Miriam Gössner holte im Weltcup fünf ihrer zehn Podiumsplätze im Sprint © imago

Bei SPORT1 analysiert Sportdirektor Thomas Pfüller das schwache deutsche WM-Abschneiden. Gössner aber nimmt er in Schutz.

Von Andreas Kloo und Raphael Weber

München - Denkpause für die deutschen Biathleten: Am weltcup-freien Wochenende müssen die DSV-Skijäger die schlechteste Medaillenausbeute verdauen, seit Frauen und Männer ihre Weltmeisterschaften im Jahr 1985 gemeinsam austragen.

Statt der angestrebten fünf bis sechs Medaillen standen am Ende der WM in Nove Mesto nur Silber für Andrea Henkel im Einzel und Bronze für die Männerstaffel zu Buche.

Die als Weltcup-Zweite angereiste Miriam Gössner, welche die durch Magdalena Neuners Rücktritt entstandene Lücke halbwegs schließen sollte, ging mit leeren Händen nach Hause. (DATENCENTER: Die WM-Ergebnisse)

Im SPORT1-Interview ordnet DSV-Generalsekretär und -Sportdirektor Thomas Pfüller das Abschneiden ein, analysiert die vielen Fehler am Schießstand, nimmt Gössner aber auch in Schutz.

Zudem spricht der 63-Jährige über Konsequenzen und warnt davor, nur an einer Stellschraube zu drehen.

SPORT1: Herr Pfüller, die deutschen Biathleten haben bei der WM in Nove Mesto nur zwei Medaillen geholt. Müssen sich die Fans auf eine längere Durststrecke einstellen?

Thomas Pfüller: Wir müssen uns zumindest darauf einstellen, dass es immer schwieriger wird, auf das Podium zu kommen. Insbesondere bei den Herren ist die Weltspitze in den vergangenen Jahren extrem eng zusammengerückt. Da muss wirklich am Tag X alles passen, um am Ende zu den Medaillengewinnern zu gehören. Bei den Damen hatten wir bekanntermaßen in den vergangenen Jahren einen erheblichen personellen Aderlass. Bis wir diese Lücke geschlossen haben, wird noch eine gewisse Zeit ins Land streichen. Aber eines ist auch klar: Die zwei Medaillen spiegeln nicht das Leistungsvermögen unserer Athletinnen und Athleten wider. In Nove Mesto kamen ganz einfach mehrere Faktoren zusammen, die dazu geführt haben, dass wir unsere Ziele nicht erreicht haben. Daraus müssen wir lernen und versuchen, es in Sotchi besser zu machen.

SPORT1: Auffällig ist, dass Athleten wie Miriam Gössner oder Andi Birnbacher im Weltcup noch bedeutend bessere Leistungen gezeigt haben. War die längere Wettkampfpause vor der WM ein Problem? ( 672976 DIASHOW: Bilder der WM )

Pfüller: Andi war im Vorfeld der WM gesundheitlich leicht angeschlagen. Das war sicherlich nicht leistungsfördernd. Und man hat ja auch gesehen, dass er gegen Ende der Titelkämpfe immer besser in Schwung gekommen ist. Auch bei Miriam lag es weniger an der Wettkampfpause. Sie konnte auf den relativ leichten WM-Strecken ganz einfach nicht ihre läuferische Überlegenheit ausspielen. Normalerweise kann sie auf der Strecke ja den einen oder anderen Schießfehler kompensieren ? das war in Nove Mesto leider nicht möglich.

SPORT1: Wird der DSV Konsequenzen ziehen? Von der Einstellung eines Schießtrainers war die Rede?

Pfüller: Wir werden uns nach der Saison ganz sicher in Ruhe mit unseren Trainern zusammensetzen und analysieren, was wir in Zukunft noch besser machen können. Die Erfahrung zeigt, dass es in den seltensten Fällen damit getan ist, nur an einer einzigen Stellschraube zu drehen, wenn man nachhaltig wirksame Änderungen herbeiführen möchte. Die Schießtrainer-Diskussion ist ja nicht wirklich neu. Wir können das Thema Schießen im Biathlon aber nicht so einfach isoliert betrachten. Wer im konditionellen Bereich nicht auf der Höhe ist, wird am Schießstand unweigerlich Fehler machen. Im Übrigen haben wir bei der Herrenstaffel eine der besten Schießleistungen überhaupt gesehen.

SPORT1: Noch wichtiger scheint aber ein Mentaltrainer, manche Athleten kümmern sich individuell um eine solche Hilfe. Warum geht das nicht vom DSV aus?

Pfüller: Damit ein Mentaltrainer wirklich erfolgreich mit einem Athleten arbeiten kann, muss ein extrem großes Vertrauensverhältnis vorhanden sein. So etwas kann nicht vom Verband vorgeschrieben oder organisiert werden.

Aber es ist richtig: Die mentale Komponente spielt vor allem am Schießstand eine sehr große Rolle. Von daher müssen wir sicherlich überlegen, wie wir unsere Sportler in diesem Bereich noch besser unterstützen können. Aber die Entscheidung, ob ein Mentaltrainer in Anspruch genommen wird, kann letztendlich allein der Athleten treffen.

SPORT1: Miriam Gössner geht jetzt bei der Nordischen Ski-WM auch im Langlauf an den Start: Ist das eine Chance für Sie, befreit aufzutreten oder ist das Risiko größer, bei Misserfolg in ein noch tieferes Loch zu fallen?

SPORT1: Miriam wäre ganz sicher nicht nach Val di Fiemme gefahren, wenn sie und wir nicht davon überzeugt wären, dass sie die Mannschaft verstärken kann. Sie hat sich unglaublich auf diese WM gefreut und auch das Damen-Team freut sich, dass Miriam nach 2009 und 2010 wieder mit dabei ist. So tief war das Loch, in das Miriam in Tschechien gefallen ist, ohnehin nicht. Wenn man sich ihre Platzierung im aktuellen Gesamtweltcup anschaut, wird klar, dass Miriam eine richtig gute Saison läuft. Und was immer wieder gerne vergessen wird: Sie ist gerade einmal 22 Jahren alt!

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