Selina Gasparin holte den ersten Weltcup-Sieg für die Schweiz © getty

Selina Gasparin beschert der Schweiz einen historischer Erfolg. Zum Biathlon kommt sie aus der Not heraus - fernab der Heimat.

Aus Hochfilzen berichtet Andreas Kloo

Hochfilzen/München - Als Selina Gasparin die Schweizer Nationalhymne hörte und die Blicke der 7.500 Zuschauer in Hochfilzen auf sie gerichtet waren, spürte sie eine Gänsehaut.

Soeben hatte sie beim Sprintrennen in Tirol für eine faustdicke Überraschung gesorgt und der Schweiz den ersten Biathlon-Sieg der Sportgeschichte gesichert.

"Wenn man dann da oben steht, dann weiß man warum man all die Anstrengungen in Kauf genommen hat?, schilderte sie SPORT1 ihre Gefühle auf dem Siegespodest nach dem historischen Erfolg im österreichischen Hochfilzen (DATENCENTER: Ergebnisse Hochfilzen).

Vom Langlauf zum Biathlon

Gasparin hatte in der Tat einige Anstrengungen in Kauf genommen für ihren Traum, einmal ganz oben auf dem Biathlon-Podest zu stehen.

Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, als die heute 29-Jährige den Vorsatz fasste, in die Weltelite der Skijägerinnen vorzustoßen.

Schon für eine deutsche Sportlerin wäre das ein mutiges und selbstbewusstes Vorhaben. Bei Gasparin schien es im Jahre 2004 aussichtslos zu sein.

Frauenbiathlon gab es damals in der Schweiz schlichtweg nicht, die Graubündnerin leistete Pionierarbeit - und musste selbst dafür viele Opfer erbringen.

Als Juniorin hatte sie ihr Glück im Langlauf versucht und staubte zahlreiche Siege, Pokale und Medaillen ab.

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18 Fehler beim ersten Schießen

Ungewöhnlich für die Alpinnation Schweiz reizte Gasparin der Nordische Skisport - überhaupt verspürte sie eine Sehnsucht nach Skandinavien.

Deshalb entschied sie sich nach dem Abitur 2003 für ein Sportstudium in Norwegen.

Zunächst schien das das Ende ihrer sportlichen Karriere zu sein. Denn der Schweizer Skiverband wollte sie beim Auslandsaufenthalt nicht mehr finanziell unterstützen.

Zur gleichen Zeit machte sie in Norwegen Bekanntschaft mit dem Biathlon und kam schnell auf den Geschmack.

Von Negativerlebnissen - beim ersten Schießen traf sie bei 20 Schüssen nur zweimal - ließ sie sich nicht abschrecken.

Beschwerliche Anfangsjahre

2005 startete sie dann erstmals im Weltcup. Beim Rennen in Östersund landete sie auf Rang 86 - mit fast vier Minuten Rückstand auf Siegerin Uschi Disl.

Aber: sie schoss nur dreimal daneben.

Die folgenden Jahre waren nicht immer einfach. Während ihrer Ausbildung zur Zollbeamtin hatte sie erst abends Zeit zum Trainieren, in der Schweiz gab es kein Trainingszentrum, oft fuhr sie deshalb ins benachbarte Italien.

Im Weltcup war sie als Einzelkämpferin unterwegs. 2007 sagte sie in einem Interview: "Eine Schweizer Staffel werde ich nicht mehr erleben." Es sollte anders kommen.

Verband schafft professionelle Strukturen

Gasparin feierte erste Erfolge und gab dem Biathlonsport in der Schweiz Schubkraft.

Der Verband führte endlich auch professionelle Bedingungen in der Nachwuchsarbeit ein und plante den Bau eines modernen Biathlon- und Langlaufzentrums in die Lenzerheide.

Dort findet zur Jahreswende erstmals die Tour de Ski statt.

Schwesterntrio im Einsatz

Längst ist Gasparin auch nicht mehr die einzige Schweizer Biathletin. Als sie 2010 erstmals in die Top 10 lief, hatte sie ihre sieben Jahre jüngere Schwester Elisa an ihrer Seite.

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Mittlerweile sind die Gasparins gar zu dritt, auch die heute 19-jährige Aita hat es in den Kreis der Skijägerinnen geschafft.

Das Familienunternehmen tut Selina nach all den Jahren als Einzelkämpferin gut: "Das ist cool. Man fühlt sich wie zu Hause, obwohl man ständig unterwegs ist."

Im Dezember 2012 sorgte das hübsche Trio für ein Novum: Erstmals standen drei Schwestern gemeinsam in einer Staffel.

Boulevardpresse interessiert

Dank des Sister Act Gasparin interessierten sich nun auch die Schweizer Medien für die dortige Randsportart Biathlon. Alle drei sind attraktiv, kommunikativ und auch mal für einen Fotospaß zu haben.

Für eine Schweizer Boulevardzeitung ließen sie sich zu dritt mit der ungewöhnlichen Kombo aus kurzem Abendkleid, High Heels und Gewehr ablichten.

"Wir haben nicht den Stellenwert wie Fußball, Tennis oder Eishockey, aber die Aufmerksamkeit für den Biathlon nimmt zu", berichtete Gasparins langjähriger Trainer und heutiger Damen-Chefcoach Markus Segessenmann bei SPORT1.

Dennoch besteht noch viel Luft nach oben, beim Weltcup in Hochfilzen war nur ein Schweizer Print-Journalist vor Ort.

Ungewohnter Interviewmarathon

Nach Gasparins historischem Erfolg im Sprint blieb aber ihr Handy nicht mehr still. "Zahlreiche Zeitungen oder Radiostationen haben angerufen. Man macht es zwar gerne, aber es kostet auch Energie", blickte sie zurück.

Siegerehrung, Interviews, Pressekonferenz, Dopingkontrolle, für die einstige Seriensiegerin Magdalena Neuner war das irgendwann business as usual.

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Für Gasparin ungewohnt. Erst fünfeinhalb Stunden nach ihrem Zieleinlauf war sie zurück im Hotel, zum Feiern war sie zu müde.

Die Energie fehlte ihr dann auch in der Verfolgung am Sonntag. Nach den ersten beiden Schießeinlagen schien sie sogar drauf und dran zu sein, ihren Sensationserfolg zu wiederholen, aber dann schoss sie jeweils zweimal daneben.

"Das Stehendschießen ist meine große Schwäche", gibt sie zu.

Gemeinsamkeiten mit Gössner

Gasparin ist durch ihren Werdegang vor allem eine starke Langläuferin. Wie Miriam Gössner trat sie zuletzt auch bei der Nordischen Ski-WM an (BERICHT: Rätselraten um traurige Gössner).

Im Sommer erlebte die sympathische Schweizerin eine weitere Gemeinsamkeit mit Gössner. Beim Mountainbike-Training stürzte sie ebenfalls vom Rad, kam aber im Vergleich zu ihrer deutschen Kollegin glimpflich davon.

Sie zog sich "nur" einen Riss des Syndesmosebandes zu.

Aber derartige Erlebnisse und der lange harte Weg in die Weltspitze haben aus Gasparin eine Frau mit realistischem Blick auf die Zukunft gemacht.

Von einer Olympia-Medaille in Sotschi will sie derzeit nicht sprechen. "Olympia oder nicht, ein Platz unter den ersten Drei ist überall gleich schwer. Es gibt 20 Mädls, die es schaffen können aufs Podest zu laufen. Das ist Wahnsinn."

Eine Schweizer Medaille im Biathlon wäre das auch - ein Wahnsinn.

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