Dopfer führt das DSV-Team zur Medaille. Ein Kroate wird fast zu Neureuthers Boateng. Österreichs Seele ist wieder im Gleichgewicht.

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Von der Ski-WM berichten Andreas Kloo und Paul Willmann

Schladming - Felix Neureuther konnte es gar nicht glauben.

"Felix, wir haben es!", rief ihm Maria Höfl-Riesch zu.

"Echt?" fragte er seine Teamkollegin.

Aber dann wurde auch ihm klar, dass die deutsche Mannschaft Bronze sicher hat.

Schnell stürzten sich alle auf Fritz Dopfer, den Helden des Tages. ( 671737 DIASHOW: Die Bilder der Ski-WM )

"Kohlen aus dem Feuer geholt"

Zweimal sicherte er dem DSV-Team als Schlussläufer den Sieg, zunächst im Viertelfinale gegen Frankreich, dann im Duell um Platz drei gegen Kanada.

"Der Fritz hat heute für uns die Kohlen aus dem Feuer geholt", lobte Höfl-Riesch den "Matchwinner".

Sportdirektor Wolfgang Maier nannte Dopfer den "Motor des Teams".

Dopfer selbst gab sich bescheiden: "Wir haben das heute als Team erreicht, und das macht mich unheimlich stolz", sagte der 25-Jährige.

"Wir hatten heute das Glück auf unserer Seite", verwies er auf den knapp gewonnenen Zweikampf gegen den Kanadier Philip Brown. (DATENCENTER: die Ergebnisse der Ski-WM)

Klassisch umgegrätscht

Vor allem Neureuther hatte riesiges Glück.

"Für mich hat das Rennen nicht so gut begonnen, nachdem mich der Gegner niedergestreckt hat. Deshalb bin ich jetzt wirklich froh", atmete er tief durch.

Im Achtelfinale gegen Kroatien wurde Neureuther wie beim Fußball von seinem Gegner im Parallelslalom klassisch umgegrätscht.

Filip Zubcic war weggerutscht, trudelte in Neureuthers Kurs und traf ihn mit dem Knie am Schienbein. Der Partenkirchener kam zu Fall.

Schlimmste Befürchtungen

Maier befürchtete im ersten Augenblick das Schlimmste: "Ich dachte, hoffentlich schlitzt er ihm nicht den Unterschenkel auf."

Auch Höfl-Riesch war "total erschrocken."

"Es wäre ja nicht nur schlimm für den Teamwettbewerb gewesen, sondern für die ganze restliche Woche von Felix", fügte sie hinzu. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

WM-Traum beinahe zerplatzt

Neureuther ist mit großen Ambitionen nach Schladming gekommen. Sowohl im Slalom als auch im Riesenslalom gilt er zu den heißen Medaillenkandidaten.

Beinahe wäre mit einem Schlag Neureuthers WM-Traum zerplatzt und Deutschland hätte einen großen Hoffnungsträger verloren.

Als Fußball-Fan fühlte man sich beinahe schon an die Ballack-Tragödie von 2010 nach dem Foul von Kevin-Prince Boateng erinnert ? als auch in einer Szene alle WM-Träume begraben werden mussten.

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Neureuther stand zunächst geschockt auf der Piste, entschloss sich dann aber zum Weiterfahren.

"Ich probier?s nochmal" richtete er aus, bevor er sich wieder an den Start fahren ließ. Letztlich kam er glimpflich mit einer Prellung davon.

Medaillen-Soll erfüllt

So konnte Herren-Cheftrainer Charly Waibel von einem ?gelungenen Einstieg in die Technik-Woche? sprechen.

Maier freute sich über das erfüllte Soll von drei Medaillen: "Alles andere ist Zugabe."

Der Alpindirektor nahm die Geschehnisse um Neureuther aber auch zum Anlass, um an die Sicherheitskriterien zu erinnern.

Der Abstand zwischen den Kontrahenten müsse um zwei Meter erweitert werden, forderte er und kündigte Gespräche mit Renndirektor Günter Hujara an.

Der Neureuther-Vorfall war aber das einzig Negative des gelungenen Wettbewerbs.

Überragender Hirscher

Vor allem die Gastgeber waren mit dem Endergebnis hochzufrieden.

Nach dem klaren 4:0 über Deutschland im Halbfinale gewannen die Österreicher auch gegen Schweden jedes Einzelduell und sicherten sich - angeführt von einem überragenden Marcel Hirscher - die Goldmedaille.

Österreichs Seele wieder im Gleichgewicht

Es war die erste für den ÖSV bei dieser WM - aber es fühlte sich nach viel mehr als nur einer Goldmedaille an.

Mit einem Rennen rückten die österreichischen Ski-Stars die Seele der Alpenrepublik wieder ins Gleichgewicht.

"Es fühlt sich super an. Auf uns lastet ein immenser Druck. Von acht Medaillen Minimum war die Rede. Deshalb war es genial", beschrieb Hirscher seine Siegesgefühle.

Hymne als Höhepunkt

Höfl-Riesch konnte mit ihm mitfühlen. Als die Zuschauer den rot-weiß-roten Triumph feierten, blickte sich die Doppel-Olympiasiegerin um und sagte in Hirschers Richtung: "Geil, oder?"

"Ja, geil!" lautete Hirschers knappe Antwort.

Als dann 15.000 Kehlen die österreichische Nationalhymne sangen, war das wohl der stimmungsvollste Moment dieser Titelkämpfe.

Hujara tanzt vor Freude

Aber schon während des Rennens war die Atmosphäre herausragend. Den Organisatoren gelang es, den Wettbewerb für Zuschauer und Sportler gleichermaßen attraktiv zu gestalten.

Spannung war jederzeit geboten, zahlreiche Duelle wurden im Hundertstelkrimi entschieden, auf der Strecke sah man spektakuläre Szenen.

Ein Slowene fuhr kerzengerade in ein Tor hinein, das ihm dann die Sicht verdeckte.

Selbst der nüchterne Funktionär Hujara ließ sich von der Stimmung anstecken und bot den Fans neben dem Starthaus stehend eine eigenwillige Tanzaktion.

Auch Maier war begeistert und prophezeite dem Team Event eine große Zukunft: "das wird einer der wichtigsten Wettbewerbe werden", prophezeite er.

Tränen bei Kanadierin

Nur eine war am Ende todtraurig. Die Kanadierin Marie Michele-Gagnon weinte Tränen der Enttäuschung, weil sie vor dem Bronze-Duell gegen die Deutschen plötzlich ausgebootet und durch Brittany Phelan ersetzt wurde.

"Ich weiß nicht, warum sie mir keine Chance geben wollten", fragte sie ratlos.

Die Deutschen profitierten wohl von dieser Entscheidung des kanadischen Trainers. Dürr setzte sich gegen Phelan klar durch.

Wer weiß, wie das gegen die Spitzenslalomfahrerin Gagnon ausgesehen hätte?

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