Neureuther spürt nach seinem Silber-Coup Genugtuung. Aus Fehlern hat er gelernt, der DSV bejubelt einen historischen Erfolg.

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Von der Ski-WM berichtet Andreas Kloo

Schladming - Nachdem Felix Neureuther Goldmedaillengewinner Marcel Hirscher gratuliert hatte (Bericht), wurde ihm plötzlich klar, was er selbst gerade geleistet hat.

Und da sank er auf die Knie und ging in sich.

Es schien, als würde er all die Last der letzten Jahre, all die Erwartungen in ihn in dieser Sekunde spüren. (DATENCENTER: die Ergebnisse der Ski-WM)

"Ich habe so lange gekämpft", beschrieb er seine Gefühle nach seinem Silber-Coup im Slalom von Schladming mit tränenerstickter Stimme. ( 671737 DIASHOW: Die Bilder der Ski-WM )

Vielversprechendes Talent

Zehn Jahre ist es her, dass Neureuther zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teilnahm.

2003 in St. Moritz fuhr er als 18-Jähriger zu Laufbestzeit in Durchgang zwei.

Es war ein großes Versprechen in die Zukunft, das er damals abgab.

Dabei waren die Erwartungen an ihn ohnehin schon hoch, allein durch das Talent, das ihm seine Eltern, der ehemalige Weltklasse-Slalomläufer Christian Neureuther und die Doppel-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier mitgegeben hatten.

Serie von Enttäuschungen

Doch in den Jahren danach folgten bei den Großereignissen vor allem Enttäuschungen.

In Are 2007, bei Olympia 2010 und bei der Heim-WM 2011 schied er jeweils aus.

"Der Druck war schon ziemlich groß, mit jedem Großereignis, bei dem man nichts reißt, steigt der Druck", erklärte Neureuther hinterher.

Genugtuung gegenüber den Kritikern

Der Druck stieg und die Zahl der Kritiker wuchs: "Viele haben gezweifelt und gesagt, dass es der Neureuther diesmal wieder nicht schafft", wandte er sich an diese und sagte stolz:

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"Heute spüre ich eine große Genugtuung."

Neureuther war aber auch stolz, dass er nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholte: "Ich habe es geschafft, mir die Lockerheit zu bewahren", beschrieb er seine mentale Leistung.

Neureuther bringt Fans zum Schweigen

Und locker zu bleiben, war alles andere als einfach, als er im Starthaus stand.

Gerade hatte Mario Matt als Dritter des ersten Durchgangs eine souveräne neue Bestzeit hingelegt. "Da ist ein Begeisterungsschwall zu mir hochgeschwappt, da wäre ich beinahe rückwärts aus dem Starthaus geflogen."

Aber Neureuther blieb cool und setzte noch einen drauf. Als die österreichischen Fans seine Zwischenbestzeit sahen, wurde es leise.

"Es war die schönste Stille, die ich jemals erlebt habe", erzählte er hinterher lachend.

Kleine Hoffnung auf Gold

Als er im Ziel als Führender stand, träumte er schon ein klein wenig von Gold:

"Hoffen tut man immer", gab er zu.

Aber Neureuther wusste auch, "dass es noch schneller geht."

Das bewies Marcel Hirscher. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

Hirscher hält Mega-Druck stand

Der unumschränkte Topfavorit hielt dem großen Druck stand, erfüllte die Erwartungen seiner Landsleute und bescherte dem Gastgeber das einzige Einzel-Gold dieser WM.

"Österreich hat acht Millionen Einwohner, vielleicht haben vier Millionen dieses Rennen gesehen, 40.000 hier in Schladming. Ich habe nur gedacht: Oh mein Gott, wenn ich jetzt einen Fehler mache, kommen die - und bringen mich um", erklärte der Österreicher:

"Ich habe bewiesen, das ich in jeder Situation mein bestes Skifahren abrufen kann."

Neureuther zog berechtigterweise den Hut vor seinem Kumpel und Rivalen: "Was der Marcel heute geleistet hat, zählt ihn jetzt zu den Großen des Skisports."

"Er ist skigefahren"

DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier lobte da lieber seinen Schützling.

"Das war heute sein Meisterstück", sagte er über Neureuther auf SPORT1-Nachfrage: "Er hat es so gemacht, wie er es kann. Er ist skigefahren, und das kann er. Er ist ein souveränes Rennen gefahren ohne zu überziehen."

Das war in der Vergangenheit oft Neureuthers Problem. Er wollte zu viel und schied aus.

Aber diesmal fuhr er auch mit Köpfchen, riskierte nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig.

Keine Loser mehr

Für den deutschen Skisport hat Neureuthers Silbermedaille eine enorme Bedeutung.

Es war die erste Einzel-Medaille für die DSV-Herren seit 2001, als Florian Eckert Abfahrtsbronze gewann.

Die letzte Slalom-Medaille lag sogar 24 Jahre zurück, Armin Bittner hatte sie 1989 geholt.

"Wir haben viel Prügel bezogen, wir wurden als Loser-Abteilung bezeichnet. Lieber sind sie über uns hergefallen als uns zu unterstützen", blickte Maier auf die harten und erfolglosen Jahre zurück.

Voller Genugtuung fügte er hinzu: "Das ist der Beweis, dass auch deutsche Coaches gute Arbeit abliefern können und dass wir den Anschluss an die Weltspitze hergestellt haben."

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