Neureuther dem Knöchel kaum die dringend benötigten Ruhepausen gönnen kann. Wenn er durch die Stangen taucht, herrscht stets ein gewaltiger Druck auf die Wunde.

Die Blessur sei "für einen Skifahrer an der blödsten Stelle", sagt er. Ein Spezialschuh soll den Druck minimieren.

"Wenn ich drin bin, geht's", sagt er. Doch die Polsterung im Ski-Schuh verzögert die Kraftübertragung auf den Ski.

Neureuther macht sich keinen Stress

Im Feinfühlbereich Skirennsport ist das ein mittelschweres Desaster. Erschwerend kam hinzu, dass er sich Anfang Oktober einen Bänderanriss im rechten Knöchel zuzog.

Irgendwann, sagt Neureuther, "musst du es einfach akzeptieren." Er mache sich jetzt "keinen Stress mehr" wegen der Verletzungen, mit ähnlicher Einstellung sei er bereits im vergangenen Winter ganz gut gefahren. Heraus kamen drei Weltcup-Siege, eine Leistungssteigerung im Riesenslalom und WM-Silber.

"Eine absolute Hammersaison", nennt DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier das - und sieht darin eine gewisse Belastung für den Olympia-Winter. "Der Felix ist einer, von dem man die Erwartungshaltung nicht komplett weghalten kann", sagt er.

"Außergewöhnliches Talent zum Skifahren"

Wenn Maier Neureuther von dessen "Scheißegal-Einstellung" reden hört, muss er deshalb lachen.

Maier verlässt sich viel lieber auf Neureuthers "außergewöhnliches Talent zum Skifahren". Mit dieser Gabe könne er den Rückstand irgendwann, wenn es in Richtung Sotschi geht, vielleicht kompensieren.

In Sölden sei damit noch nicht zu rechnen. Maier rät Neureuther, den Riesenslalom auf dem sehr anspruchsvollen Rettenbachferner als "Wettkampftraining" zu betrachten.

"Mehr Risiko - mehr Konstanz"

Grundsätzlich geht es Neureuther darum, im Olympia-Winter "den nächsten Schritt" zu machen.

Er will "mit noch mehr Risiko noch konstanter fahren". So, wie es sein Konkurrent und Freund, Marcel Hirscher aus Österreich, vormacht.

Klappt das, ist das erhoffte Edelmetall möglich.

Wobei: "Ich bin keiner, der sich eine Medaille anschaut und denkt: 'Boah, was bin ich für ein geiler Typ'!?", sagt er verschmitzt: "Das weiß ich auch ohne Medaille."

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