Hans Knauß gewann bei Olympia 1998 in Nagano Silber im Super-G © imago

Bei der WM-Abfahrt winkt ein wilder Ritt. Experte Hans Knauß erklärt SPORT1 die Strecke und kontert Stephan Kepplers Kritik.

Von der Ski-WM berichtet Andreas Kloo

Schladming - Die Herren-Abfahrt ist traditionell der heimliche Höhepunkt der Ski-WM.

Nicht wenige bezeichnen die Schnellfahrt mit bis zu 140 Sachen den Berg hinunter als alpine Königsdisziplin.

Auch in Schladming (Sa., ab 10 Uhr im LIVE-TICKER) winkt wieder ein wildes Spektakel, wenn sich die Fahrer die Planai hinunterstürzen.

Dem einzigen deutschen Starter war es beim Training am Donnerstag sogar zu wild ( 671737 DIASHOW: Die Bilder der Ski-WM ).

Keppler übt Kritik

Mit Müh und Not verhinderte Stephan Keppler einen schlimmen Sturz und beschwerte sich hinterher über die Pistenpräparierung.

Einige Wellen hätten seiner Meinung nach abgetragen gehört. Der Kesslersprung sei außerdem zu gefährlich, monierte der 30-Jährige: "Wenn da ein paar fast stürzen, sieht's auch der Hujara", kritisierte er den FIS-Renndirektor.

"Genuss ist es sicher nicht"

Einer, der die Planai wie kein Zweiter kennt, ist Hans Knauß. Der zweifache WM-Medaillengewinner ist in Schladming geboren und aufgewachsen.

Bei der WM ist der 41-Jährige als Kamerafahrer für den ORF im Einsatz.

Er teilt Kepplers Kritik nicht: "Es ist nun mal eine technisch schwere Abfahrt. Der Stephan Keppler muss da einfach eine Schippe drauflegen. Ein Genuss ist es sicher nicht da runter", stellt er klar.

"Richtig schwer machen die Abfahrt aber die vielen Bodenwellen, man hat nie Zeit zum Ausruhen", nennt er das entscheidende Kriterium der 3,3 Kilometer langen Strecke.

Da ist Skigefühl gefragt

Bei SPORT1 stellt Knauß die einzelnen Streckenabschnitte vor und erklärt, worauf es dabei ankommt.

Los geht es nach wenigen Sekunden mit dem Walchersprung:

"Der ist zum Genießen, ob du jetzt 50, 55 oder 60 Meter fliegst, der ist kein Problem", sagt Knauß zu dem weiten Satz.

Danach ist Skigefühl gefragt: "In den langgezogenen Kurven danach kommt es aufs gefühlvolle Fahren an", erklärt Knauß.

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Der nächste Sprung ist schon schwieriger: "Der Panoramasprung muss in einer Kurve angefahren werden. Wenn du da die Richtung nicht hast, dann geht's ab mit dir", warnt Knauß die Fahrer.

Keppler nicht perfekt vorbereitet?

Nun folgt der Mauthang bis zur Mittelstation.

Knauß: "Das ist das einzige echte Gleitstück mit einer Dauer von sechs bis sieben Sekunden."

Nach dem Klammerschuss folgt der von Keppler kritisierte Kesslersprung. Eigentlich auch problemlos, aber Keppler war offenbar nicht auf die Höhe des Sprunges eingestellt (DATENCENTER: Ergebnisse).

Richtig hart wird es ab dem Holzhacker: 2,5 Kilometer haben die Läufer dann schon in den Beinen.

"Ab hier machen die Kurven zu, da muss man schnell wechseln, das wird dann eine richtige Challenge", schnauft Knauß in Erinnerung an seine Kamerafahrt hörbar durch.

"Wie durch ein Wunder unverletzt"

Beim Italienerloch geht es in eine scharfe Rechtskurve.

Knauß erklärt, woher der Name kommt: "1973 hat es am Tag vor dem Rennen geregnet und in der Nacht wurde es kalt. Das war dann von oben bis unten ein Eislaufplatz."

Die Italiener kamen mit diesen Bedingungen überhaupt nicht zurecht.

"Da stand damals ein alter Stadl, der mit Heuballen geschützt war, da hat es dann drei oder vier Italiener reingepfeffert", erzählt Knauß: "Der Roland Thöni hat sich dabei das Bein gebrochen, die anderen blieben wie durch ein Wunder nahezu unverletzt."

"Je länger, desto schwerer"

Das Weirather-S vor dem Zielhang ist ebenfalls technisch sehr anspruchsvoll. Hier verlor Keppler am Donnerstag die Balance.

Generell gilt laut Knauß: "Je länger die Abfahrt dauert, desto schwerer wird es."

Deshalb sieht er auch große Ähnlichkeiten mit der Weltcup-Abfahrt in Bormio: "Dort geht es in den letzten 20 Fahrsekunden ebenfalls richtig zur Sache."

Zwei österreichische Favoriten

Aus Knauß' Analyse ergeben sich dann auch die Favoriten auf Abfahrts-Gold. Die Läufer, die im Dezember in Bormio stark waren, werden den Sieg wohl unter sich ausmachen.

Damals erlebten die Fans einen echten Hundertstel-Krimi.

Der Österreicher Hannes Reichelt und der spätere Kitzbühel-Champion Dominik Paris (Italien) teilten sich zeitgleich den Sieg.

Aksel Lund Svindal belegte mit einer Hundertstelsekunde Rückstand Rang drei, Klaus Kröll wurde mit 0,02 Sekunden zurück Vierter.

Die österreichischen Gastgeber haben also gleich zwei heiße Eisen im Feuer.

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